Schottischer Sommer am Rhein

Ein Abend mit Amy Macdonald auf dem Kunst!Rasen

Bonn. Amy Macdonald spielt zum Finale der Konzertsaison vor 5000 Besuchern auf dem Kunst!Rasen. Die trotzen dem Dauerregen gern.

Das Wetter: Dauerregen. Das Publikum: tapfer. Regenschirme in allen Farben. Rund 5000 Fans aus ganz Nordrhein-Westfalen sind erschienen, um die Sängerin Amy Macdonald live zu erleben. Die Künstlerin: Sie hat keinen Vertrag mit Tiefdruckgebieten, sie stammt aus Schottland. Man könnte an dieser Stelle ein Zitat bemühen: „Ist doch gutes schottisches Wetter, der Regen fällt fast lotrecht“, sagt Mel Gibson, obwohl Australier, im legendären Kinofilm „Braveheart“.

Miss Macdonald ist im Bandbus von einem Konzert aus Hamburg angereist: 16 Grad, grauer Himmel, 5000 Besucher. Echte Fans wissen: Amy Macdonald kann sich ausgefallene Hobbys leisten, seit sie vor zehn Jahren vom Debütalbum „This Is The Life“ mehr als sechs Millionen Exemplare verkauft hat. Ihre Spielsachen hat sie jedoch zu Hause gelassen, backstage wurde kein Ferrari gesichtet, kein 458 Speciale und kein 488 GTB.

Für den Regen in Bonn hat sie ebenfalls einen passenden Vergleich parat: „So ist der Sommer in Schottland“, sagt sie bei ihrer ersten Begrüßung des Publikums in einem lupenreinen Slang, den man in den Äußeren Hebriden verorten möchte. Doch sie trägt kein Karo, kein „Royal Stewart“ wie die kölsche Band Brings, die vor vier Wochen den Kunst!Rasen beehrt hat.

Nein, Miss Macdonald bevorzugt Lederjacke, gestreiftes T-Shirt und schwarze Designerjeans. Die 29-Jährige aus Bishopbriggs, die mittlerweile in der Großstadt Glasgow lebt, entfernt sich immer mehr von ihrem mädchenhaften Image. Sie präsentiert sich sympathisch, offen und auch clever.

Die Dramaturgie des Abends jedenfalls zeugt vom Selbstbewusstsein einer Künstlerin, die nicht mit einem simplen Single-Hit das Licht der Musikwelt erblickt hat, sondern mit gleich mehreren Ohrwürmern auf insgesamt vier Alben. Sie beginnt mit dem Titelstück ihres aktuellen Albums „Under Star“, spielt zwei Stücke vom zweiten Silberling „A Curious Thing“, erinnert mit „Mr Rock & Roll“ an den Opener des Debüts, springt zu „Slow It Down“ aus „Life In A Beautiful Light“.

Macdonald betreibt, unterstützt von einer hellwachen Band, eine überzeugende Werkschau. 16 Stücke hat sie im Repertoire plus drei Zugaben. Und sie findet immer wieder Momente, dem Publikum einen speziellen Abend zu bereiten, den Besuchern zu danken, dass sie sich bei diesen widrigen Umständen überhaupt auf den Weg zum Konzert gemacht hat.

Klar, sie hatten längst Tickets. Trotzdem. Amy erzählt von ihrer Musikerwerdung, damals, als sie eine Show der ebenfalls schottischen Band Travis besucht hat und inspiriert war, nicht nur von deren Hit „Why Does It Always Rain On Me“. Schon wieder Regen. Applaus im Publikum, man kann mitreden. Derweil ziehen die Veranstalter des Festivals eine erste Bilanz. Die Saison war wechselhaft wie das Wetter dieses Abends. 15 000 Besucher kamen allein zu Andreas Bourani und Brings. Zufriedenstellend war die Resonanz auch bei Sarah Connor und Zucchero.

Jean-Michel Jarre, Passenger und die 257er hätten mehr Aufmerksamkeit verdient. Insgesamt zählten Ernst-Ludwig Hartz und Martin Nötzel knapp 35 000 Festivalbesucher. „Wir sind nicht unzufrieden“, sagt Hartz und richtet den Blick bereits nach vorne.

Für die Saison 2018 ist man mit Künstlern in Verhandlung, im Herbst werden erste Namen genannt. Der Vertrag für den Kunst!Rasen läuft bis 2021. „Das bedeutet Planungssicherheit“, sagt Hartz, „sogar für 2019 gibt es schon Anfragen von Künstleragenturen.“

Nach der Show ist vor der Show. Das trifft auch auf Amy Macdonald und ihre Entourage zu: Nach der letzten Zugabe begeben sie sich in ihren Nightliner und nehmen Kurs auf Skandinavien. Es geht zum Trollrock Festival in Beitostolen, das liegt in den norwegischen Bergen, rund 50 Kilometer westlich von Lillehammer. Möglicherweise liegt dort schon Schnee.