Liederabend

Edita Gruberova in der ausverkauften Bonner Oper

BONN. In einem Alter, in dem andere ihre wohlverdiente Pension in Anspruch nehmen, reißt Edita Gruberova mit ihrer Jahrhundertstimme das Publikum immer noch zu Begeisterungsstürmen hin.

Wie bei ihrem Liederabend in der ausverkauften Bonner Oper, den sie mit ausgewählten Liedern von Franz Schubert zunächst verhalten beginnt. Nicht, weil sie ihre Kraft einteilen und die Stimme in den "Vier italienischen Canzonen" noch schonen müsste, sondern, weil das Galakonzert eine Dramaturgie der Steigerung verfolgt: "La Primadonna assoluterova" gibt nicht gleich alles; die ganz große Show hebt sie sich fürs Finale auf.

Dennoch gerät auch "Gretchen am Spinnrade" schon zur Miniaturoper mit Gänsehaut-Potenzial. Während ihr brillanter Begleiter Alexander Schmalcz am Flügel unermüdlich das Spinnrad weiterdreht, leuchtet Edita Gruberova das widersprüchliche Gefühlsleben des armen Gretchens bis in den hintersten Winkel aus.

Jung, frisch und vital klingt diese Stimme, völlig frei von Schärfen, leierndem Vibrato oder sonstigen Alterserscheinungen, mit denen andere Sopranistinnen zu kämpfen haben. Die Gruberova setzt alle Naturgesetze außer Kraft: Ganz leicht sprechen die Spitzentöne an, die filigranen Lineaturen schillern in allen Farben, das fabelhaft gestützte Piano schwebt mühelos bis zum 2. Rang, und das das sotto voce ist bei aller exquisiten Artikulation ein einziges süßes Strömen.

Und wo Kraft und Beweglichkeit dann doch einmal nachlassen, springt die fabelhafte Technik in die Bresche. Virtuose Belcanto-Komödie gibt es mit Hugo Wolfs "Sieben Liedern" nach Mörike-Texten, darunter drollige Nummern wie das "Mausfallen-Sprüchlein" oder "Elfenlied", bevor die Primadonna mit "Ich wollt' ein Sträußlein binden", "Säusle, liebe Myrte" und "Als mir Dein Lied erklang" von Richard Strauss noch einmal einen Gang zulegt: Auch, wenn sie nie Wagner gesungen hat - Edita Gruberova beherrscht das dramatische Fach wie alles andere auch.

Dass sie aber als Koloratursopran die Welt erobert hat und ihre Königin der Nacht nach wie vor das Maß aller Dinge ist, dem trägt der Zugabenteil Rechnung: Wenn die Gruberova die agile "Hirondelle" von Eva dell'Aqua bis zur Sonne steigen lässt und mit halsbrecherischen Läufen, Trillern, Seufzern und Spitzentönen die Nöte ihres Berufsstandes besingt ("Ach, wir armen Primadonnen!" von Carl Millöcker) ist das Publikum vollends aus dem Häuschen.

"In manchen Tönen ist die Nachtigall noch Vogel", schreibt Ottilie in Goethes "Wahlverwandtschaften" in ihr Tagebuch, "dann steigt sie über ihre Klasse hinaus und scheint jedem Gefiederten andeuten zu wollen, was eigentlich Singen heiße."