Dreistündiger Klassiker im Schauspiel Bonn

Drama in vier Akten von Eugene O’Neills

Jamie (Sören Wunderlich, links) und sein todkranker Bruder Edmund (Gustav Schmidt).

Jamie (Sören Wunderlich, links) und sein todkranker Bruder Edmund (Gustav Schmidt).

Bonn. Im Fegefeuer der Ängste auf der Bühne im Schauspiel Bonn: Freundlicher Applaus für Martin Nimz' Inszenierung des Dramas „Eines langen Tages Reise in die Nacht“.

Sie müssen spielen gegen die Lebensverbitterung. Sie wissen, dass sie nicht einmal sich selbst glauben. Aber weil sie Theaterleute sind, tun sie so, als ob ihre Wunden heilen könnten. Sie hassen, lieben und verletzen sich bis aufs Blut. Sie spielen also Familie. Ein richtiges Zuhause haben sie nicht. Im Bühnenbild von Sebastian Hannak gibt es kein Sommerhaus am Meer und kein Wohnzimmer. Nur eine fast leere Bühne, auf allen Seiten umgeben von roten Samtvorhängen. Zwischen den vier Akten von Eugene O’Neills (1888 – 1953) amerikanischem Familiendrama „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ schließen sie sich für die kleinen Zeitsprünge zwischen Morgen und Mitternacht. Für die Schauspielerfamilie Tyrone bedeutet der Parkettboden der Bühne die Welt. Ein Draußen gibt es nur für den Nachschub von Alkohol und Morphium.

Regisseur Martin Nimz (es ist bereits seine sechste Inszenierung in Bonn) lässt die Personen oft in großer Distanz voneinander agieren. Der Kontrast zwischen Entfernung und Intimität wird verstärkt durch die minimale Verfremdung der Stimmen per Mikroport, ansonsten setzt die Aufführung in der modernen Übersetzung von Michael Walter auf sprachliche Genauigkeit und vor allem auf das exzellente fünfköpfige Schauspielerensemble. Ein paar Kalauer – sogar Bonn kommt vor – stören nicht sonderlich; der unverzichtbare Nebel steht in O’Neills 1940 verfasstem, 1956 posthum in Stockholm uraufgeführtem Text. Nicht ganz zufällig erstmals präsentiert in der schwedischen Hauptstadt, denn der Literatur-Nobelpreisträger von 1936 verdankte den großen skandinavischen Dramatikern Ibsen und Strindberg seine psychologisch-realistische Schreibweise und vermachte seinen Nachlass dem Stockholmer „Dramaten“-Theater.

Im Schauspielhaus am Bad Godesberger Theaterplatz verkörpert Wolfgang Rüter perfekt den eitlen alten Patriarchen James Tyrone, der dem vergangenen Bühnenglanz nachträumt, gern Shakespeare zitiert und zwischen Geiz und Selbstbetrug lamentierend seine Familie tyrannisiert. Als einstiger Bühnenstar mit einem kalkulierten Zug ins Melodramatische genießt er Whiskey schon zum Frühstück. Manchmal entlockt er einem Kontrabass ein paar Klänge, und auch die anderen greifen gelegentlich zu Streichinstrumenten. Die Musik bleibt ansonsten aber diskret zugunsten der feinen psychologischen Zwischentöne.

Überzeugendes Ensemble

Die fabelhafte Sophie Basse spielt mit weißer Perücke James‘ Gattin Mary. Vorzeitig gealtert, morphiumsüchtig (angeblich wegen ärztlicher Fehler bei der schweren Geburt ihres jüngsten Sohnes Edmund), mal hysterisch aufgekratzt, dann wieder versunken in Trauer um ihren mit zwei Jahren verstorbenen mittleren Sohn Eugene (!), im Drogenrausch völlig neben sich stehend und schließlich ein halbnacktes menschliches Wrack (Kostüme: Jutta Kreischer), das verzweifelt um Zuwendung bettelt.

Sören Wunderlich gibt überzeugend den verlotterten ältesten Sohn Jamie, der seine Gagen mit Whiskey und Weibern vernichtet und in der Familienhölle hoffnungslos feststeckt. Einen Hoffnungsschimmer zwischen den selbstverliebten, zunehmend von geleerten Flaschen umgebenen Wirklichkeitsverweigerern liefert der junge Gustav Schmidt (seit dieser Spielzeit fest in Bonn engagiert) in der Rolle des todkranken Edmund. Alle tun seine Schwindsucht (O’Neill litt jahrelang an Tuberkulose) als harmlose Sommergrippe ab, er weiß es besser. Und er kämpft um sein echtes Leben. Sturzbesoffen zwar, aber der große ehrliche Dialog mit seinem Vater wirkt wie ein reinigendes Fegefeuer und geht unter die Haut. Als stocknüchternes Hausmädchen Cathleen hat das neue Ensemble-Mitglied Sandrine Zenner ein paar kleine Auftritte, die sie mit energischem Selbstbewusstsein und ironischer Empathie füllt.

Es gibt viele berührende Momente von Wahrheit in dem Spiel um tragische Lebenslügen und eine krachend zerbröckelnde bürgerliche Fassade. Und es ist doppelbödiges Schauspielertheater, weil sich da unbehauste Bühnenfiguren eigenwillig behaupten. Die sehenswerte Quälerei dauert auch nicht vier Stunden wie Andrea Breths Inszenierung 2018 am Wiener Burgtheater, sondern inklusive Pause bloß knapp drei. Freundlicher Premieren-Applaus.

Nächste Vorstellungen am 24.1., 1. und 16.2. jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus Bonn. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie im Internet auf www.ga-bonn.de/tickets.