Dorothea von Stetten: "Man muss sich mit dem Neuen auseinandersetzen"

Bonner Mäzenin und Preis-Stifterin wird am Mittwoch 95 Jahre alt

Bonn. Auf die Frage, was es denn Neues gebe, antwortet Dorothea von Stetten resolut: "Das Neue ist, dass sich das Alte bewährt hat."

Und da ist die Bonner Kunstmäzenin schon bei der genialen Konstruktion ihres Dorothea von Stetten-Kunstpreises, der auf dem Prinzip zweier voneinander unabhängiger, prominent besetzter Kommissionen beruht: Die eine nominiert Künstler für den Preis, den die zweite Jury dann vergibt. Alle Nominierten präsentieren sich im Bonner Kunstmuseum.

Seit 1984 ist im Zweijahresrhythmus ein beeindruckendes Teilnehmerfeld gewachsen - mit großen Namen von Stephan Balkenhol über Gregor Schneider bis Nicole Wermers, um nur drei zu nennen. Nach ihrem 70. Geburtstag hatte Dorothea von Stetten ihren renommierten Preis gestiftet.

An ihrem 85. blickte sie bereits auf eine stolze Zahl von Kandidaten und Preisträgern zurück, zeigte außerdem erstmals im Kunstmuseum Teile ihrer rund 600 Arbeiten umfassenden Sammlung. Als sie ihren 90. Geburtstag feierte, sagte sie streng: "Ich werde Neunzig und ich bleibe Neunzig, ich habe mir nichts vorgenommen."

Am Vorabend ihres 95., den die Mäzenin am Mittwoch feiert, will sie nur die Zahl korrigiert haben: Sie werde 95 und bleibe 95. Und sie wird auf Bitten vieler auch Vorsitzende im Kuratorium ihrer Stiftung bleiben - trotz der angeschlagenen Gesundheit.

Anlässlich der Verleihung des Stetten-Preises im Jahr 2006 hatte sie eingeräumt: "Leider habe ich in diesem Jahr meine Sehfähigkeit eingebüßt. Zum ersten Mal kann ich die Künstler nicht mehr mit den Augen begleiten", schrieb sie "zum Geleit" im Katalog. Ein bitterer Satz für jemanden, der sein Leben der bildenden, visuellen Kunst gewidmet hat.

Dorothea von Stetten, die am 9. April 1913 in Berlin geboren wurde, wuchs in einem musischen Haus auf, galt als eifrige Museumsgängerin. Ab 1950 betreute sie im Auftrag einer US-Behörde Amerikahäuser in Deutschland, förderte dann bis 1975 als Ausstellungsleiterin an der amerikanischen Botschaft den kulturellen Dialog.

In Bonn zeigte sie etwa Werke von Pollock, Kline oder de Kooning. Dorothea von Stetten organisierte auch Begegnungen mit Schriftstellern wie Thornton Wilder, Designern wie Charles Eames oder Persönlichkeiten wie dem MoMA-Direktor Alfred J. Barr.

1963 gehörte Dorothea von Stetten zu den Gründern des Bonner Kunstvereins, sie war auch von 1973 bis 1981 dessen 1. Vorsitzende. Außerdem gehört ihr Herz dem Kunstmuseum Bonn - mit allen Höhen und Tiefen, die eine leidenschaftliche Beziehung mit sich bringt:

Dorothea von Stetten gründete mit Weggenossen den Förderverein, stieg Jahre später auf die Barrikaden, als nach dem finanziellen Debakel der "Zeitwenden-Ausstellung" Museums-Kunst zwecks Tilgung verkauft werden sollte, verließ aus Protest den Förderverein.

Mit dem Kunstmuseum hat sie ihren Frieden gemacht. Jetzt freut sie sich auf die Arbeit des neuen Kunstmuseums-Chefs Stephan Berg, den sie natürlich schon länger kennt: Im Jahr 2000 war Berg "Pate" für einen Künstler des Stetten-Preises, Berg schlug damals Johannes Spehr vor.

Pia Müller-Tamm, kommissarische Leiterin der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf, schlug 2006 - ebenso erfolglos wie ihr Neu-Bonner Kollege - Christian Freudenberger vor. Zwei Jahre zuvor saß Müller-Tamm in der Jury des Preises. Dorothea von Stetten hat die 50-jährige erfolgreiche Kunsthistorikerin jetzt gerade ins Kuratorium ihrer Stiftung geholt - ein echter Coup.

"Ich verfolge das Kunstgeschehen, soweit ich kann", sagt die Mäzenin. Sie lässt sich aus dem Feuilleton Ausstellungsrezensionen vorlesen oder etwa begeistert von Volker Adolphs mit vielen Erklärungen durch seine ausgezeichnete Schau "Gehen bleiben" im Kunstmuseum führen.

Das Kölner Domfenster von Gerhard Richter hätte sie gerne gesehen - "aber es ging einfach nicht". Dorothea von Stetten hat es immerhin versucht, gemäß ihrer Devise: "Man muss sich mit dem Neuen auseinandersetzten, muss sich den Zugang erkämpfen - es ist nichts umsonst."