Dirigieren ist eine dunkle Sache

Roman Kofman, Bonns zukünftiger Generalmusikdirektor, spricht im GA-Interview über seine Beziehung zum Beethoven Orchester und seine Repertoire-Politik - Freitagabend dirigiert er das "Konzert zur Karnevalszeit"

Bonn. Für das Beethoven Orchester Bonn war er der Wunschkandidat: Der ukrainische Dirigent Roman Kofman wird zum 1. August der Nachfolger von Marc Soustrot als Generalmusikdirektor.

Freitagabend dirigiert er in der Bonner Beethovenhalle das "Konzert zur Karnevalszeit" mit Werken von Rossini und Respighi. Mit Kofman sprach Ulrich Bumann.

GA: Lieben Sie Karneval?

KOFMAN: Was soll ich sagen? In meinem Land, in der ehemaligen Sowjetunion, gab es - in einem anderen Sinne - 70 Jahre lang Karneval, manchmal sehr fröhlich, manchmal sehr traurig. Das ist derzeit meine einzige Beziehung zum Karneval. Aber das ändert sich ja. Ich werde jetzt in Bonn meinen ersten richtigen Karneval erleben, deutschen Karneval. Und im übrigen: Ich freue mich wirklich, dass mein erstes Bonner Konzert in diesem Jahr mit Karneval zu tun hat. Das ist allemal ein schönerer Grund für ein Konzert als eine Tragödie.

GA: Sie haben das Beethoven Orchester im vergangenen Jahr während einer Spanien-Tournee kennengelernt. Für das Orchester war es offenbar Liebe auf den ersten Blick. Und für Sie?

KOFMAN: Oh ja, ich erinnere mich: Ihre Zeitung schrieb von einem innigen Verhältnis und von Ehe. Für eine richtige Liebe braucht es immer zwei, in einer guten Beziehung müssen sich beide Seiten lieben. Also: Ich war schon sehr angetan vom Orchester.

GA: Können Sie diese Begeisterung definieren?

KOFMAN: Gerne. Ich habe viele Orchester dirigiert. Um es - für die Statistiker - ganz genau zu sagen: Das Beethoven Orchester ist mein 63. Orchester. Und meine Erfahrung sagt mir: Die erste Stunde, die erste Probe, der erste Tag verrät mir ganz viel über ein Ensemble. Für mich ist es sehr wichtig zu sehen: Hat das Orchester lebendige Augen oder anders: Hat es Feuer in den Augen oder nicht? Die Qualität des Spiels, die Programme, die Instrumente - das alles spielt zunächst einmal keine Rolle.

Der Blick aufs Orchester ist das Wichtigste. Spielt es mit Enthusiasmus oder nicht? Und die Bonner haben mit Enthusiasmus gespielt. Das war ganz entscheidend. Und etwas anderes kommt hinzu: Das Beethoven Orchester hat eine gute Mischung von erfahrenen und jungen Mitgliedern. Die Balance stimmt. Diese kluge Personalpolitik ist die beste Voraussetzung dafür, in der Zukunft noch besser zu werden.

GA: Seit mehr als 20 Jahren sind Sie musikalischer Leiter des Kiev Chamber Orchestra. Was bevorzugen Sie: Kammerorchester oder das große Sinfonieorchester?

KOFMAN: Für mich gibt es keine Unterschiede zwischen den verschiedenen Formationen. Das ist alles Musik. Wissen Sie: Sollte meine Karriere stoppen, dann nehme ich meine Geige und spiele vielleicht Quartett. Aber ganz im Ernst: Ich sehe natürlich, dass viel Arbeit in Bonn auf mich zukommt, nicht nur bei den Konzerten, sondern auch in der Oper. Ich muss einfach mal abwarten, wie sich beides miteinander verträgt: die Arbeit mit meinem Kammerorchester und mit dem Beethoven Orchester. Nach der ersten Saison bin ich sicherlich klüger.

GA: Marc Soustrot, der derzeitige Generalmusikdirektor, ist Franzose. Er hat in seinen Programmen für Bonn oft starke französische Akzente gesetzt. Bekommen wir von Ihnen jetzt verstärkt Russisches oder Slawisches zu hören?

KOFMAN: Musik ist absolut international. Ich habe da keine Präferenzen. Es geht ja auch nicht um Fragen der Nationalität, sondern um Fragen der Repertoire-Politik. Wenn es über die Jahre weiße Flecken im Programm gibt - zum Beispiel: zu wenig Sibelius oder zu wenig amerikanische Musik oder zu wenig russische -, dann werde ich versuchen, das zu korrigieren. Aber wie gesagt: Es geht nicht um den Pass, es geht um Musik.

GA: Wie schauen Ihre Pläne in der Bonner Oper aus?

KOFMAN: In der ersten Saison dirigiere ich Bergs "Lulu" und Verdis "Macbeth". Im Jahr darauf auf jeden Fall Tschaikowskys "Eugen Onegin". Und ohne mich jetzt genau festzulegen: Ich möchte gerne Wagner machen, vielleicht den Tristan. Und unbedingt Schumanns "Genoveva", nicht auf der Bühne, sondern konzertant.

GA: Sind Sie in der Oper beteiligt an der Ensemblebildung, an der Auswahl von Sängern?

KOFMAN: Im Augenblick mache ich das praktisch jeden Tag. Ich tue mein Bestes. Wissen Sie, es ist schon eine witzige Situation: In meiner Heimat, in der Ukraine, haben mich die Sänger gesucht. Da hieß es: Ich möchte mit Roman Kofman musizieren. Jetzt suche ich die Sänger. Bonn hat ja eine Kombination aus festem Ensemble und Gästen. Ich muss mal sehen, welche musikalischen Ergebnisse das bringt. Nach der ersten Saison sollten wir uns überlegen, ob das System so funktioniert.

GA: Man kann es in jeder Premiere, an jedem Konzertabend sehen: Das Publikum in Oper und Konzert gehört vorzugsweise der älteren Generation an. Macht Ihnen das Sorgen?

KOFMAN: Das ist nicht nur in Bonn so. Das können Sie überall in Europa feststellen. In Asien ist das eine ganz andere Sache. Ich erinnere mich noch sehr gut: Als ich in Seoul Chef des Sinfonieorchesters war, saßen im Konzert junge Familien mit Baby. Wir müssen etwas tun, um junges Publikum zu gewinnen, ohne dass wir dabei das alte verlieren. Das ist ein langer Prozess, das erfordert lange, konzentrierte Arbeit.

GA: Sie haben komponiert. Finden Sie heute noch Zeit dazu?

KOFMAN: Ehrlich gesagt, nein. Ich habe komponiert in der Periode in meinem Leben, als ich keine Möglichkeit hatte zu dirigieren.

GA: Sie sprechen die 16 Jahre an, in der Sie in der Sowjetunion Reisebeschränkungen unterworfen waren. Sie durften nicht in den Westen. Waren das gestohlene Jahre für Sie?

KOFMAN: Ich durfte auch nicht in den Osten, Süden oder Norden. Aber es besteht kein Grund zur Klage. Ich habe mir immer gesagt: Vielen fantastischen Leuten geht es viel schlechter als dir. Und es gab immer Möglichkeiten, Musik zu machen. Mit meinen Freunden. Das Leben hätte unfreundlicher mit mir umgehen können.

GA: Sie haben ein Buch über Dirigenten geschrieben, über die "psychologischen Elemente" des Berufs, das jetzt im Herbst auch in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Kann man Dirigieren lernen?

KOFMAN: Wenn ein Student in meine Dirigierklasse kommt, sage ich ihm Folgendes: Ich weiß nicht, wie Sie dirigieren müssen, aber ich weiß sehr genau, wie Sie nicht dirigieren dürfen. Ich sage Ihnen, was falsch ist; was richtig ist, suchen Sie selbst.

So wird es wahrscheinlich auch sein, wenn ich in Bonn im nächsten Jahr mit einer Meisterklasse für junge Dirigenten arbeite. Dirigieren ist keine Mathematik. Rimsky-Korsakow hat gesagt: Dirigieren ist eine dunkle Sache. Und Rimsky-Korsakow war ein kluger Mann.

ZUR PERSON

Roman Kofman, 1936 in Kiew geboren, studierte an der Tschaikowsky-Musik-Akademie seiner Heimstadt die Fächer Violine und Dirigieren. Als Dirigent machte er in der Sowjetunion schnell Karriere, eine persönliche Reisebeschränkung von 1973 bis 1989 hinderte ihn jedoch an Auftritten im westlichen Ausland.

Als Gastdirigent war Kofman besonders der Warschauer Nationaloper verbunden; Einladungen führten ihn inzwischen zu renommierten Orchestern in aller Welt. International bekannt wurde er vor allem als Chef des Kiev Chamber Orchestra, das unter seiner Leitung zu einem Ensemble der Weltspitze geworden ist.

Kofman komponiert (unter anderem auch Filmmusik) und betätigt sich als Autor. Sein Buch "Dirigenten. Psychologische Elemente" wird in der Dirigentenausbildung an vielen Hochschulen eingesetzt. In der Ukraine wurde Kofmann 1999 wegen seiner Verdienste um die Kultur zum "Mann des Jahres" gewählt.