Die erste große Liebe

Moritz Seibert hat Jonathan Harveys gefeiertes Stück "Beautiful Thing" für Junges Theater Bonn geschickt überarbeitet

Bonn. Sprachlich zimperlich geht's bei der neuen Produktion des JTB nicht zu und auch sehr deutlich zur Sache. Zwei 16jährige Jungs, die sich küssen und lieben, sind im Jugendtheater ein mutiger Schritt gegen alle Konventionen und als "Beautiful Thing" auch noch ein höchst unterhaltsames dramatisches Experiment.

Klar: Dass ihr Sohn sich nicht in ein Mädchen, sondern in einen Jungen verknallt, ist nicht ganz das, was Jamies tapfere Mama sich als Familienzukunft erträumt hat, aber manchmal treffen Amors unberechenbare Pfeile halt dasselbe Geschlecht.

"It's getting better" - der Song von Mama Cass hat im Londoner East-End einen Hoffnungswert. Die Hochhaussiedlung Thamesmead ist ein sozialer Brennpunkt, wo der Metropolenglanz bröckelt, das Bier in Strömen fließt und "strong language" vorherrscht.

Der mehrfach preisgekrönte englische Autor Jonathan Harvey (geboren 1968 in Liverpool) nimmt in seinem 1993 erschienen, im Londoner West-End und am New Yorker Broadway gefeierten und erfolgreich verfilmten Stück "Beautiful Thing" kein Blatt vor den Mund.

Moritz Seibert, Intendant des JTB, hat den Text - den Proletarierstolz, der etwa das englische Musical "Billy Eliot" zum Tanzen bringt, gibt's in Deutschland nicht - geschickt überarbeitet und für die deutschsprachige Erstaufführung in Bonn eine Fassung geschrieben, die das soziale Milieu der Figuren präzis schildert, die leise Komik der Geschichte ohne sentimentale Betroffenheitsdramatik entwickelt und ein immer noch heikles Thema sensibel zur Schau stellt: die erste große Liebe zwischen zwei Jungen.

Im Bühnenbild von Stefan A. Schulz mit den typischen Backsteinmauern englischer Prekariatswohnungen - mit einer sekundenschnellen Drehung erscheint dahinter Jamies Zimmer - herrscht hinter den drei blauen Türen dicke Luft: Bierdunst, Zigarettenrauch, Kiffschwaden...

Regisseur Andreas Lachnit schafft daraus eine feine Balance zwischen Ernsthaftigkeit und schwerelosem, fast boulevardeskem Humor. Der 18jährige Timo Rüggeberg spielt mit faszinierender Sensibilität den knapp 16jährigen Jamie, der mit seiner allein erziehenden Mutter Sandra an der Prekariatsgrenze lebt.

Andrea Brunetti verkörpert wunderbar überzeugend diese gelegentlich von ihren Lebensumständen überforderte junge Frau, die sich mit unbeirrbarem Selbstbewusstsein von nichts unterkriegen lässt und ihr großes Herz ganz naiv gegen alle Widrigkeiten behauptet. Klar: Der Pub, in dem sie das Schulgeld für Jamie verdient, ist nicht der feinste - aber sie wird's mit ihrer Energie zu was Besserem schaffen.

Knapp neben dem guten Geschmack liegt sie mit ihren kessen Outfits ständig (tolle Kostüme wie immer: Brigitte Winter); auf den Kopf gefallen ist sie deshalb noch lange nicht. Ihr aktueller Lover Tony (Jan Hermann mit fettigen Haarstränen und Schlurfgang) macht sich zwischen Joint und Alk beim Müllentsorgen nützlich, ist ansonsten eine erotische Zwischenlösung, aber ziemlich sympathisch.

Der arbeitslose Nachbar Ron (Sören Ergang mit Glatze und Boxershorts) verprügelt im Suff regelmäßig seinen Sohn Steven, den alle nur Ste nennen, bis Sandra dem Jungen in ihrer Wohnung Schutz gewährt. Der 16jährige Gerrit Klein spielt den auf der Bühne etwa gleichaltrigen Ste sehr differenziert.

Das drogensüchtige dunkelhäutige Nachbarsmädchen Leah scheint keine Eltern mehr zu haben, ist von der Schule geflogen, hat ein Auge auf Ste geworfen, träumt von einer Showkarriere. Larissa Aimée Breidbach spielt bestürzend genau diese Kindfrau.

Natürlich kapiert sie als erste, dass die Beziehung zwischen Jamie und Ste mehr ist als eine 'normale' Jungenfreundschaft. Das JTB hat sich mit "Beautiful Thing" eine Tür zum Erwachsenentheater und zur dramatischen Bundesliga geöffnet.

Geeignet für Zuschauer ab 15 Jahren; nächste Vorstellungen am 18., 19. Januar, 16./22./23. Februar jeweils um 19.30 Uhr. Restkarten u. a. bei allen Geschäftsstellen des GA und online im Ticket-Shop.