Gesten des Erinnerns

Die Welt trauert um den Dirigenten Gerd Albrecht

Dirigent Gerd Albrecht (1935-2014).

BONN. Er zählte zu den neugierigsten Persönlichkeiten unter den bedeutenden Dirigenten der vergangenen Jahrzehnte. Gerd Albecht, der wie bekannte wurde, am Sonntag im Alter von 78 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben ist, hat in seinem Leben oft Musik dirigiert, die bis dahin kaum jemand kannte.

Aber wenn er von deren Qualität überzeugt war, setzte er alle Kraft und Leidenschaft dafür ein, sein Publikum an der Begeisterung teilhaben zu lassen.

Fraglich, ob die Opern des in der Nazizeit verfemten jüdischen Komponisten Franz Schreker je wieder den Weg auf die Opernbühnen gefunden hätten, wenn Dirigenten wie Albrecht nicht an sie geglaubt hätten. 1988, in der ersten Spielzeit als Musikchef der Hamburgischen Staatsoper, sorgte er mit der Aufführung von Schrekers "Schatzgräber" in der Inszenierung von Günter Krämer für Furore. Den "König Kandaules" von Alexander Zemlinsky, der an der Elbe ebenfalls in Krämers Regie zu sehen war, konnte später auch das Kölner Publikum unter Albrechts Dirigat bewundern.

Der 1935 in Essen geborene Albrecht machte früh Karriere. Bereits im Alter von 27 Jahren wurde er in Lübeck Generalmusikdirektor - er war damals der jüngste in Deutschland. Es folgten Chefposten unter anderem an der Deutschen Oper Berlin (1972 bis 1976), beim Tonhalle Orchester Zürich (1975 bis 1980). In Hamburg blieb er von 1988 bis 1997.

Albrecht war aber nicht nur der Mann fürs musikalische Neuland. Dass die Tradition von Beethoven über Dvorak bis Mahler bei ihm ebenfalls gut aufgehoben war, hatte sich auch bis zur Tschechischen Philharmonie herumgesprochen, die ihn 1991 zum ersten ausländischen Chefdirigenten ihrer mehr als hundertjährigen Geschichte wählte.

Die musikalischen Erfolge wurden jedoch stark getrübt von politischen Intrigen aus der nationalistischen Ecke, denen er sich immer stärker ausgesetzt sah. Bereits nach fünf Jahren räumte er resigniert den Posten. Danach hat Albrecht, der auch viele Werke zeitgenössischer Komponisten wie Henze, Reimann oder Rihm zur Uraufführung brachte, vor allem Japan für sich entdeckt.

Albrecht hatte immer ein großes Herz für die Jugend, die er mit unterschiedlichsten Ideen und Strategien an die Musik heranführte: Er schrieb Kinderbücher, moderierte, gründete die Hamburger Jugendmusikstiftung, die auch Trägerin des "Kingenden Museums" mit Dependancen in Berlin und Hamburg ist. Häufig arbeitete Albrecht mit dem Bundesjugendorchester zusammen. Geschichte schrieben sie, als sie im September 1997 mit zwei tschechischen Chören Verdis Requiem im Konzentrationslager Theresienstadt aufführten. Eine Geste des Erinnerns, die im Gedächtnis bleiben wird.