Krimi von Simon Bartsch

Die Scheune

Bonn. „Schwarze Angst“ ist der erste Kriminalroman von GA-Redakteur Simon Bartsch. Der Autor erzählt die Geschichte zweier Kommissare, die nach einem Mord im eigenen Dorf und damit auch in ihrer Vergangenheit ermitteln.

Der erste Kuss, der erste Sex, der erste Joint und jede Menge Alkohol. Für die Jugend
lichen aus einem Dorf bei Kerpen ist die Scheune inmitten von Weizenfeldern beliebter Zufluchtsort und ein Stück Heimat zugleich. Blutsfreundschaften und Liebesbeziehungen fürs Leben werden hier geschmiedet. Die Scheune dient aber auch als Versteck einer schwarzen Piratentruhe mit geheimnisvollem Inhalt. Erst nach und nach, wie sich das für einen packenden Thriller gehört, führt Autor Simon Bartsch in seinem Krimidebüt „Schwarze Angst“ den Lesern vor Augen, dass diese ach so idyllische, rheinische Jugendzeit auf dem Land auch knapp 20 Jahre später noch viel präsenter ist, als die meisten im Dorf zu glauben wagen.

Der Grund dafür ist der Mord an einem zwölfjährigen Jungen aus dem Dorf. Der Tod des kleinen Timo Johnen wird zum Fall für Mike Dudda und Tom Ullrich (Tommy) von der Kölner Kripo. Die seit der Kindheit befreundeten Kollegen begeben sich auf eine waghalsige Spurensuche, die zur Reise in ihre ganz persönliche Vergangenheit wird. Bartsch hat dafür eine geschickte Erzählweise gewählt. Er lässt die beiden sehr unterschiedlichen Charaktere ihre Sicht und Gedanken jeweils abwechselnd erzählen. Und so berichtet einmal Mike aus seiner Perspektive, ein anderes Mal Tommy von den gemeinsamen Ermittlungen. Die gegenseitigen Beschreibungen der Freunde haben zudem den Vorteil, dass man beide Protagonisten des Kriminalromans besser kennenlernt. Neben den Schilderungen des aktuellen Falls, lässt der Autor die beiden Ich-
Erzähler auch immer wieder von ihrer Jugendzeit berichten. Irgendwie scheint klar, dass diese für den aktuellen Fall 
eine bedeutende Rolle spielt.

Denn vor 16 Jahren wurde schon einmal ein Zwölfjähriger aus dem Dorf mit einer Eisenstange umgebracht. Der Mörder von Matthias Weber wurde damals nach einigen Tagen gefasst und gestand die Tat. Schnell fällt beim aktuellen Fall der Verdacht deshalb auf den verurteilten Täter. Schließlich soll dieser mittlerweile aus dem Gefängnis entlassen worden sein. Doch so einfach ist es nicht. Denn der hat sich vor einigen Monaten selbst das Leben genommen. Er kommt somit nicht in Frage. Wer war es dann, und hat der brutale Mord an Timo wirklich etwas mit dem Fall von damals zu tun?

Und so beginnt eine regelrechte Besuchstour der Kommissare bei alten Freunden, Nachbarn, Eltern und in der Dorfkneipe. Doch auch nach Tagen fehlt jede Spur. Bartsch lässt sein Ermittlerduo aber erst gar nicht zur Ruhe kommen. Hundertschaften, Hundeführer und Helikopter, die sich auf die Suche machen: Noch ist der Mord an Timo nicht aufgeklärt, schon verschwindet der nächste Junge. Die Kommissare kennen den neuen Vermissten noch dazu ganz gut: Noel ist der Sohn ihres Jugendfreundes Richard Wirtz. Tommy jagen Versagensängste und Mike scheint auch nicht mehr klar im Kopf. Ist etwa ein zweites Kind in die Hände des noch frei herumlaufenden Mörders geraten? Der Verdacht bestätigt sich, als Noel tot aufgefunden wird, am selben Ort wie Timo und genauso brutal zugerichtet. Es wird immer klarer: Hier muss ein Serientäter sein Unwesen treiben. Doch handelt es sich dabei um denselben Mörder wie vor 16 Jahren, und saß der damals Verurteilte damit unschuldig hinter Gittern? Oder sind die beiden jetzigen Fälle ein Racheakt für den Mord an Matthias vor 16 Jahren?

Die Handlung, die es dank der immer wieder brillant hergestellten Verstrickungen schafft, die Spannung nie abreißen zu lassen, macht deutlich: Der mutmaßliche Mörder spielt mit den ihm bestens bekannten Kommissaren ein Spiel. Dass sich die Freunde Mike und Tommy dabei immer fremder werden, ja sogar eine tiefe Abneigung gegenüber dem jeweils anderen verspüren, drückt auf die Stimmung und macht das Ermitteln nicht einfacher. Werden sie deshalb sogar vom Fall abgezogen? Noch nicht. Denn als sie erfahren, wer der leibliche Vater des toten Timo ist, scheint plötzlich wieder Fahrt in die schleppende Suche zu kommen. Ihr Jugendfreund Jonas Hellmann ist verschwunden und dessen Ex-Freundin, Timos Mutter, macht ihm schwere Vorwürfe. Für Mike und Tommy gibt es endlich einen Verdächtigen – doch dann kommt alles völlig anders, und es gibt noch mehr Tote.

Was Simon Bartsch, der als Redakteur beim General-Anzeiger arbeitet, in den letzten seiner 67 kurzen Kapitel auftischt, überrascht nicht nur, sondern gruselt auch gewaltig. Bis auf ein paar nervige Wiederholungen, die man wohl als Stilmittel durchgehen lassen kann (Alkoholkonsum, Bierbäuche, Fußballspiele) und einige schräge Vergleiche („Mein Schädel dröhnte, als wäre eine Concorde auf mir gelandet“ oder „Mein Rücken schmerzt, als hätte er Bekanntschaft mit einem Lkw gemacht“) ist Bartsch eine für trübe Herbsttage lesenswerte Krimipremiere mit wirklich authentischen Figuren gelungen. Gewisse autobiografische Elemente sind schon deswegen nicht auszuschließen, weil Bartsch, wie auch die Erzähler, in einem kleinen Ort in der Nähe von Köln aufgewachsen ist.