Ceal Floyers Eingriffe im Kunstmuseum

Die Säge im Parkett

Nicht ist, wie es scheint: Ceal Floyer irritiert im Kunstmuseum Bonn mit einer Säge, die scheinbar ein kreisrundes Loch ins Parkett geschnitten hat, und einem eigenwilligen Fluchtweg-Schild. FOTOS: FISCHER (2), MUSEUM

Nicht ist, wie es scheint: Ceal Floyer irritiert im Kunstmuseum Bonn mit einer Säge, die scheinbar ein kreisrundes Loch ins Parkett geschnitten hat, und einem eigenwilligen Fluchtweg-Schild.

27.10.2015 Bonn. Auf dem Schild steht "Do not remove", nicht entfernen. Doch Hunderte Bohrlöcher an der Wand legen nahe, dass diese Forderung mehrfach missachtet wurde, das Schild nur noch ein absurder Befehl ist.

Vor einem halben Jahr fiel diese Arbeit von Ceal Floyer in der Ausstellung "Konzeption Conception" im Museum Morsbroich in Leverkusen auf, bei der es um die Väter der Konzeptkunst, das Jahr 1969 und die Kinder dieser Bewegung ging. Die Britin Ceal Floyer war 1969 gerade einmal ein Jahr alt. In Leverkusen zeigte sie sich mit einem Dutzend Zeitgengenossen als legitime Erbin der Konzeptkunst, von der man gerne mehr gesehen hätte.

Das Kunstmuseum Bonn erfüllt nun diesen Wunsch und beschenkt sein Publikum mit der bislang umfangreichsten Präsentation der in Berlin lebenden Britin, die in erster Linie als minutiöse Beobachterin und witzige Kommentatorin von Alltagsphänomenen in Erscheinung tritt. Das Schild "Do not remove" hängt auch in Bonn als Zeichen für vergebliche Verbote. Es reiht sich ein in eine Auswahl von 19 Arbeiten, die sich sehr großzügig platziert auf drei Museumsräume und auf drei kleine Interventionen an mehreren Stellen des Hauses verteilen.

"Vorsicht Stufe" steht etwa an jeder Stufe auf der berühmten Treppe im Foyer des Kunstmuseums, eine Warnung, die sich selbst ad absurdum führt, da man durch das Lesen eher schwindelig wird. Ceal Floyers Notausgang-Schild im August-Macke-Saal des Museums hat den Charme, dass der Pfeil nicht auf eine weiß auf grün gemalte Türfläche zeigt, sondern auf eine herausgesägte Öffnung - was ja als Fluchtmöglichkeit viel sinnvoller ist. Floyer liebt das Hintergründige, den trockenen britischen Humor und zeigt das mit ihren technisch unprätentiösen, aber in ihrer Wirkung präzisen und klaren Arbeiten. Sie denkt gerne um die Ecke, geht Klischees nach wie "Das Glas ist halb voll oder halb leer", je nachdem, wie der Betrachter gestimmt ist. In der Ausstellung hängen in unterschiedlichen Räumen zwei riesige fotografierte, halb gefüllte Wassergläser, "Half Empty" und "Half Full".

Es ist das gleiche Glas, jedoch zweimal fotografiert. Vor der Banalität hat Ceal Floyer keine Angst, sie zelebriert sie geradezu. Etwa den Mythos des "White Cube", eine von vielen Museen gepflegte Ausstellungsphilosophie, die den weißen, kubischen Raum als einzig gültigen Ort für die vermeintlich reine Moderne reklamiert. Floyer ist zum "Rewe" in der Weberstraße gegangen, hat lauter Dinge eingekauft, die weiß sind, und hängt den Kassenzettel an die weiße Wand. Soweit ihr Kommentar zur Reinheit der Moderne. Es ist dieser lapidare Humor, diese Unbekümmertheit, dieser freie Umgang mit der Leere, die in dieser Ausstellung fesseln. Das war schon auf der Documenta so, als Floyer einen leeren Raum einzig mit zwei Zeilen aus einem Song der Countysängerin Tammy Wynette mantra-artig beschallte. Oder im Kölnischen Kunstverein, als sie 2013 den Raum nahezu leer ließ und die Scheiben mit Vogelumrissen, wie sie zur Warnung gerne angebracht werden, fast zuklebte.

Ceal Floyers Säge, die im Parkett steckt, ist teilweise Fiktion, der Lichtschalter in Bonn ist eine schlichte Lichtprojektion, die Glühbirne im nächsten Raum leuchtet nicht aus sich heraus, sondern muss von einem Projektor zum glühenden Leben erweckt werden. Alles, was alltäglich ist, wird hinterfragt, untersucht, in eine Ordnung gebracht. Sogar Dinge des täglichen Lebens, die Floyer nach dem Durchmesser sortiert und auf einem"Helix"-Lochbrett anordnet. Eine absurde Reihung, die allein dem Durchmesser geschuldet ist.

Die Ausstellung endet mit einer feinen Pointe. Unter einem Baselitz-Bild scheint ein roter Punkt zu kleben, im Kunsthandel ein Indiz dafür, dass das Werk verkauft ist. Aber geht das im Museum, fragt sich der Besucher? In diesem Fall ging das. Es handelt sich um das Baselitz-Bild "Sandteichdamm" aus dem Kunstmuseum, das im Jahr 2001 für 400 000 D-Mark verkauft werden musste, um einen Teil des Defizits der Millenniums-Ausstellung "Zeitwenden" zu decken. Die Kunststiftung der Sparkasse Bonn erwarb es damals und stellte es dem Kunstmuseum als Dauerleihgabe zur Verfügung. Ceal Floyer behält bei dieser Posse das letzte Wort. Denn ihr roter Punkt ist kein aufgeklebter roter Punkt, sondern ein mit kadmiumroter Farbe gefülltes Bohrloch in der Wand.

Kunstmuseum Bonn; bis 10. Januar 2016. Di-So 11-18, Mi bis 21 Uhr. Katalog (Hatje Cantz) 29 Euro. Eröffnung: , 20 Uhr. (Thomas Kliemann)