Fall eines Baumeisters

"Die Niere" im Bonner Contra-Kreis bewegt

Ziemlich beste Freunde (von links): Rudolf Kowalski, Eva Scheurer, Tina Seydel und Marko Pustišek.

Ziemlich beste Freunde (von links): Rudolf Kowalski, Eva Scheurer, Tina Seydel und Marko Pustišek.

Bonn. Bewegt und bewegend: Lajos Wenzel inszeniert „Die Niere“ im Bonner Contra-Kreis. Das Stück entlässt das Publikum mit einer überraschenden Pointe

Um die Wahrheit zu erfahren, muss man unzählige Lügen erfinden. Kathrin macht sich die Einsicht Oscar Wildes in Stefan Vögels Stück „Die Niere“ zu eigen. Die Frau des erfolgreichen Architekten Arnold hat allen Anlass, an der unverbrüchlichen Solidarität, sprich: Liebe, ihres Mannes zu zweifeln. Das von Lajos Wenzel im Contra-Kreis inszenierte Stück eröffnet mit Chuck Berrys „Johnny B. Goode“, mit der getanzten Siegerpose des von sich selbst und seiner Kreativität berauschten Arnold – und mit einem schockierenden Geständnis und einem sich anbahnenden Konflikt.

Kathrin (Eva Scheurer) eröffnet Arnold (Rudolf Kowalski) scheinbar seelenruhig, dass es mit ihrer Gesundheit nicht zum Besten stehe und sie eine Spenderniere brauche. Beide Eheleute haben dieselbe Blutgruppe, eine einvernehmliche Lösung ist also programmiert – oder etwa nicht?

Kowalskis Arnold erinnert an ein chemisches Element: Quecksilber. Er ist beweglich, nicht zu fassen oder zu fixieren. Geschmeidig entzieht er sich allen Festlegungen als potenzieller Organspender, er argumentiert, problematisiert, relativiert und fantasiert – in dem unübersehbaren Bemühen, sich einer schwierigen Situation durch Flucht zu entziehen.

Die wachsende Verunsicherung des Baumeisters Arnold entwickelt eine flatterhaft hysterische Komik. Doch Vögels Stück, Wenzels Regie und die Schauspieler treffen auch die ernsthaften Töne einer Komödie, die mit Themen wie Krankheit, Freundschaft und Treue (inklusive Vorsilbe „Un“) spielt.

Haarrisse in den Beziehungen

Tom Grasshof hat dem Ensemble einen designaffinen Spielplatz gebaut: mit schickem Sofa und Balkon plus Blick auf eine Großstadtskyline. In diesen Rahmen passen Arnold und Kathrin ebenso wie ihre Gäste Diana (Tina Seydel) und Götz (Marko Pustišek), mit denen sie eigentlich Arnolds neues architektonisches Meisterwerk – einen Turm – feiern wollten. Götz' spontane Zusage, Kathrin im Notfall mit einer Niere auszuhelfen, verkompliziert die Situation. Der gute Götz profiliert sich als Gegenbild zum lavierenden Arnold, der argumentativ auf dem letzten Loch pfeift: „Ich habe immer noch nicht Nein gesagt.“

Regisseur Wenzel lässt Haarrisse in den Beziehungen sichtbar werden. Zwischen dem eitlen und eifersüchtigen Arnold und Götz zum Beispiel, der mit den Worten eines esoterischen Symbolphilosophen Turmarchitektur und ihre Schöpfer als phallusfixiert charakterisiert. Pustišek spielt Götz als geborenen Versteher und Erklärer, der allerdings im Laufe des Abends an seine Grenzen stößt.

Tina Seydel als Diana beginnt als Frau, die gegenüber ihrer Freundin Kathrin austeilt und ihren Egoismus ausstellt. Eva Scheurer bewegt sich inmitten der Aufgeregtheit mit aufreizender Gelassenheit – muss am Pilates liegen. Sensiblen Betrachtern bleibt allerdings ein subtiler grausamer Zug, ein milde lächelnder Sadismus nicht verborgen. Sie ist eine Frau, die Salz in die Wunden ihres Mannes streut.

Das Stück entlässt das Publikum mit einer überraschenden Pointe und einem raffinierten Cliffhanger in die Pause. Im zweiten Teil werden die Karten neu gemischt, die Verhältnisse kehren sich um. Kowalski, der anfangs zu Tom Jones' „Sex Bomb“ eine gute Figur gemacht hat, erscheint nun wie ein müffelndes, ungemachtes Bett (Kostüme: Anja Saafan); die Sexbombe ist entschärft. Scheurer hingegen strahlt pure Lebensfreude und Existenzenergie aus. Das lässt sie ihren momentan unpässlichen Mann spüren.

Sie trägt es wie eine Frau

Irgendwie trifft es ja den Richtigen. So wie auch Diana theatrale Gerechtigkeit widerfährt. Sie trägt es wie eine Frau. Die Männer verlieren angesichts von Wendungen, deren Richtung hier nicht verraten werden soll, schon eher die Fasson. Es fließen Tränen im Contra-Kreis, Arnold und Götz verausgaben sich emotional.

Die Musik spielt eine wichtige Rolle in dieser bewegten und bewegenden, herrlich lustigen und menschlich zupackenden Inszenierung. Das letzte Wort haben Guns 'n Roses mit „Knockin' On Heaven's Door“: Arnolds Abschiedlied. Danach Jubel im Parkett.

Aufführungen bis 21. April. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie bei Bonnticket.