Aldeburgh Festival

Die Musikwelt feiert den 100. Geburtstag des Komponisten Benjamin Britten

Marc Ernesti am Strand von Aldeburgh, wo Brittens Oper "Peter Grimes" spielt.

BONN. Der aus Dresden stammende Marc Ernesti ist seit mehreren Jahren "Marketing Manager" des jeweils im Juni stattfindenden Aldeburgh Festival und somit eine der maßgeblichen Persönlichkeiten des Festivals. Jürgen Gahre hat mit ihm gesprochen.

In diesem Jahr feiert die Musikwelt den 100. Geburtstag von Benjamin Britten. Wird sich das diesjährige Aldeburgh Festival deswegen von seinen Vorgängern unterscheiden?
Marc Ernesti: Ja und nein! Wir werden bestimmt unserem eigenen Ziel treu bleiben, lieber dem Sinn als nur dem Buchstaben nach den Geist von Britten zu pflegen - will heißen: Wir wollen ganz in seinem Sinne progressiv bleiben, Neues entdecken, auch ungewöhnliche Zugänge zum Repertoire anbieten; anders wird hingegen natürlich die Rolle von Brittens eigener Musik sein. Er selbst war ja niemand, der ein Festival als Spielwiese für das eigene Schaffen missbraucht hätte, und war geradezu sparsam darin, eigene Kompositionen aufzuführen - aber da werden wir bestimmt von Brittens eigener Bescheidenheit abweichen!

Bislang waren die "Artistic Directors" des von Britten 1948 gegründeten Festivals Komponisten wie Oliver Knussen und Thomas Adès. Seit 2009 aber ist Pierre-Laurent Aimard, ein Pianist, mit der Leitung betraut. Was hat sich dadurch geändert?
Ernesti: Wenn es einen Musiker gibt, der wie ein Komponist denkt, ohne selbst zu komponieren, dann Pierre-Laurent Aimard. Das Festival hat in ihm einen außergewöhnlichen, einen außergewöhnlich sensiblen Künstlerischen Leiter - das ist geblieben; aber der Zugriff auf das Repertoire spiegelt die Spielfreude, die ihn als Ausnahme-Interpreten auszeichnet. Vielleicht sind auch wir dadurch spielerischer, leichter im Kontrastieren von Tradition und dem ganz Neuen geworden.

Aldeburgh ist ein Festival, das Britten-Fans ebenso anzieht wie all jene, die das klassische Repertoire lieben und trotzdem aufgeschlossen sind für neue Werke. Soll das so bleiben?
Ernesti: Kurz gesagt, ja. Wichtig ist uns dabei das von Ihnen angesprochene Neben- und Miteinander. Es gibt große Festivals, so sagte Pierre-Laurent Aimard neulich, die so groß sind, dass sie quasi in kleinere Festivals innerhalb des größeren zerfallen. Was Aldeburgh besonders macht, ist dieses Nebeneinander von sehr unterschiedlichem Repertoire, das aufeinander bezogen und im Kontext von früherer und neuerer Musik entdeckt werden will.

Benjamin Brittens Musik wurde in den 50er und 60er Jahren oft als altmodisch kritisiert. Seit längerer Zeit aber wird er sehr geschätzt, nicht nur in Großbritannien, sondern auch in Deutschland und weltweit. Wie könnte man dieses Phänomen erklären?
Ernesti: Vielleicht ist eine mögliche Antwort auf Ihre Frage, dass die Musik - und nicht nur sie - im kulturellen Tagesgeschehen rezipiert wird. Da gibt es aktuelle Strömungen die wichtig scheinen, manchmal hitzige Debatten, Polemik. Dann tut sich eine Zeit nichts, was auch gut ist; und dann entdeckt man auf einmal, mit ein wenig Abstand, was wirklich Qualität hat und bleibt. Gustav Mahler ist meines Erachtens dafür ein gutes Beispiel, Charles Ives und, ja, auch Benjamin Britten.

Für die Feier zum 100. Geburtstag am 22. November 2013 ist ein, wie man hören kann, "großes Gesangsprojekt" vorgesehen. Was ist damit genau gemeint?
Ernesti: Ein wirkliches Händchen hat man hier auf der Insel für "Education"-Programme, das hat sich mittlerweile herumgesprochen. Das von Ihnen angesprochene Projekt ist ein solches Unterfangen, das schulische Singen ein wenig, sagen wir, aufzupeppen. Britten hat da eine Serie wunderschöner Miniaturen für eine ganz kleine Schule geschrieben, "Friday Afternoons", die damals an dem traditionell fürs Singen freigehaltenen Freitagnachmittag musiziert wurden. Unser Ehrgeiz ist nun, viele Schulen in ganz England für die Musik zu begeistern - und es machen bereits über 75 000 Schüler und ihre Lehrer mit! Ganz praktisch auch, dass Brittens Geburtstag auf einen Freitag fällt ...

In diesem Jahr wird Britten weltweit gespielt - fällt es da nicht schwer, gute Interpreten für ein so umfangreiches Festival zu finden?Ernesti: Gute Interpreten sind natürlich immer gefragt, aber wir haben hier in Aldeburgh mittlerweile eine schöne "Familie" von Musikern, Ian Bostridge, Sir Mark Elder, Britten Sinfonia, Belcea Quartet und die Ardittis, Mark Padmore, Sir John Eliot Gardiner, natürlich Aimard und viele mehr - dazu unser eigener Nachwuchs: mit dem Britten-Pears Programm fördern wir junge, außergewöhnlich talentierte Musiker schon seit 1972. Da kommt einiges zusammen!

Zur Einweihung der Konzerthalle Maltings in Snape (acht Kilometer von Aldeburgh entfernt) war die Queen anwesend. Ist zum 100. Geburtstag wieder mit königlichem Besuch zu rechnen?
Ernesti: Ich glaube die korrekte englische Antwort darauf würde lauten, dass sie Britten als ersten Musiker überhaupt zum Lord erhoben hat - man darf also wohl Interesse voraussetzen.

Was ist für Sie persönlich das Highlight des diesjährigen Festivals?
Ernesti: Natürlich ist die Inszenierung von "Peter Grimes" auf dem Strand von Aldeburgh etwas ganz Ungewöhnliches, Einmaliges, das wird sich niemand entgehen lassen; aber als Jazzmusiker bin ich sehr gespannt auf Guy Barker, dessen Jazz Orchestra zusammen mit dem BBC-Orchester eine ganz eigene künstlerische Antwort auf Britten findet - für mich zusammen mit den anderen Auftragswerken (unter anderem an Wolfgang Rihm und Harrison Birtwistle) der schönste Beweis, dass Brittens Musik lebt!