Festival Kunst!Rasen

Die Bonner Spielwiese

Bonn. Der Kunst!Rasen geht in die fünfte Saison. 13 Veranstaltungen finden auf der großen Bühne statt, im lauschigen Kunst!Garten gibt es ab Pfingsten fast täglich Kultur bei freiem Eintritt. Wir haben den Veranstaltern bei der Planung über die Schulter geschaut.

Montag, neun Uhr. Herr Hartz ist Frühaufsteher, selbst wenn er erst spät in der Nacht nach Hause gekommen sein sollte. Als Veranstalter zieht er seine Kreise zwischen Düsseldorf, Köln und Bonn. Rund 80 Konzerte organisiert Ernst-Ludwig Hartz im Jahr – in großen Hallen und kleinen Clubs. Oder auf einem Rasen am Rhein. Jetzt sitzt der 56-jährige Rüngsdorfer in seinem Büro, Nähe Römerplatz. In dieser Straße ist er aufgewachsen, hier hat er einst sein erstes Konzert geplant. Oktober 1977, ein Festival mit Bonner Bands im Nicolaus-Cusanus-Gymnasium. Tai Pan, Muzak und Harvest – vor 800 Besuchern. Musik war stets sein Hobby, sagt Hartz, der von seinen Freunden wahlweise „Ernie“ oder „Ernest“ genannt wird.

Das Handy macht Geräusche. Ein Musikmagazin benötigt noch Infos zum diesjährigen Festival auf dem Bonner Kunst!Rasen. Hartz sitzt vor einem Regal, das vom Boden bis zur Decke mit CDs bestückt ist.

Rund 8000 Exemplare lagert er im Haus, im Keller stehen noch 4000 Langspielplatten. Die wertvollsten Tonträger hängen an der Wand: Goldene Schallplatten, die er von Bands wie Nickelback und den Ärzten als Dankeschön erhalten hat.

Erst Peter Gabriel, dann Michael Jackson und Pink Floyd

Der Klavierunterricht in jungen Jahren war ihm „zu anstrengend“, doch irgendwas mit Musik sollte es sein. Ernie verdingte sich als Roadie, klebte Plakate, organisierte den Vorverkauf für Bands. Dann die ersten eigenen Konzerte. Auf die Schulaula folgten Rheinterrassen und Biskuithalle in Bonn, dann Sporthalle Köln und Philipshalle Düsseldorf. „Man muss im Leben die richtigen Leute treffen“, sagt Hartz. Und das hat er: Im September 1987 veranstaltete er Peter Gabriel im Bochumer Ruhrstadion, später dann Michael Jackson, Genesis und Pink Floyd im Müngersdorfer Stadion.

Die Nähe zu den Stars lässt ihn kalt. Ernie ist mit Wolfgang Niedecken befreundet, auch mit dem schottischen Sänger Fish. Genauso gern spielt er Doppelkopf mit seinen Godesberger Freunden im Lokal Rien ne va plus.

Hartz freut sich heute auf dem Abendtermin. Er fährt zum Branchentreff LEA nach Frankfurt. Und ist guter Dinge, über seine Kontakte zu Künstleragenturen und Tourneeveranstaltern dort auch Künstler für den Kunst!Rasen verpflichten zu können – für die Saison 2017 wohlgemerkt. Rund zwölf Monate Vorlauf sind nötig für ein Festival dieser Größenordnung.

Das Programm entwickelt sich dabei organisch. Die erste Frage lautet: Wer ist wann auf Tour? Nur: Die Sportfreunde Stiller waren 2015 zwar auf Tournee und spielten bei Rock am Ring, durch die räumliche Nähe zu Bonn waren sie für den Kunst!Rasen jedoch tabu. Man wildert nicht in fremden Revieren, die deutsche Veranstalterszene hält sich schon im Eigeninteresse an diesen Kodex. „2016 spielen die Sportfreunde nicht bei Rock am Ring, sondern bei uns.“

Hartz weiß, in welchem aktuellen Stadium sich Künstlerkarrieren befinden: So sei der Rapper Sido nach einer Hallentour weiterhin angesagt. Jan Delay wiederum hatte vor vier Jahren auf dem Bonner Grün mit 9000 Besuchern eine Bestmarke gesetzt. Jetzt bringt er einen Gast mit, bei dem nichts schiefgehen kann: Namika singt „Lieblingsmensch“. Der Publikumsliebling Mark Forster war 2015 noch Gast bei Rea Garvey, jetzt ist er Headliner. Im Vorprogramm spielt die Französin Louane, sie war für einen Echo 2016 nominiert und gilt als kommender Star.

"Der Echo bringt einen kräftigen Schub“

Sarah Connor hat gerade einen Echo erhalten, nach Bonn kommt sie mit ihrem Album „Muttersprache“, das bereits eine halbe Million Exemplare verkauft hat. „Der Echo bringt noch mal einen kräftigen Schub“, freut sich der Veranstalter.

Zu jedem Künstler gibt es kleine Geschichten – selbst zu solchen, die gar nicht auftreten. „Neil Young hätten wir haben können“, sagt Hartz, „aber er ist einfach zu laut für unseren Platz.“ Die akustische Obergrenze in Bonn liegt bei 93,3 Dezibel, doch der Kanadier dreht seine Gitarre gern etwas kräftiger auf.

Es schließen sich einige Kreise auf dem Kunst!Rasen: Die Band Element of Crime hat Hartz bereits 1987 beim Bizarre-Festival auf der Berliner Waldbühne präsentiert. Noch weiter zurück gehen die Gemeinsamkeiten mit Chris de Burgh. Der Ire spielte 1981 als Nobody in den Rheinterrassen, Veranstalter war ein junger Musikfan aus Rüngsdorf.

Doch selbst Konzertveranstalter können nicht alle Künstler kennen. Jedenfalls wäre Ernie nie auf die Idee gekommen, die Zwillingsbrüder Heiko und Roman Lochmann (16) zu buchen. Der Tipp kam von einem Kollegen. Jetzt sind Die Lochis im Programm und ziehen jugendliche Fans aus dem gesamten Bundesgebiet: Das Duo macht Musik und Comedy auf YouTube. Bereits die nackte Statistik beeindruckt: zwei Millionen Abonnenten, rund 500 Millionen Abrufe.

Kultur in der Heimatstadt veranstalten

Von 1996 bis 2011 hat Hartz auch den Museumsplatz bespielt – mit Künstlern wie Roxy Music, Nick Cave und The Doors. Nach dem Aus fanden er und sein Partner Martin Nötzel, der für das Programm im Kunst!Garten zuständig ist, auf der fußballfeldgroßen Wiese in der Gronau das ideale Gelände. Das Duo bohrt dabei dicke Bretter. Denn in Bonn sind die Produktionskosten hoch. Die Infrastruktur muss Jahr für Jahr neu eingerichtet werden: Strom, Wasser, Sanitäranlagen, Container für Garderoben, Lärmschutz, dann die Bühne. Trotzdem wollen sie „Kultur in unserer Heimatstadt“ veranstalten, sagen die Godesberger.

Der Kunst!Garten mit Biergarten und kleiner Bühne ergänzt und erweitert die Saison. Nötzel organisiert dort ab Pfingsten fast täglich Kulturveranstaltungen bei freiem Eintritt. In diesem Jahr werden auch die EM-Spiele gezeigt, neu ist das Mitsing-Spektakel „Los mer singe“ mit mehreren Terminen.

Der nächste Anruf. Ernst-Ludwig Hartz tüftelt noch an einem „Künstler-Paket“ für den 29. Juni. Den britischen Songwriter Frank Turner hat er bereits fest verpflichtet, jetzt erhält er die Bestätigung für den Auftritt der belgischen Band Douglas Firs: „Die wollte ich schon letztes Jahr haben, jetzt passt es.“

Es gibt noch reichlich zu tun in der Rüngsdorfer Festivalzentrale. Die Unterkunft der Künstler muss geregelt werden. Manche Musiker reisen nach dem Konzert gleich weiter und übernachten im Tourbus, andere bevorzugen ein Hotel – für eine Nacht oder nur tagsüber. Eine logistische Herausforderung. Hartz checkt die Vorverkaufszahlen: 20 000 Tickets sind bereits verkauft, kein schlechtes Omen für eine erfolgreiche Saison.