Ein goethearmern "Faust" in den Kammerspielen Bad Godesberg

Der Untergeher

Bonn. Faust hat, ach!, Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie studiert. In Bonn ist jetzt auch die Malerei dazugekommen. Nachdem Goethes berühmteste Dramenfigur, dargestellt von Glenn Goltz, in den Kammerspielen Bad Godesberg die schwankenden Gestalten aus der "Zueignung" begrüßt hat und zu seinem berühmten Eingangsmonolog ansetzt ("Habe nun, ach!"), schleudert er Farbe an die Papierwände seines Zimmers - ganz in der Tradition des Amerikaners Jackson Pollock.

Die Bühnenbildnerin Cora Saller hat das Faust-Zimmer wie einen offenen Container gestaltet. Er hängt an Stahlseilen im Raum, kann sich nach oben und unten bewegen, bisweilen schwankt er hin und her. Fausts Welt ist in Bewegung.

Sein Raum ist Maleratelier, Matratzengruft, Kerker und psychiatrisches Krankenzimmer zugleich. Das passt. Denn Faust ist, wie viele von Goethes männlichen Helden, ein gebrochenes Individuum, dessen existenzielle Verzweiflung und Selbstverwirklichungsfuror nur noch von seiner Grausamkeit gegenüber der verführten und mitleidlos verstoßenen Margarete übertroffen werden.

Zwei Mal in der "Faust I"-Inszenierung von Alice Buddeberg bemüht Glenn Goltz Heinrich von Kleist. Dessen Satz "Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war" münzt Goltz auf seine Faust-Figur: einmal nach dem angedeuteten Sex mit Margarete (Mareike Hein), zum zweiten Mal beim offensichtlich vollzogenen Selbstmord.

Wirklich wahr: Nach rund drei Stunden, inklusive Pause, ist der depressive Faust in den Kammerspielen gestorben. Das steht so nicht bei Goethe, hält aber fürs Publikum eine gute Nachricht bereit: "Faust II" hat sich in Bonn erledigt.

Die Regisseurin hat sich die düstere Perspektive, die im Stück ja durchaus enthalten ist, vollkommen zu eigen gemacht. Gretchens Rettung durch Gott spielt da natürlich keine Rolle mehr, der Herr wurde in dieser goethearmen Deutung wegrationalisiert. Der Text, den sie ordentlich eingekürzt, stellenweise durcheinandergewirbelt und mit koketten Improvisationen ("Eins kann ich, das ist Knitteln", Faust) und Projektionen angereichert hat, blüht in den Kammerspielen nicht auf. Die Poesie erscheint welk und abgeschmackt, sie wird sinnlich und intellektuell nicht erfahrbar, wenn sie denn akustisch überhaupt sauber zu erfassen ist. Der hohe Ton, man kennt das ja, gehört nicht mehr zur Kernkompetenz von Theater heute.

Was bieten sie in den Kammerspielen stattdessen an? Zum Beispiel die unheilige Dreifaltigkeit namens Mephistopheles. Daniel Breitfelder, Johanna Falckner und Wolfgang Rüter verkörpern den eloquenten Teufel, die beste Rolle des Stückes.

Bis auf Mareike Heins Margarete sind alle blond an diesem Abend und ähnlich gekleidet: Spiegelbilder und Doppelgänger bevölkern die Szene. Am Ende tauschen Teufel und Mensch die Rollen, die Unterschiede lösen sich auf. Das Teuflische erscheint zutiefst menschlich.

Buddebergs Inszenierung mag es abwechselnd actionreich, albern und endspielhaft schwarz, manchmal trägt sie eine geradezu punkige Attitüde zur Schau. Die Besiegelung des Pakts zwischen Faust und Teufel erlebt das Publikum als vampirfilmhaften Effekt. Vorher gab es auch einen Bühnen-Dreier. Faust fährt Margarete im Einkaufswagen über die Bühne, um bewegte Gefühle auszudrücken. Sie wiederum packt Emotionen in einen Popsong. Fausts Wiedergeburt als junger Mann gibt es hautnah, ebenso Daniel Breitfelders simulierte mephistophelische Masturbation.

Wer Lust hat, kann Geschlechtsteile rezensieren an diesem Theaterabend. Auch Mareike Hein muss sich ausziehen. Die Bühne gleicht immer mehr einem Schlachtfeld. Die ausgestellte Hässlichkeit zermalmt alles, was im Stück Anlass zur Freude geben kann: Lust, Liebe, Gnade und, ja, Goethes Poesie.

Die Idylle einer Faust-Familie mit 14 Kindern, die auf der Bühne erscheinen, ruft Buddeberg auf, um sie danach in einem starken Bild, einem Maskenspiel, als albtraumhafte Illusion zu entlarven. Warum Mareike Hein in einer mehrminütigen, quälenden stummen Szene die Kindstötung durch Margarete veranschaulichen muss, bleibt das Geheimnis der Regie. Wer nicht ins Innere des Dramas vordringen mag, begnügt sich mit Äußerlichkeiten.

Die fünf Schauspieler geben in diesem "Faust" nach, nicht von Goethe viel. Leider bleibt nur wenig davon in Erinnerung. Wolfgang Rüter brilliert in einer komödiantischen Miniatur als literarisch aufgeladener Trinker. Daniel Breitfelder gefällt als Wiedergänger von Marilyn Manson, Johanna Falckner als verführerische Sirene. Mareike Hein ist zum Schluss eine eindrucksvoll irrlichternde Margarete. Glenn Goltz darf als Faust ein geborener Untergeher sein. Mehr nicht. Und also zu wenig.

Auf einen Blick

Das Stück: Eine große Tragödie, die hineingreift ins volle Menschenleben und deren musikalische Poesie bezaubert.

Die Inszenierung: "Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen / Probiert ein jeder was er mag": Alice Buddeberg mag es abwechselnd actionreich, albern und endspielhaft düster.

Die Schauspieler: Ihnen ist es in dieser Inszenierung leider nicht erlaubt, den ganzen Kreis der Schöpfung auszuschreiten.

Die nächsten Aufführungen: 22. und 24. April, 3., 6., 9., 15., 17., 22. und 31. Mai. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.