Bonner Kreuzkirche

Der Stammvater und seine Frauen

Oper in der Kreuzkirche: Hagar (Theresa Nelles) schminkt sich für Abraham. FOTO: SUSANNE DIESNER

Oper in der Kreuzkirche: Hagar (Theresa Nelles) schminkt sich für Abraham.

BONN. Daniel Schnyder hat eine Abraham-Oper geschrieben. In der Bonner Kreuzkirche fand das multikulturelle Werk großen Beifall.

Wenn nicht gerade die Femen-Aktivistinnen Kirchenräume stürmen, ist nackte Haut in Gotteshäusern eher selten anzutreffen. In Daniel Schnyders Oper "Abraham", die - nach ihrer Uraufführung beim düsseldorf festival! in der dortigen Johanneskirche - am Donnerstagabend in der Bonner Kreuzkirche Premiere feierte, verführt die Sklavin Hagar den Titelhelden mit nichts am grazilen Oberkörper als einen aufreizend roten BH. Es geht freilich nicht darum, zu provozieren, die Szene ist vielmehr ein Schlüssel für die ganze Geschichte, die vom Anfang der monotheistischen Weltreligionen erzählt. Mit der Zeugung Ismaels bringt Abraham, der Stammvater aller Juden, Christen und Muslime, ein Konfliktpotenzial in die Welt, das bis heute traurige Wirkung zeitigt.

Schnyder, der auch das Libretto schrieb, hat biblische und andere Quellen klug sortiert und daraus ein sehr menschliches Drama gewonnen, dessen Aktualität die heutigen Kleider wie auch Kanjo Takés großflächige Lichtprojektionen unterstreichen. Darin geht es um eine pikante Ménage-à-trois. Sarai, die Frau Abrahams, kann ihrem Mann keine Kinder schenken, weshalb sie auf den Gedanken verfällt, ihre Sklavin Hagar möge an ihrer Stelle die Rolle der Mutter seiner Kinder übernehmen. Nachdem Hagar Ismael zur Welt bringt, wird die von Eifersucht gequälte Sarai eines Tages aber doch noch schwanger. Eine Weile gelingt es, als Familie zusammen zu leben, doch später wird sie von Abraham verlangen, Hagar und Ismael buchstäblich in die Wüste zu schicken.

Die Geschichte Abrahams, seiner Frauen und Söhne enthält also alle Ingredienzen, die einen Opernstoff ausmachen: Liebe, Eifersucht und Gewalt. Auch wenn das Libretto einige dramaturgische Schwächen vor allem in der Zeichnung der Figuren enthält (was auch Gregor Horres' Regie nicht verdecken kann), gelingt Schnyder trotz der vielen Einflüsse, denen er sich textlich wie musikalische öffnet, ein musiktheatrales Amalgam, das bemerkenswert schlüssig und stimmig herüberkommt.

Musikalisch nämlich haben Orient und Okzident gleichermaßen Spuren hinterlassen. Das Orchester swingt jazzig in der Ouvertüre mit Schnyder selbst am Solosaxofon. Später gibt es Passagen, die sich komplexer kontrapunktischer Satztechniken westlicher Klassik bedienen, dann wieder bringen die Musiker Bassam Saba und Tareq Rantisi mit Nay, Oud und Schlagwerk arabische Farben ins multikulturelle Spiel. Das lange, vom "düsseldorf festival! orchester" unter Leitung von Kreuzkirchenkantorin Karin Freist-Wissing grandios gespielte Orchesterzwischenspiel, wenn Abraham Hagar und Ismael in die Wüste schickt, besitzt mit seinem melancholischen Grundthema eine enorme emotionale Wucht.

Der Gesangsstil pendelt gekonnt zwischen musicalhafter Prägnanz und den unendlichen Melodien Wagner'scher Musikdramen, wie es in der bewegenden Abschiedsszene von Hagar und Abraham zu hören ist. Die Sopranistin Therese Nelles und der Bass Mischa Schelomianski machten ihre Gefühle intensiv hörbar. Wie überhaupt die Solisten der Inszenierung gefielen: Rena Kleinfeld als Sarai, Rabih Lahoud als Ismael und Raphael Pauß als Isaak. Nur schade, dass sie mit Mikroports sangen.

Dem (um eine szenische Gruppe ergänzten) Chor kommt in diesem Religionsdrama eine ganz wichtige Rolle zu. Er kommentiert aus dem Chorraum heraus die Konflikte und Gemütsverfassungen, er befiehlt, fordert Entscheidungen - und tröstet. Die Johanneskantorei Düsseldorf und die Kantorei der Kreuzkirche meisterten ihren anspruchsvollen Part mit Konzentration, Ausdruck und bester Textverständlichkeit. Großer Beifall im ausverkauften Kirchenschiff.

Weitere Aufführungen: Samstag, 22. und Sonntag, 23. November, jeweils 20 Uhr. Karten in den Bonnticketshops der GA-Zweigstellen.