Neue Serie "Kulturschock"

Der Mathematiker mag Heavy Metal

Der Wissenschaftler Roland Donninger spricht zum Start der neuen Feuilleton-Reihe "Kulturschock" über Beethoven, Einstein und Iron Maiden. Er forscht an der Universität Bonn und wechselt im September nach Wien.

Nur durch die Kunst können wir unsere Vollendung erlangen; nur durch die Kunst können wird uns vor dem gemeinen Schmutz des Lebens schützen.“ Große Worte des irischen Autors Oscar Wilde (1854-1900). Aber hat er auch recht? Wir wollen mit Persönlichkeiten über den Wert (und den Preis) von Kultur reden. Darüber, ob sie ein Leben beeinflussen oder sogar verändern kann – oder eben nicht. Gesprächspartner sind Menschen, die nicht Teil der Kulturszene sind, sondern ihr Geld auf andere Weise verdienen. Den Anfang macht ein Mathematiker. Folgende Fragen und Themen sind in der unregelmäßig erscheinenden Feuilleton-Reihe mit dem Titel „Kulturschock“ gesetzt:

Gab es in Ihrem Leben einen – positiven oder negativen – Kulturschock?

Muss man bei der Kultur sowohl vom Wert als auch vom Preis sprechen?

Erklären Sie Ihren Beruf in wenigen Worten.

Was hören Sie gerade, was lesen Sie, was sehen Sie sich an?

Wir sind in Bonn – ein Wort zu Beethoven …

Roland Donninger wandelt auf den Spuren Beethovens. Seit 2014 arbeitet der 39-jährige Österreicher am Mathematischen Institut der Universität Bonn. Im September verändert er sich in Richtung der anderen Beethovenstadt und beginnt als Professor in Wien. Guter Anlass, um eine Stellungnahme zu Beethoven abzufragen. Donninger: „Bei Beethoven fällt mir aus aktuellem Anlass die Ode an die Freude ein. Ich würde mir wünschen, dass diese dümmlichen Nationalisierungstendenzen, die wir zur Zeit in Europa erleben, irgendwie ein Ende finden. Und dass die Leute zur Vernunft zurückkehren und der Nationalstaat irgendwann einmal den wohlverdienten Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte bekommt.“

Der klaren politischen Ansage folgt ein typischer Nachsatz: „Ich weiß schon, das ist utopisch, aber ich bin ja weltfremder Wissenschaftler und darf mich solchen Utopien ergeben.“

Gleich zu Beginn des Gesprächs im Arbeitszimmer in der ehemaligen Landwirtschaftskammer in der Endenicher Allee 60 wird klar: Donninger ist alles andere als weltfremd, vielmehr ist er meinungsfreudig, drückt sich direkt und pointiert aus, legt Wert auf selbstironische Pointen und lässt keine Denkverbote gelten.

Er lacht auch gern, zum Beispiel wenn er die Bedeutung Beethovens für seine Geburtsstadt bewertet: „Bonn ist für mich nicht nur die Stadt von Beethoven. Für mich ist Bonn die Stadt der Mathematik. Bonn ist eines der ganz großen mathematischen Zentren weltweit. Ich spreche hier vom globalen Maßstab.“ Darauf könne Bonn stolz sein – „stolzer als auf Beethoven“, sagt er und freut sich über die provokante Pointe. Im Laufe des Gesprächs weist der Mathematiker immer wieder auf Gemeinsamkeiten zwischen seinem Fach und der Kunst hin. Damit steht er nicht allein. Andrew Ranicki, Mathematiker und Sohn von Marcel Reich-Ranicki, hat in einem Interview davon berichtet, wie ein Kollege von ihm mit einem Neurologen geprüft habe, was im Gehirn von Mathematikern geschieht, wenn sie Formeln anschauen: „Es werden dieselben Regionen des Gehirns aktiviert wie beim Betrachten von Kunst!“

Das kann Roland Donninger nachvollziehen. „Schönheit ist in der Mathematik ein ganz wichtiger Begriff“, bekräftigt er. Und Kreativität ganz wichtig. „Think outside the box“, lautet das Motto, nicht Rechnen nach Rezept wie oft in der Schule. Was heißt das nun konkret in seinem Fall? Donninger braucht nur wenige Sätze, um seinen Beruf zu erklären: „Ich beschäftige mich mit partiellen Differentialgleichungen. Das ist die Sprache, in der die Naturgesetze geschrieben sind. Die Einstein-Gleichung in der Allgemeinen Relativitätstheorie beschreibt das gesamte Universum, von Mikrometerabständen bis zu kosmologischen Skalen. Und mehr noch, sie beschreibt sogar alle möglichen Universen. Das zeigt schon, dass diese Sprache extrem effektiv ist und extrem viel Information komprimieren kann auf minimalem Raum.“

Man müsse diese Informationen im Nachhinein wieder extrahieren. Um das zu können, benötige man mathematische Arbeitsgeräte, die mit diesen Gleichungen umgehen können. Donninger beschäftigt sich mit der Entwicklung solcher Instrumente.

Er rühmt Albert Einstein, der nicht alle Konsequenzen seiner Arbeit habe erfassen können: „Einstein hat nie gewusst, was ein schwarzes Loch ist.“ Die Existenz von schwarzen Löchern sei zwar in der Einstein-Gleichung codiert. Aber um das herauslesen zu können, bedürfe es der Mathematik. Als Hilfswissenschaft für die Physik versteht Donninger sein Fach nicht. Das macht der Wissenschaftler mit Nachdruck klar: „Die Mathematik hat zwei wichtige Funktionen: Sie liefert die Werkzeuge, um physikalische Probleme zu analysieren und zu verstehen. Aber viel wichtiger noch ist die Mathematik als die Beschreibungssprache der Physik. Die gesamte Physik ist in mathematischer Formelsprache ausgedrückt.“

Einstein inspiriert den Mathematiker zu einer Analogie zwischen Kunst und Wissenschaft: „Eine der Triebfedern, um überhaupt etwas zu tun, ist die Überwindung der Endlichkeit der menschlichen Existenz. Der große Traum eines jeden ist ja wahrscheinlich, über den eigenen Tod hinaus zu wirken. Kunst ist eine der Möglichkeiten, wie man so etwas entfalten kann. Und genauso Wissenschaft. Einstein lebt noch immer in unseren Köpfen.“

Donningers Kultursozialisation darf man sich als evolutionären Prozess vorstellen. Mit positiv oder negativ besetzten Schockerlebnissen in der Vergangenheit kann er nicht dienen. Wie sieht es mit der Gegenwart aus? Zuletzt im Urlaub hat der Vater zweier Jungen „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist gelesen.

Kleist im Urlaub? Ja, denn: „Ich habe eine Idee, dass ich im Laufe meines Lebens bestimmte Schlüsselwerke lesen möchte.“ Von 50 Werken spricht der Mathematiker, darunter der auf dem Nachttisch (noch ungelesen) liegende Roman „Die Strudelhofstiege“ von Heimito von Doderer.

Was hört er gerade, wollen wir wissen und bekommen ein Bekenntnis: „Bei Musik bin ich sehr konservativ. Ich höre eigentlich ausschließlich klassischen Heavy Metal.“ Im Moment „The Book Of Souls“ von Iron Maiden. „Ich spiele auch selber Gitarre. Elektrogitarre, meistens verzerrt.“ Kommentar der Söhne, die ihm derzeit wenig Zeit für kulturelle Zerstreuung und Erbauung lassen: „Sie sagen immer, es ist zu laut.“

Als Mathematiker fühlt sich der Forscher wie ein Musiker, der nur für andere Musiker spielt: „In der Mathematik sind alle Zuhörer auch immer Musiker. Entsprechend scharf wird man natürlich begutachtet bei einem ,Konzert‘, bei Vorträgen auf Konferenzen.“

Donninger kann rechnen – der richtige Mann, um Auskunft zu geben über den Zusammenhang zwischen dem Preis und dem Wert von Kultur. Das koppelt er wieder mit der Wissenschaft. Kultur und Wissenschaft seien höchster Ausdruck des menschlichen Geistes, keine Knechte des ökonomischen Interesses: „Grundlagenforschung und Kunst sind entkoppelt von Marktmechanismen, sie funktionieren nicht nach diesen Marktmechanismen, nach Angebot und Nachfrage.“

Er verpackt seine Sicht der Dinge in einer Formel: „Der Entwicklungsgrad einer Gesellschaft bemisst sich gerade daran, wie viel sie bereit ist, für solche Sachen aufzuwenden.“

Die Kultur- und Wissenschaftsstadt Wien hat in dieser Hinsicht eine Menge zu bieten. Zurück in der österreichischen Metropole kann Donninger eine während des Studiums liebgewonnene Freizeitbeschäftigung wieder aufnehmen: den Theaterbesuch.