Born in the BRD

Der Kabarettist Özgür Cebe im Interview

BONN. Der Bonner Kabarettist Özgür Cebe spielt sein Programm im Haus der Springmaus. In der Pauke moderiert er die Offene Bühne und in der Altstadt eine eigenen Show. Sonst ist er viel bundesweit unterwegs und manchmal auch Gast in der „Heute-Show“

Mit der „Heute-Show“ fühle er sich politisch auf einer Linie, sagt Özgür Cebe. Deshalb ist der Bonner Kabarettist am Freitag vergangener Woche auch sofort dem Ruf von Oliver Welke gefolgt, der ihm eine kernige Erdogan-Satire auf den Leib geschrieben hatte: Denunziation leicht gemacht – und gut bezahlt. Cebe ist kein Comedian, er macht zwar Stand-up, aber mit Kabarett. Und er begreift sich als Rheinländer, als „Bonner durch und durch“. Mit Özgür Cebe sprach Heinz Dietl.

Ihr derzeitiges Programm trägt den Titel „Born in the BRD“. Klare Ansage, oder?

Özgür Cebe: Programmtitel sind eine Kunst für sich. Da ich in Deutschland geboren wurde und das auch thematisiere, kam mir die Idee zum Titel.

Der rote Faden ist die eigene Biografie?

Cebe: Es ist ein Themenmix. Und ich gebe deutlich zu verstehen, dass ich es satt habe, aufgrund meines Aussehens nicht als Deutscher wahrgenommen zu werden. Dabei bin ich deutscher als mancher Deutsche.

Wie geht das?

Cebe: Es fing mit meiner Geburt an: Ich kam pünktlich – eine kleine Pointe am Rande. Aber ich zeige auch klare Kante gegen Fundamentalismus. Im biografischen Teil erzähle ich, dass ich in Tannenbusch aufgewachsen bin und was das bedeutet. Auch eine Botschaft zur Flüchtlingskrise habe ich im Angebot.

Wie lautet diese Botschaft?

Cebe: Viele Menschen werden nicht mehr nach Hause zurückkehren können, weil ihre Heimat, etwa Syrien, in Trümmern liegt. Die Menschen werden hierbleiben, sie werden Kinder bekommen, und diese Kinder werden wie ich „Born in the BRD“ sein. Manche Kinder werden ihren Weg machen und ihren Beitrag zur Gesellschaft leisten, andere werden vielleicht kriminell.

Sie sind in Bielefeld geboren, wann kamen Sie nach Bonn?

Cebe: Wir zogen früh nach Wesseling. Ich war 12 oder 13, als wir nach Bonn kamen, in ein Einfamilienhaus nach Tannenbusch.

Wie war die Jugend in den neunziger Jahren dort?

Cebe: Aus der subjektiven Sicht eines Teenagers war sie phasenweise gar nicht so schlecht. Aus der heutigen Sicht eines Erwachsenen kritisiere ich, dass sich in Tannenbusch eine Art Ghetto gebildet hat. Meine Botschaft: Wenn man ein Miteinander möchte, muss man auch ein Miteinander leben. Ghettos fördern Rassismus auf beiden Seiten.

Haben Sie das so erlebt?

Cebe: Klar, gab es auch Rassismus gegen Deutsche. Man lebte in einer Parallelgesellschaft.

Wo könnte Integration ansetzen?

Cebe: Die Schuld liegt auf beiden Seiten. Die deutsche Seite sagt: Ihr seid Gastarbeiter, Ihr gehört nicht zu uns, Deutschland ist kein Einwanderungsland. Die Migranten sagen: Ihr wollt uns nicht haben, also wenden wir uns an unseresgleichen – und kapseln uns von euch ab. Und ich sage: Das müssen wir durchbrechen. Denn: Die meisten werden ohnehin hier bleiben.

Rückkehr also ausgeschlossen?

Cebe: Die Türkei ist ein komplett anderes Land, in dem wir uns nicht zurechtfinden. Wir sind in dieses deutsche System eingebettet, sind Deutsche und merken es oft erst bei einem Besuch in der Türkei. In der Türkei sind wir fremd – also wieder Ausländer.

Was empfinden Sie bei einem Türkei-Besuch?

Cebe: Ich gehe nicht mehr in die Türkei. Aufgrund meiner Erdogan-Kritik stehe ich vermutlich auf der schwarzen Liste.

Wegen Ihres Auftritts in der „Heute Show“, wo man bei Ihnen regierungskritische Nachbarn denunzieren konnte?

Cebe: Nicht nur, ich hatte schon vorher viel mediale Präsenz zu diesem Thema. 2017 wurde ich mit dem Stuttgarter Besen ausgezeichnet. Ich bin mit Teilen des Programms in Stuttgart aufgetreten, das wurde im Fernsehen übertragen. Also könnte es sein, dass man mich in der Türkei verhaftet, deswegen gehe ich gar nicht erst hin.

In Tannenbusch leben Türken und Araber. Sprechen die Kulturkreise mit einer Stimme?

Cebe: Tannenbusch war schon zu meiner Zeit eher arabisch, marokkanisch vor allem. Bedenklich wird es, wenn diese Kulturen eine islamische Prägung annehmen – islamisch im negativen Sinne. Nach dem Motto: Wir beanspruchen die Wahrheit für uns, die anderen sind die Ungläubigen. Man hat auf Religiös getan – und trotzdem Drogen konsumiert, sich geprügelt, illegale Dinge getan, die mit dem Islam nichts zu tun haben. Eine Doppelmoral.

Mittlereile gilt Tannenbusch als Salafisten-Hochburg. Wie konnte es dazu kommen?

Cebe: Durch Ablehnung, nicht zu Deutschland zu gehören, fehlte vielen, auch mir, eine Identität. Hinzu kam die eigene Einkapselung. Man wird empfänglich, wenn dir jemand eine solche kulturelle Heimat anbietet: Du gehörst zu uns. Deshalb funktioniert Erdogan so gut in Deutschland.

Fühlen sich Kabarettisten wie Özgür Cebe, Abdelkarim oder Serdar Somuncu unter Druck gesetzt, ihre Migrationshintergründe in Programme zu packen?

Cebe: Klar, wir tun das, und es ist nach wie vor notwendig, diese Themen öffentlich zu verhandeln. Und wir haben durchaus Erfolg damit, ein neues Bild von Deutschland zu etablieren. Ein Politiker wie Cem Özdemir hilft uns dabei mit seiner Botschaft: Leute, wir bewegen etwas, wir leisten unseren Beitrag in dieser Gesellschaft. Und deshalb will ich versuchen, in meinem nächsten Programm gar nicht mehr auf diese Thematik einzugehen.

Ist die Zeit endlich reif für ein migrationsfreies Programm?

Cebe: Ich hoffe es. Mein derzeitiges Programm ist ein Hybrid, mit dem nächsten wird die Metamorphose vollendet sein. Der Titel: „plaCEBEeffekt“. Das hat gar nichts mehr mit Ethno zu tun.

Was sind die Themen?

Cebe: Neue Medien, digitale Welt, Evolutionstheorie, mein Hund – alles Mögliche, nur nicht Migration. Viele Kollegen lösen sich davon. Das Thema sollte endlich durch sein.

Sie moderieren in der Pauke die Offene Bühne mit diversen Künstlern. Welchen Stellenwert hat „Wednesday Night Life“?

Cebe: Einen hohen. Es ist wichtig, dass man solche Clubs fördert. Ich bleibe der Pauke gern treu. Ich habe zudem eine eigene Show in der Traditionskneipe Op de Miel in der Kölnstraße.

Das lief bisher unter dem öffentlichen Radar. Warum?

Cebe: Ich wollte das als Geheimshow halten. Ich lade Kollegen ein, moderiere. Immer sofort ausverkauft. Jetzt machen wir das öffentlich. Nächster Termin wird im September sein.

Sie haben Anfang der Woche zwei Shows in Berlin gespielt, der Tourplan bis Dezember ist nicht schlecht bestückt. Läuft alles gut?

Cebe: Unsere Branche zeichnet sich aus durch ein stetiges Auf und Ab. Ich bin im Moment zufrieden.

Mehr nicht?

Cebe: Doch. Ich lebe meinen Traumjob, fühle mich privilegiert. Trotzdem bleibe ich Realist. Ich habe nicht den Bekanntheitsgrad eines Mario Barth.

Merkwürdiger Vergleich.

Cebe: Ich rede vom Bekanntheitsgrad. Mit gesellschaftskritischem Kabarett kann man keine Arena füllen.

Sie sehen sich als Kabarettist?

Cebe: Ich verwende den Begriff „Stand-up Kabarettist“. Ich praktiziere eine Mischform, verbreite meine politischen Inhalte und halte es ansonsten mit Jürgen Becker: „Kabarett schön und gut, aber man darf ja auch mal einen Witz machen dürfen“.