Ausstellung "Deutschen Mythen seit 1945"

Dem deutschen Mythos von der "Stunde Null" auf der Spur

Die Stunde Null in der "Deutsche Mythen seit 1945"-Ausstellung.

Die Stunde Null in der "Deutsche Mythen seit 1945"-Ausstellung.

Bonn. Mit einer Serie begleitet der General-Anzeiger die aktuelle Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte zu "Deutschen Mythen seit 1945". Die Artikelreihe startet mit dem Mythos der Stunde Null und der Frage, inwiefern es diese überhaupt gegeben hat.

Dass die Kapitulation des Deutschen Reichs im Mai 1945 eine weltpolitisch bedeutsame Zäsur war, steht außer Frage. Ob die Metapher oder auch der Mythos der „Stunde Null“ darauf bezogen werden kann, ist aber mehr als fraglich. Schon allein die Unschärfe des Begriffs sorgt für Irritationen. Ist es ein Moment des Neuanfangs nach der Kriegskatastrophe? Ist es die Unterbrechung von Kontinuitäten zwischen Hitlers Reich und der jungen Bundesrepublik?

Ist es der Augenblick und die Chance der Neuordnung, wie es die Zeitschrift „Der Ruf“ 1946 formulierte, als es dort hieß, die neue Generation brauche nicht umzubauen, „sie kann neu bauen“. „Es gab keine 'Stunde Null', aber wir hatten die Chance zu einem Neubeginn. Wir haben sie genutzt, so gut wir konnten. An die Stelle der Unfreiheit haben wir die demokratische Freiheit gesetzt“, sagte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede zum 8. Mai, im Jahr 1985 im Bonner Plenarsaal.

Definiert man „Stunde Null“ als historisch-gesellschaftlichen Tiefpunkt, so trifft das gewiss die Stimmung von 1945 mit Millionen Kriegstoten, Versehrten, zerbombten Städten und einem Land in Auflösung. Die Situation war freilich eine andere. Es gab durchaus etwas, worauf man aufbauen konnte. Und es gab keine gesellschaftliche Tabula rasa, wie der Historiker Christoph Kleßmann meint, „die einen völligen Neuanfang ohne Bindungen an tradierte Strukturen ermöglicht hätte“.

Globke und Oberländer in
 Adenauers Kabinett

Etliche Eliten, Juristen, Mediziner, Wirtschaftsführer und Politiker saßen trotz Zugehörigkeit zur NSDAP vor 1945 danach wieder gut im Sattel, während fast die Hälfte des politisch belasteten Leitungspersonals deutscher Unternehmen ihre Positionen verloren hatte. Den Handelnden der Ära Adenauer wurde jedoch vorgeworfen, sie hätten nicht den Bruch vollzogen, sondern eine Restauration zugelassen. Prominente Beispiele sind Adenauers Chef des Bundeskanzleramts, Hans Globke, und Bundesvertriebenenminister Theodor Oberländer.

Globke war in Hitlers Reichsinnenministerium Mitverfasser und Kommentator der „Nürnberger Rassegesetze“, der Agrarwissenschaftler Oberländer war Parteimitglied und setzte sich für die „ethnische Säuberung“ des annektierten Westpolens ein. In den 1950er und 1960er Jahren war wenig mehr als die Parteizugehörigkeit bekannt, „Vorwürfe, sie seien in ihren Ämtern (…) im Sinne einer Wiederherstellung der nationalsozialistischen Diktatur tätig geworden, hat es bezeichnenderweise nie gegeben“, schreibt Werner Plumpe in seinen Beitrag zum Katalog zur Ausstellung im Haus der Geschichte und beschreibt, wie die SED-Propagandisten beharrlich Material über ehemalige Nationalsozialisten lancierten.

Ursprung des Begriffs

Wo genau der Begriff „Stunde Null“ herkommt, ist nicht bekannt, der Filmtitel „Deutschland im Jahre Null“ (Roberto Rossellini, 1948) hat bestimmt zu dessen Verbreitung gefühlt. Der französische Soziologe Edgar Morin hatte 1946 das Buch „L'an zéro de l'Allemagne“ geschrieben, das das 1948 unter dem Titel „Das Jahr Null“ in der sowjetischen Besatzungszone herauskam.

Auf der Suche nach den Hintergründen des Mythos traf Plumpe auf den Philosophen Hans Blumenberg, der Mythen als Erzählungen bezeichnet, um Abstand zu bekommen zu etwas, was immer noch gefährlich nah sei. So sei die Fiktion eines unbelasteten Neuanfangs – selbst im Wissen über Kontinuitäten – fürs Weitermachen nötig gewesen, um nicht in lähmende Selbstaufgabe zu verfallen. Plumpe: „Wir sind noch dieselben Menschen, aber wir sind ganz andere geworden, und deshalb ist es uns auch möglich, erfolgreich neu anzufangen.“

In der Ausstellung hängt ein Foto von den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und dem Hinweis darauf, dass damals nur ein Bruchteil der NS-Täter verfolgt, angeklagt und verurteilt wurde, neben einem Plakat der FDP. Dort heißt es unter der Überschrift „Schlussstrich drunter!“ „Schluss mit Entnazifizierung, Entrechtung, Entmündigung, Staatsbürgern 2. Klasse“.

Die Sehnsucht nach dem Vergessen

Die Sehnsucht, dieses düstere Kapitel vergessen zu machen, war groß. Dabei hielten sich die Sanktionen gegen die rund zehn Millionen NSDAP-Mitglieder und die vielen Menschen, die in Hitlers perfider Maschinerie an welcher Stelle auch immer mitwirkten, in Grenzen. So wurden bei Entnazifizierungsverfahren nur 1667 Personen als „Hauptschuldige“, 23 060 als „Belastete“ klassifiziert. Das Gros der Deutschen teilte sich demnach in 42 Prozent „Mitläufer“ und 50,67 Prozent „Entlastete“. Wobei nur knapp 2,5 Millionen Deutsch überhaupt vom Entnazifizierungsverfahren erfasst wurden. Ein Bruchteil der in NS-Organisationen wirkenden Menschen.

Ein prägnantes Beispiel für eine halbherzige Aufarbeitung der NS-Zeit ist der Fall des Industriellen Friedrich Flick. 1947 war er beim Internationalen Militärtribunal in Nürnberg wegen des Einsatzes von Zwangsarbeitern und der Unterstützung des NS noch zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt worden. Schon 1949 galt er bei der Entnazifizierung als „Entlastet“. Die Amerikaner ließen ihn 1950 vorzeitig frei. Der Industrielle, der Hitlers Armeen mit Rüstungsgütern versorgt hatte, baute nach 1950 sein Imperium wieder auf und wurde zu einem der reichsten Männer der Republik. Der Mythos „Stunde Null“ wird hier zum Märchen.