Ausstellung "Deutschen Mythen seit 1945"

Dem deutschen Mythos vom Wunder von Bern auf der Spur

Bonn. Ein Kapitel in der Ausstellung "Deutsche Mythen nach 1945" im Haus der Geschichte widmet sich den Fußball-Weltmeisterschaften von 1954 und 2006. Sie wirkten als Kitt der Gesellschaft.

Eine Besonderheit der vier Weltmeistertitel, die Deutschland bisher im Fußball gesammelt hat, besteht darin, dass der erste sich als Mythos ganz tief in das kollektive Gedächtnis der (Fußball-)Nation eingebrannt hat und sogar einen eigenen Namen besitzt: „Das Wunder von Bern“. Aus sportlicher Sicht ist das gerechtfertigt. Gegen übermächtige Ungarn, die Deutschland bei seiner ersten WM-Teilnahme nach dem Zweiten Weltkrieg in der Vorrunde noch 8:3 besiegt hatten, schien das Finale schon vor dem Anpfiff entschieden. Es kam bekanntlich anders.

Vor allem durch das verstärkte Aufkommen von TV-Dokumentationen ab den 90er Jahren (bei denen bis heute stets die Radioreportage von Hans Zimmermann über das Fernsehbild gelegt wird) und später den Film „Das Wunder von Bern“ (2003) wurde das Ereignis im Nachhinein zur wahren Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland stilisiert, was historisch betrachtet nicht zutraf. Der sportlich überraschende Erfolg wurde durchaus auch in der Heimat frenetisch gefeiert. „Nach dem Abpfiff brach allgemeiner Jubel los, und als die Mannschaft am Tag darauf mit dem Zug heimkehrte, erlebte sie entlang der Strecke einen begeisterten Empfang“, schreibt Franz-Josef Brüggemeier, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, in seinen Beitrag zum Katalog zur Ausstellung im Haus der Geschichte. Doch das sportliche Ereignis wurde erst im Nachgang zu einem nationalen Mythos umgedeutet. Zu Unrecht, wie Brüggemann schreibt: „1954 fand kein Sommermärchen statt. Dazu waren der Zweite Weltkrieg und Hitlers Herrschaft noch zu präsent. Stattdessen fand sich eine Unsicherheit, wie man den Titelgewinn feiern sollte und wie die damit verbundene Begeisterung zu deuten war.“

Wer sich in der Ausstellung alte Filmausschnitte und manches Exponat ansieht, bekommt aber eine Idee, warum sich der Stoff so gut zur nachträglichen Überhöhung eignet: Das spärliche Material wirkt in unserer heutigen digitalisierten Zeit wie aus einer besseren, fernen Welt, die sich wohl nicht wenige gern zurückwünschen würden. Der Sieg damals ist zudem die alte Geschichte von David gegen Goliath übertragen auf das Fußballfeld, das damals noch keine millionenschweren Ich-AGs in bunten Kunststoff-Schuhen eine Bühne bot, sondern vermeintlich reinem Sport. Vermeintlich deshalb, weil sich hartnäckige Doping-Vorwürfe gegen die deutsche Elf nie überzeugend entkräften ließen.

Auch noch bei den folgenden zwei deutschen WM-Titeln brach die Begeisterung im Land recht schnell ab. Zwar wurde 1974 und 1990 deutlich ausgiebiger gefeiert als noch 1954, doch nationale Botschaften gingen auch von diesen Erfolgen nicht aus.

So richtig ausgelassene Stimmung herrschte in Deutschland erstmals beim von Brüggemann erwähnten Sommermärchen im Jahr 2006 – auch wenn Gastgeber Deutschland hier ohne Titel blieb. Doch Millionen Fans feierten wochenlang ein ausgelassenes Fußballfest auf den Fanmeilen der Republik und zeigten erstmals einen unverkrampften Umgang mit nationalen Symbolen: Deutschlandfähnchen auf allen Körperteilen, Balkongeländern und Autospiegeln prägten das Bild. Die Euphorie wurde beflügelt von den mitreißenden Auftritten einer deutschen Mannschaft, die es in dieser Form lange nicht gegeben hatte. „Von Anfang an bekannten sich die Deutschen unbeschwert zu ihren Nationalgefühlen und zeigten nach 60 Jahren der Zurückhaltung wieder unbefangen nationalen Stolz“, schreibt Brüggemann. Eine chauvinistische Stimmung sei nicht zu erkennen gewesen. Und auch die Nationalhymne (deren verpönte erste Strophe 1954 in Bern noch im Publikum gesungen worden war) habe keine Rolle mehr gespielt. Eine sehr positive Deutung, angesichts der immer wieder aufkommenden Diskussion darüber, ob Nationalspieler (gerade die nicht deutsch-stämmigen) die Nationalhymne mitsingen sollten oder nicht. Und auch der Umgang mit Ilkay Gündogan und Mesut Özil nach ihrem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Erdogan im Vorfeld der vergangenen WM hat gezeigt, dass aus Begeisterung für Deutschland vor allem bei Misserfolg oder schwachen Leistungen ganz schnell nationalistische oder rassistische Töne entstehen können, die kein Wir-Gefühl beschwören, das alle mit einschließt, sondern für Ausgrenzung plädieren – so komplex die Gemengelage besonders im Fall Özil auch war.

Und so kommt es nicht von ungefähr, dass eine Vielzahl von Stimmen laut geworden sind, die in der Begeisterung von 2006 den Nährboden für den erstarkten Nationalismus sehen – auch wenn sicher nicht jeder „Schland“-Aficionado gleich zum Pegidisten geworden ist. Die „Zeit“ resümierte bereits 2008: „Fußball kann nationalistische Übersteigerung fördern.“ Und der Politikwissenschaftler Herfried Münkler sagte kürzlich in einem Interview: „Beim Sommermärchen 2006 hatten die Deutschlandflaggen nichts Exkludierendes. Heute bin ich mir nicht mehr so sicher.“ Die gelassene Freude beim Anblick der Flaggen sei verschwunden. Während es in der Gegenwart längst üblich ist, dass Politiker bei wichtigen Spielen auf der Tribüne (und teilweise auch danach in der Kabine) anwesend sind, war dies 1954 keineswegs der Fall. Bundespräsident Theodor Heuss verlieh den Spielern damals nach dem Turnier für ihre Verdienste zwar das „Silberne Lorbeerblatt“, warnte bei aller Begeisterung aber vor nationaler Überheblichkeit. Explizit wandte er sich gegen eine politische Nutzung des Sports: „Sie erwarten und Sie kriegen von mir heute keine politische Rede. Wir sind wegen des Sports da. Ich glaube, wir sollten ihn ausserhalb der Politik halten.“

Das Manuskript ist in der Ausstellung zu sehen und könnte eine gute Anleitung für manchen Machthaber der Gegenwart sein, den Sport nicht zu instrumentalisieren. Denn ein Politikum ist er so oder so.