Oper in Bonn

Debüt mit lauter Unbekannten

Himmlischer Gesang: Nathalie Manfrino in der Titelrolle der Bonner Inszenierung von Jules Massenets Oper "Thaïs".

BONN. Mit so viel Mut zur Repertoire-Lücke hat in Bonn noch nie ein Intendant sein Amt angetreten. Gerade zwei Opern aus der ewigen Bestenliste hatte Bernhard Helmich in seiner ersten Spielzeit auf die Bühne gebracht, beide aus dem italienischen Fach: Giacomo Puccinis "Tosca" und Giuseppe Verdis "Aida".

Wagner, Strauss - komplett Fehlanzeige, Mozart kam nur als Wiederaufnahme der zwei Jahrzehnte alten "Zauberflöte" auf die Bühne.

Die restlichen Werke, mit denen der Nachfolger von Klaus Weise die Bonner für die Oper begeistern wollte, tauchen in den Statistiken nicht einmal im Mittelfeld auf. Die britischen Importe, George Benjamins "Written On Skin" und Jonathan Doves Familienoper "Pinocchios Abenteuer", sind für eine Platzierung schlichtweg zu neu, das Musikdrama "Der Traum ein Leben", das der von den Nazis kaltgestellte Walter Braunfels in Bad Godesberg komponierte, hatte nie eine Chance, den Weg zum Publikum und damit in die Statistiken zu finden.

Auch Jules Massenets "Thaïs" gehört eher zu den raren Stücken des Spielbetriebs. Der Titel ist heute einem größeren Publikum eigentlich nur geläufig, weil die Geiger die berühmte "Méditation" so sehr lieben, dass sie dieses instrumentale Zwischenspiel aus den Orchestergräben der Opernhäuser geholt haben und damit in den Konzertsälen ihr Publikum zu Tränen rühren.

Ob soviel Chuzpe das Publikumsinteresse trifft, ist amtlich noch offen. Bislang jedenfalls wurden noch keine Auslastungszahlen veröffentlicht. Immerhin, sagt der unterm Spardiktat operierende Generalintendant Helmich, "sind die Erwartungen bei den Einnahmen erreicht worden".

Künstlerisch aber lässt sich ein positives Fazit ziehen. Einen echten Flop oder gar Skandal, wie ihn etwa im vergangenen Jahr Düsseldorfs Deutsche Oper am Rhein mit Wagners "Tannhäuser" produzierte, ist aus Bonn nicht zu vermelden. Helmich ist bei allen Wagnissen immer auch jemand, der für das Publikum Theater macht. "Es sind zwar überwiegend unbekannte Titel, aber es sind alles Werke, von denen wir überzeugt sind, dass sie ein großes Publikum finden werden", sagte der Generalintendant vor seiner Debüt-Spielzeit.

Tatsächlich wurde die von Bonns Opernchefdirigent Hendrik Vestmann musikalisch perfekt umgesetzte Oper "Written On Skin" in der Neuinszenierung von Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy bei ihrer Bonner Premiere vom Publikum mit viel Beifall aufgenommen. Und auch der extra angereiste Komponist George Benjamin schien glücklich mit dem Resultat.

Die zweite Oper britischer Provenienz, Doves Pinocchio, ist eine handwerklich erstklassige Arbeit, sowohl was die Musik als auch die fantasievolle szenische Umsetzung durch Martin Duncan angeht. Allerdings geht das dreistündige Opus am ganz jungen Zielpublikum ein bisschen vorbei: Musikalisch erweist sich diese dreistündige Familienoper schlichtweg als viel zu anstrengend.

Helmichs Saat ging künstlerisch auch in den Opern von Walter Braunfels und Jules Massenet auf. Nicht nur der Anarcho-Humor des Regisseurs Jürgen R. Weber machte das musikalische Märchen "Der Traum ein Leben" zu einem Bühnenereignis, auch das leidenschaftliche Engagement, das vom Dirigenten Will Humburg bis zu den Sängern der Hauptpartien Endrik Wottrich und Manuela Uhl reichte.

Auch in "Thaïs" war eine großartige Mannschaft am Werk, darunter Bonns Generalmusikdirektor Stefan Blunier, der hier sein Faible fürs französische Repertoire ausleben konnte, am Pult, Francisco Negrin auf dem Regiestuhl, Nathalie Manfrino in der Titelpartie und der großartige Evez Abdulla in der Rolle des religiösen Eiferers Athanaël.

In den Repertoire-Klassikern "Tosca" und "Aida" ragte Bonns Ensemble-Neuzugang Yannick-Muriel Noah stimmlich heraus, die in beiden Stücken neben dem verlässlich guten Tenor George Oniani (Cavaradossi, Radames) reüssierte. Die Inszenierungen hingegen erreichten nicht Spitzenniveau. Dass Verdi-Fachmann Dietrich Hilsdorf in seiner vitalen Bonner "Aida" ganz viele seiner bereits vor einem Vierteljahrhundert in Essen ausprobierten Regie-Einfälle recycelte, war ein bisschen schade.

Der im Mai vorgestellte Spielplan für die kommende Saison sieht zwar nicht mehr ganz so wagemutig aus und konzentriert sich wieder mehr auf das Kernrepertoire: "Fidelio", "Salome", "Hoffmanns Erzählungen" plus Wiederaufnahmen von "Aida", "Zauberflöte", "Hänsel und Gretel" und "Turandot" sind Pfunde, mit denen sich wuchern lässt.

Nach dem erfolgreichen Auftakt mit "Jesus Christ Superstar" wird auch das Musical weiter eine Rolle spielen, in der nächsten Saison mit "Ein Käfig voller Narren". "In der übernächsten Saison werden wir auch die klassische Operette ins Programm nehmen", verriet Bernhard Helmich dem General-Anzeiger. Und mit Julian Andersons "Thebans" ist auch noch Platz für eine nagelneue Oper - wiederum aus England, der Nation, die nach Helmichs Anschauung derzeit das beste (und publikumswirksamste) neue Musiktheater hervorbringt.

Das Angebot für den Nachwuchs zeigte sich in dieser Spielzeit noch ungeheuer lebendig, zum Beispiel in Maurice Ravels "Das Kind und der Zauberspuk". Das ist Oper von Kindern für Kinder, ein unschlagbares Konzept, das es wert ist, erhalten zu bleiben und nicht der in der Saison 2015/16 greifenden Kooperation auf diesem Segment mit Düsseldorf/Duisburg und Dortmund zum Opfer fällt.

Mein Liebling

Nachdem die Nazis den Komponisten Walter Braunfels wegen seiner jüdischen Herkunft als Direktor der Kölner Musikhochschule entlassen hatten, komponierte er in Bad Godesberg die Oper "Der Traum ein Leben". In Bonn, wo sie nun ihre erst zweite Inszenierung überhaupt erlebte, wurde die Oper nicht nur wegen ihrer lokalen Verwurzelung zu Recht vom Publikum bejubelt: eine traumhafte Wiederentdeckung.