Umjubelte Premiere an der Bonner Oper

David Pountneys packende "Sizilianische Vesper"

Vor dem großen Knall: Szene aus Giuseppe Verdis „Les Vêpres siciliennes“ in Bonn.

Vor dem großen Knall: Szene aus Giuseppe Verdis „Les Vêpres siciliennes“ in Bonn.

Bonn. Auch musikalisch ist Verdis Grand Opéra dank erstklassiger Sänger und Will Humburg am Pult des Beethoven Orchesters ein großer Wurf.

Für Historiker ist die „Sizilianische Vesper“ ein fester Begriff, der eine Reihe von Massakern auf Sizilien beschreibt, die am Osterfeiertag des Jahres 1282 ihren Anfang nahmen. Damals erhob sich die einheimische Bevölkerung in einem blutigen Kampf am Ende erfolgreich gegen die französischen Besatzer. Auch wenn Giuseppe Verdi seine zwanzigste Oper „Les Vêpres siciliennes“, darf man keine historisch verbürgte Geschichte erwarten. Das Massaker ist sozusagen Kulminationspunkt und Kulisse für ein Drama, in dem es um ziemlich heftige zwischenmenschliche Konflikte geht.

In der vom Publikum heftig umjubelten Bonner Neuinszenierung der „Vêpres“ durch den Briten David Pountney, die als Koproduktion mit der Welsh National Opera Cardiff am Samstagabend ihre Premiere erlebte, ist der Aufstand am Ende mit einem Bombenanschlag in Sekundenbruchteil erledigt. Der konfliktreiche Weg dahin aber wird mit einer Intensität erzählt, wie man sie nicht so oft auf der Bühne erlebt.

In den Reihen der Widerstandskämpfer gegen die von dem französischen Gouverneur Guy de Montfort angeführten Besatzer sind Menschen versammelt, die von sehr unterschiedlichen Motiven angetrieben werden; da gibt es den politisch radikalisierten Procida, den jungen Henri, der seinen Hass von der Mutter eingeimpft bekam, und die von ihm angebetete Hélène, deren Bruder in Montforts Auftrag hingerichtet wurde, und die nur eines will: Rache. Und die erfolgt am Hochzeitstag.

Obwohl Verdi die „Vêpres“ für die ausstattungsverliebte Pariser Grand Opéra schrieb, entschied sich Pountney doch für eine eher karge, zugleich aber höchst effektvolle Optik. Zusammen mit Bühnenbildner Raimund Bauer und Lichtdesigner Thomas Roscher arbeitet er vor allem mit mobilen, meist mit weißem Licht gerahmten, schwarzen Bühnenelementen, deren abstrakte Formen überaus vielfältig einsetzbar sind. Sie gliedern den dunklen Raum, schaffen Platz für große Volksaufmärsche (mit einem von Marco Medvet vorbereiteten, großartigen Chor und Extrachor), dann wieder fokussieren sie den Blick auf ganz intime Momente etwa zwischen Henri und Guy de Montfort, der ihm im dritten Akt eröffnet, sein Vater zu sein und von ihm echte Sohnesliebe einfordert.

Mit welch dramaturgischem Geschick Pountney hier vorgeht, zeigt sein ziemlich genialer Einfall, an dieser Stelle die Geschichte der Mutter, von ihrer Entführung und Vergewaltigung durch Montfort zu erzählen. Dafür verwandelt er Verdis ursprüngliches „Jahreszeiten“-Ballett, das die Pariser Auftraggeber als integralen Bestandteil der Grand Opéra einforderten, in einen Totentanz. Es geht unter die Haut, wenn die Mutter (Hellen Boyko) einem Sarg entsteigt, um dann vor Montforts und Henris Augen gemeinsam mit fünf weiteren Tänzerinnen und Tänzern in einer ausdrucksstarken Choreografie von Caroline Finn ihre tragische Geschichte auf die Bühne bringt.

Auch Will Humburg am Pult des Beethoven Orchesters nimmt diese Episode sehr ernst. Keinen Takt lang hat man das Gefühl, Nebensächliches zu hören. Insgesamt erlebt das Beethoven Orchester unter seiner Stabführung einen großen Abend, rhythmisch präzise, schön in den Kantilenen und immer mit Leidenschaft und Feuer. Verdi-Klang vom Feinsten!

Klare Personenregie

Die Sprengkraft des Vater-Sohn-Konflikts, den Verdi und seine Librettisten Eugène Scribe und Charles Duveyrier, hier eingebaut haben, so deutlich wird, verdankt sich aber auch der klaren Personenregie an diesem Abend und vor allem den Solisten, die sie umsetzen. Bei Anna Princeva muss man die absolute Stimmigkeit von Gesang und Aktion bewundern. Sie bewältigt die herausfordernde Partie der Hélène mit dramatischem Zugriff, auf der anderen Seite stehen ihr Pianissimi von zarter Schönheit zu Gebote. Ebenso wie sie beherrscht auch der junge Tenor Leonardo Caimi den französischen Verdi mit souveräner Gestaltungskunst. Er singt mit schönem Schmelz. Die tiefen Stimmen sind in dieser Produktion eine Bank: Davide Damianis stattet den Montfort mit einer respektgebietenden Baritonstimme aus, der Bass Pavel Kudinov macht als Procida stimmlich wie auch im mafiosen Nadelstreifenanzug eine gute Figur.

Die übrigen Solisten Ava Gesell, Jeongmyeong Lee, David Fischer Leonard Bernad, Martin Tzonev und Giorgios Kanaris fügen sich da bestens ein. Letzterer als Offizier Robert, der wie alle Franzosen in bunten historischen Uniformen daherkommt. Die Besatzer als farbigen Gegenentwurf zu den schwarz gekleideten Sizilianern zu zeigen (Kostüme Marie-Jeanne Lecca), ist auch so ein ein bemerkenswerter Coup des Regisseurs Pountney.

Termine: 1., 9., 15., 23., 27., 29. Juni und 5. Juli; ca. 3 1/2 Std. Aufführungsdauer; Karten bei bonnticket.de.