Übersicht

Das waren die Wochenend-Konzerte in Bonn und der Region

Teuflisch gut: Der Geiger Dmitry Sinkovsky spielte in Brühl beim Konzert des Münchner Kammerorchesters.

BONN. Von Schloss Augustusburg bis zur Trinitatiskirche: Zahlreiche Konzerte fanden am Wochenende wieder in Bonn und der Region statt. Wer wo aufgetreten ist - und wie es war, verraten wir Ihnen in der nachfolgenden Übersicht.

Brühler Schloss: Rund 500 Konzerte sind von Antonio Vivaldi überliefert - viele davon komponierte er für die Musikerinnen des venezianischen Waisenhauses Ospedale della Pietà, deren Orchester in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts Besucher aus ganz Europa anzog. "Die Virtuosinnen der Serenissima" nahmen sich auch die Münchner Barocksolisten zum Vorbild ihres Auftritts bei den Brühler Schlosskonzerten.

Sieben Concerti mit wechselnden Soloinstrumenten standen auf dem Programm, und neben der einzigartigen Atmosphäre des Treppenhauses halfen auch die meisterhaft gespielten historischen Instrumente den Zuhörern dabei, ganz in die Welt des Barock einzutauchen. Noch kantiger, noch ruppiger, mit noch mehr Drive hört man Vivaldi selten. Der aggressiv rhythmische Zugriff des Ensembles macht aus Vivaldis melodischen Einfällen und virtuosen Spielereien mitreißenden Barock-Jazz und schreckt auch nicht davor zurück, Bogen, Saiten und Holz wie Schlaginstrumente einzusetzen.

Angeführt vom brillanten Ton der ersten Violine (teuflisch gut: Dmitry Sinkowsky), erfüllen die Barocksolisten aber auch die langsamen Sätze mit Spannung und einem großen Reichtum an Klangfarben. Dorothea Seels virtuose Traversflöte wirbelt im programmatischen "La notte" (RV 104) die Träume durcheinander, Cellist Robin Michael lässt im Concerto g-Moll RV 417 den Bogen mit übermütigen Kapriolen über die Darmsaiten tanzen, und im C-Dur-Concerto RV 450 begeistert Andreas Helm mit der akrobatischen Beweglichkeit seiner Oboe, gepaart mit einem weichen Klang, den moderne Instrumente kaum so hinkriegen. Gunild Lohmann

Leoninum: Liebe, Verlust, Schmerz, Tod oder Verklärung sind Zustände der menschlichen Seele, die sich in der Metapher des Abends widerspiegeln. Mit einem sehr anspruchsvollen Programm spürten Absolventen der Kölner Musikhochschule diesen Seelenzuständen in der Reihe "Matinee junger Künstler" im Leoninum nach. Karola Pavone, Sopran, und David Cavelius, Klavier, eröffneten diesen Vormittag mit Alban Bergs Zyklus "Sieben frühe Lieder", die - je nach ihrer literarischen Vorlage - zwischen (noch) romantischer und (schon) neutönender Klangrede oszillieren. Noch passte die bisweilen in hohem Forte zu Schärfe neigende Stimme nicht immer zum Ausdruck: So ließ die "Nachtigall" (Storm) "ihren süßen Schall" zu metallisch hart erklingen. Wie ausgewechselt wirkte Pavones Sopran in Lekeus spätromantischem "Nocturne", dessen "l'ombre lumineuse" in lieblich klingender Klimax kurz aufglühte.

Bein Chaussons lyrischer Szene "Chanson perpétuelle" trat dann das Érato Quartett (Eduard Bayer, Hyun-Mi Kim, Violine, François Lefèvre, Viola, James Yoo, Violoncello) einfühlsam mit in Erscheinung. Einer eher reflektierend erzählenden Szene gleicht Respighis "Il Tramonto" für Sopran und Streichquartett, welcher Pavone einen sehr natürlichen Ausdruck verlieh.

In Schönbergs zweitem, vom Érato Quartett exemplarisch realisiertem Streichquartett (mit Sopran) liegen den letzten beiden Sätzen symbolistische George-Texte zugrunde, deren Hermetik von Karola Pavone sehr nachhaltig abgebildet wurde. Als Zugabe Schuberts "Im Abendrot" in einer gefühlslastigen Fassung für Sopran und Streichquartett. Fritz Herzog

Opernfoyer: Das Konzept hinter den Veranstaltungen der Reihe WortMusik scheint schlicht und einfach: erstklassige literarische Werke treffen auf passende Klaviermusik. In der Regel wählen Sprecherin Barbara Teuber und Dramaturg Frieder Weber zunächst die Texte aus, die dann von Pianist James Maddox um Musik ergänzt werden. Doch beim Konzert im Foyer der Bonner Oper stand diesmal ein Komponist ganz besonders im Mittelpunkt: Claude Debussy, dessen 150. Geburtstag dieses Jahr von der Musikwelt gefeiert wird.

Kombiniert waren die Klavierstücke Debussys mit Gedichten des französischen Symbolismus von Paul Verlaine, Arthur Rimbaud, Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé. Begonnen bei den von James Maddox leicht und perlend gespielten "Pagodes", die wunderbar zum tränenden Herz von Paul Verlaine passten, ebenso wie im zweiten Teil Verlaines "Herbstlied" und Debussys "Reflets dans l'eau".

Gelegentlich waren Musik und Text aber auch in den jeweiligen Stimmungen völlig konträr: So half man mit Debussys "L?isle joyeuse" dem Publikum aus der düster-fantastischen Stimmung von Arthur Rimbauds "Trunkenem Schiff". Eine besonders schöne Hommage war auch Stéphane Mallarmés "Der Nachmittag eines Faun", war doch die gleichnamige Komposition Debussys für Orchester sein großer Durchbruch. Auf dem Papier war das Programm schon einmal glänzend kombiniert - lebendig wurde es durch die großartige Rezitation von Barbara Teuber und das sensible Spiel von James Maddox. Verena Düren

Trinitatis: "Chinesischer Jazz trifft europäische Klassik" versprach das Abschlusskonzert einer dem Wissenschaftsaustausch dienenden umfänglichen Veranstaltungsreihe verschiedener Bonner Institutionen. Protagonisten des Doppelkonzerts in der Endenicher Trinitatis-Kirche waren der Jungpianist Rémi Geniet, Preisträger bei der International Telekom Beethoven Competition des vergangenen Jahres, und die in den Niederlanden lebende, mit dem wandlungsfähigen Timbre einer Kate Bush ausgestattete chinesische Sängerin Ping Fang. Sie wurde begleitet unter anderem von Aili Deiwiks (Violine) und Vasilis Stefanopoulos (Kontrabass). Sie präsentierten eine Melange, die mit Jazz zwar kokettierte, eigentlich aber mehr weichgespültem Asia-Pop als chinesischer Folklore zuzurechnen ist.

Geniet hatte zuvor bei Schumanns "Kreisleriana" op. 16 auf Extremwerte bei Tempo und Dynamik gesetzt. In den "bewegt", "aufgeregt", oder "sehr rasch" zu realisierten Teilen geht die Stimmführung schon mal im (viel zu lauten) Klangrausch unter. Um Details bemühtes, nuancenreicheres Spiel gelingt da eher in den langsamen Sätzen, deren Lesart dafür nicht völlig frei von Manierismen ist. Weniger gewollt wirkt Geniets Zugriff auf Prokofjews vierte Klaviersonate op. 29, deren Schroffheit in den Ecksätzen, vor allem aber deren impressionistische Züge im Binnensatz dem Gestaltungswillen und -vermögen des jungen Franzosen deutlich näher zu liegen scheinen. Fritz Herzog