Jürgen Becker im Pantheon

Das macht Lust auf mehr

Pointen und Zoten: Jürgen Becker in Aktion. FOTO: KÖLSCH

Pointen und Zoten: Jürgen Becker in Aktion. FOTO: KÖLSCH

Bonn. Jürgen Becker mit der Leidenschaft für Kunst und Kalauer betrachtet die Geschichte der Sexualität abendfüllend im Pantheon. Unser Autor Thomas Kölsch findet: Der Kölner Kabarettist macht in vielen Momenten Lust auf mehr.

Das Leben ist so einfach, wenn man eine Blattlaus ist. Keine Suche mehr nach einem Partner, keine Trennungen mehr, keine Enttäuschungen. Als Blattlaus genügt man sich für die Fortpflanzung selbst. Wie entspannt das sein dürfte. Und wie öde. Immerhin hat so ein Tierchen ohne Sex nicht sonderlich viel zu erzählen – ein abendfüllendes Programm über Lust und Liebe kann es auf jeden Fall nicht schreiben. Jürgen Becker dagegen schon. Der Kölner Kabarettist mit der Leidenschaft für Kunst und Kalauer streift in seinem „Volksbegehren“ das Insektenreich aber auch nur kurz und stürzt sich lieber genüsslich auf das seltsame Verhalten geschlechtsreifer Männer und Frauen zur Paarungszeit. Was mehr als ausreichend ist.

Wie schon im Vorgängerprogramm „Der Künstler ist anwesend“ stapft Becker im Pantheon anhand von mehr oder weniger erotischen Gemälden und pornografischen Fresken durch die Menschheitsgeschichte, während er der Geschichte der Sexualität nachspürt. „Sex ist Selbstschutz“, sagt er: Durch die Verbreiterung des Genpools bringe man die Bakterien durcheinander, die angesichts der ständigen Reprogrammierung keinen Schlüssel zu ihrem eigenen Himmelreich finden würden. Stimmt so nicht ganz (wie bei diversen anderen vermeintlichen Fakten auch), dem Publikum genügen diese Vereinfachungen aber vollkommen. Schließlich will man ja nicht aufgeklärt sondern lediglich unterhalten werden.

Nicht zuletzt deshalb setzt Becker immer wieder plumpe Pointen, die leider in der Regel übers Ziel hinausschießen. Denn bei aller berechtigten Kritik an der Bigotterie der CSU hinsichtlich der Sexualmoral und des geförderten Familienmodells ist eine Auflösung des Partei-Akronyms zu „chronisch sexuell unterversorgt“ ebenso wenig lustig wie Zoten über Angela Merkel, Rainer Calmund oder Lothar Matthäus.

Immerhin kann der 57-Jährige sehr viel feiner und differenzierter argumentieren und dabei zugleich amüsant sein. Wenn er etwa das Freudsche Strukturmodell der Psyche auf kölsche Art erläutert, den Zusammenhang zwischen Religion und Lust anhand eines abgebrochenen Bienen-Penis verdeutlicht oder die Natürlichkeit der Homosexualität analysiert, ist Becker brillant. Gleiches gilt für die beständigen Bezüge zur Malerei, anhand derer er die animalischen Triebe ebenso zeigt wie die Scham, die Freude, die Leidenschaft, das Begehren und all die anderen Emotionen, die erst durch den Sex zu voller Blüte gelangen und die in der Kunst zahllose Meisterwerke inspiriert haben. In diesen Momenten weckt Becker Lust auf mehr.