KunstRasen in Bonn

Das große GA-Interview mit Michael Patrick Kelly

Michael Patrick Kelly: „Ich nehme mir meine Auszeiten, meist nur wenige Tage, die ich
in Klöstern verbringe; ich schalte dann mein Handy aus und logge mich bei Gott ein“

Michael Patrick Kelly: „Ich nehme mir meine Auszeiten, meist nur wenige Tage, die ich in Klöstern verbringe; ich schalte dann mein Handy aus und logge mich bei Gott ein“

BONN. Es läuft bestens bei Michael Patrick Kelly. Nach seinem Einsatz als Gastgeber der Musikshow „Sing meinen Song“ geht der irische Sänger auf Tournee, im August spielt er auf dem Bonner KunstRasen. Wir haben mit dem Sänger gesprochen.

Erst Coach bei „The Voice“, dann zum zweiten Mal bei „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“, und das sogar als Gastgeber. Michael Patrick Kelly (41), der als Mitglied der Kelly Family frühe Erfolge feierte, hat sich mit Musikshows ein zweites Standbein aufgebaut. Auch im Kerngeschäft bleibt er nicht untätig. Der Sommer ist gespickt mit Liveauftritten rund um sein Album „iD“. Mit dem irischen Sänger, der sich von 2004 bis 2010 eine Auszeit in einem Kloster genommen hat, sprach GA-Autor Steffen Rüth.

GA: Michael Patrick, wie hat es Ihnen gefallen, Gastgeber von „Sing meinen Song“ zu sein?

Michael Patrick Kelly: Fantastisch. Eine unvergessliche Erfahrung. Vor zwei Jahren war ich bereits Teilnehmer der dritten Staffel und hatte jetzt ein bisschen Sorgen, ob ich noch mal eine tolle Zeit erleben würde.

GA: Warum die Skepsis?

Kelly: Nun, man fliegt mit neuen Leuten nach Südafrika , das kann alles auch in die Hose geben. Du hast keine Garantie, dass du dich mit allen verstehst und dass die Musik, die du machst, qualitativ hochwertig ist. Aber dann fand ich die Truppe wirklich super.

GA: Was gab den Ausschlag?

Kelly: Es gab keine Zicke, es gab keinen Giftzwerg, alle waren sehr aufgeschlossen und offen, niemand war irgendwie reserviert, alle hatten Lust. Und alle sind leidenschaftliche Musikerliebhaber und Musikmacher, nicht nur Interpreten. Wir sind auch Risiken eingegangen, es gab musikalisch viele Innovationen.

GA: Hat Sie jemand der Teilnehmer besonders überrascht?

Kelly: Die Show schafft es immer wieder, die Bilder, die man sich von Kollegen macht, zu korrigieren. Nehmen wir Wincent Weiss. Viele denken vielleicht, das sei ein Pin-up-Boy, den sich die Plattenfirma geangelt hat, um ihm von ein paar Autoren die Hits schreiben zu lassen.

GA: Aber?

Kelly: Wincent Weiss schreibt wirklich sein eigenes Zeug, aus seinem eigenen Leben. Mit seinem Song über das nicht existente Verhältnis zu seinem Vater hat er mich tief beeindruckt.

GA: Was haben Sie von Ihrem Vater Dan Kelly gelernt?

Kelly: Er hat mir den Rat gegeben: „Keep your spirit free“ („Bleib‘ im Kopf immer frei“). Mein Vater hat diese Freiheit und Unabhängigkeit wirklich verkörpert, sei es als Musiker, sei es philosophisch, sei es durch die Art, wie wir lebten – ich wurde in einem Campingwagen in Dublin geboren und wuchs auf einem Hausboot in Köln auf.

GA: Hilft Ihnen sein Rat heute?

Kelly: Immer, wenn ich heute merke, ich fühle mich nicht frei oder lasse mich einengen, denke ich an das Lebensmotto meines Vaters und traue mich, aus den Strukturen auszubrechen.

GA: Sie haben in Südafrika in einer Art Musiker-WG gelebt. Hat Sie das an die Zeit erinnert, in der sie mit Ihrer Familie durch die Welt getingelt sind?

Kelly: Ein bisschen schon. Wir waren bei „Sing meinen Song“ eine echte Gemeinschaft. Die anderen haben immer von Klassenfahrt gesprochen. Ich war nie in der Schule, deshalb weiß ich nicht, wie eine Klassenfahrt ist.

GA: Wissen Sie es jetzt?

Kelly: Nun, als Gastgeber habe ich versucht, das alles so zu gestalten, dass sich jeder wohl und sicher fühlt. Auf diesem Sofa in der Sendung findet so etwas wie Gruppentherapie statt. Die Songs stoßen Dinge an, die tief in einem drinstecken, man packt aus, es kommen Geschichten und Geheimnisse auf den Tisch, über die sich jede Talkshow riesig freuen würde, die sie aber nicht bekommt, weil bei uns das Vertrauen ein ganz anderes ist.

GA: Was macht den Unterschied?

Kelly: Du sitzt da mit Kollegen, und alle haben ähnliche Erfahrungen gemacht, alle sitzen in einem Boot. Das hat ein bisschen was von einem Treffen der Anonymen Alkoholiker (lacht).

GA: Abstinent lebt Ihr in der Sendung nicht gerade, oder?

Kelly: Nein, da wird schon getrunken. Manchmal ist das einfach nötig. Ich habe zum Beispiel von Milow „Way Up High“ gesungen, den Song hat er für seinen verstorbenen Vater geschrieben. Das habe ich mit meiner Geschichte und mit meiner Zeit im Kloster verbunden und einen 3000 Jahre alten Psalm in den Text eingebaut. Das ist ein Gebet, das man in den Klöstern jeden Tag für die Toten betet. Sechs Jahre lang habe ich diesen Psalm mittags mit 60, 70 anderen Mönchen gesungen. Und nach diesem Auftritt war ich fertig mit den Nerven. Ich brauchte erst mal ein Bier und bat Johannes Oerding, die Gastgeberrolle für mich zu übernehmen.

GA: Welcher Moment bleibt am stärksten in Erinnerung?

Kelly: Am meisten berührt hat mich, wie Johannes Oerding mein Lied „Hope“ interpretiert hat. Ich wollte nicht wieder wie ein Schlosshund heulen, aber in diesem Moment konnte ich mich nicht zurückhalten.

GA: Was ist besonders an „Hope“?

Kelly: Das Stück habe ich nach meiner schweren Krise, die ich mit Mitte 20 hatte, geschrieben. Der Song war damals mein Licht im Tunnel. In Konzerten singe ich ihn immer als letztes, zusammen mit meinem Publikum.

GA: Was spielen Sie noch alles auf Ihrer Sommertournee?

Kelly: Da auch Feiern zum Leben gehört, werde ich zum Beispiel „Unbroken“ von Jennifer Haben einbauen. Ich liebe harte Rockmusik. Jennifers Musik hat mich in die Phase zurückversetzt, die ich als Teenie hatte. Damals hörte ich am liebsten Pearl Jam und Rage Against The Machine.

GA: Sind solche Einflüsse auf Ihrem nächsten Album zu hören?

Kelly: Ich war gerade sechs Wochen lang in Los Angeles und habe dort jede Menge Songs geschrieben. Bis Ende des Jahres will ich mindestens 50 Lieder beisammenhaben, aus denen ich dann auswähle, welche auf mein nächstes Album kommen sollen.

GA: Wie hat Ihnen LA gefallen?

Kelly: Ich muss sagen: Kalifornien verkörpert wirklich beides – den amerikanischen Traum und den amerikanischen Alptraum. Du siehst dort unfassbar viele und extrem verwahrloste Obdachlose. Da fragst du dich, wie das sein kann, in einem eigentlich so wohlhabenden Land. Ich meine, auch bei uns gibt es Obdachlosigkeit und Armut, aber ich glaube, alles in allem sind wir hier mit unserem Sozialstaat schon recht gut aufgestellt.

GA: Sie leben in Niederbayern. Ein Rückzugsort?

Kelly: Wenn ich daheim bin, will ich meistens meine Ruhe haben. Die Zeit, die ich alleine mit meiner Frau verbringen kann, die ist mir sehr wertvoll.

GA: Haben Sie noch andere kleine Fluchten?

Kelly: Ja, ich nehme mir Auszeiten, meist nur wenige Tage, die ich in Klöstern verbringe. Das sind meine „Holidays“. Das ist für mich sehr wichtig, um den Blick auf das große Ganze zu bekommen. Ich schalte mein Handy aus und logge mich bei Gott ein.