Konzerte im Bonner Untergrund Das bietet das Festival JazzTube in Bonn

BONN. Am Freitag startet die Festivalreihe JazzTube mit zahlreichen Konzerten an Bonner U-Bahn-Haltestellen. Wir stellen JazzTube und seine Highlights vor.

Vorsicht an der Bahnsteigkante – auch wenn gerade kein Zug einfährt. Ab dem kommenden Freitag lohnt es sich, im Bonner Untergrund die Sinne auf Empfang zu stellen. Denn Musik liegt in der Luft. An der U-Bahn-Haltestelle Bonn/Hauptbahnhof eröffnet das Leon Plecity Quartett am 24. August um 17 Uhr die siebte Ausgabe der Festivalreihe JazzTube. Stilrichtung: Jazz mit einem Hauch Folk. Geplant sind drei Durchläufe.

Eine Station weiter, an der Haltestelle Uni/Markt, packt Oliver Pospiech um 17.15 Uhr seine Posaune aus. Der renommierte Big-Band-Leiter aus Bonn agiert dieses Mal in kleiner Besetzung, Johannes Zink und Stefan Rey begleiten ihn an Gitarre und Kontrabass. An der Haltestelle Heuss-allee/Museumsmeile bringt sich um 17.30 Uhr die Sängerin Nina Lentföhr mit ihrer Band Rusty Horns in Stellung. Die Kölner Musiker, alle in den Dreißigern, haben eine traditionelle Spielart des Jazz für sich entdeckt: New Orleans, veredelt mit etwas Blues und Swing .

JazzTube ist eine Erfindung der Bonner Stadtwerke. „Das Konzept funktioniert“, sagt SWB-Sprecherin Veronika John mit Blick auf die Erfahrungswerte von bisher sechs Festivalausgaben. „Wir überraschen an unseren Haltestellen Menschen mit Livemusik und geben gleichzeitig jungen Jazzmusikern die Gelegenheit, sich ein neues Publikum zu erschließen.“

Die kommunalen Energieversorger waren gut beraten, einen kompetenten Kenner und Könner mit der künstlerischen Umsetzung ihrer löblichen Idee zu betrauen. In Thomas Kimmerle fand man einen Profimusiker, der auch Veranstalter kann, weil er von Berufs wegen regelmäßig die Seiten wechselt. Er spielt – und lässt spielen.

Die Jazzszene von Nordrhein-Westfalen ist sein bevorzugtes Revier, ein Großteil der Festivalbands stammt aus den Kölner und Bonner Biotopen, auch das Ruhrgebiet ist regelmäßig vertreten. Kimmerle setzt auf stilistische Vielfalt und lässt bei seinen Bands beispielsweise auch Spurenelemente von Popmusik und Funk gelten, wovon die Teilnehmer Marie Mokati am 7. und Yassmo‘ and the Phonk Diggers am 14. September zeugen. Auch kreative Generationskonflikte dürfen sich ausleben, wenn etwa die Kölner Straßenmusikerlegende Klaus der Geiger (78) und der Gitarrist Marius Peter (29) am 31. August ihre Saiteninstrumente kreuzen.

Kimmerle ist bei allen Konzerten anwesend, pendelt von Haltestelle zu Haltestelle, betreut Musiker und beobachtet Publikum. Die Bands spielen „nicht auf Hut“, sagt Kimmerle, der Eintritt ist frei, die Gagen übernehmen die Stadtwerke. Das bedeutet Win-Win auf vielen Seiten, macht aber die Ermittlung belastbarer Zuschauerzahlen nahezu unmöglich. Entscheidend sei, dass zahlreiche Bahnnutzer stehen bleiben und sich auf den suburbanen Jazz einlassen. „Beschwert hat sich jedenfalls noch keiner“, sagt Kimmerle. Auch kein Anwohner.

Die spezielle Akustik bereitet kaum Probleme. „Der für solche öffentlichen Räume typische Hall verschwindet mit der Anzahl der Zuhörer“, weiß Kimmerle. Außerdem: „Gute Musiker können sich auf jeden Raum einstellen.“ Der Veranstalter zitiert seine Lieblingsformel als Musikpädagoge: „Energie ist nicht unbedingt Lautstärke“, betont er. „Energie ist gutes Timing, und das funktioniert bei jeder Lautstärke.“

Die Sängerin Nina Lentföhr spielt ihren New-Orleans-Jazz mit den Rusty Horns an der Haltestelle Museumsmeile „minimal verstärkt“. Als erfahrene Straßenmusikerin kommt sie auch mit mobilem Publikum gut klar. Die Leute steigen aus der Bahn und werden mit Musik überrascht. „Wenn sich eine Menschentraube bildet, bedeutet das Erfolg“, sagt sie. Andererseits dürfe man es als Musiker nicht persönlich nehmen, wenn die Passanten weiterziehen. Das unterscheidet die U-Bahn-Haltestelle vom echten Konzertsaal.

Wer in Kimmerles Konzertkalender schaut, entdeckt noch ein weiteres Festival. Im November betreut er die Blue Jazz Nights am Tegernsee. Hintergrund: Ein Freund hat dort ein heruntergekommenes Anwesen erstanden und kernsaniert. Das Stielerhaus, einst Wohnsitz des bayerischen Hofmalers Joseph Karl Stieler (1781-1858), fungiert heute wieder als kreativer Treffpunkt. Für die Jazzkonzerte ist Kimmerle zuständig. Umgekehrt ist auch Joseph Karl Stieler am Rhein kein Unbekannter. Sein berühmtestes Werk hängt im Bonner Beethoven Haus und zeigt Ludwig van Beethoven.

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