Die Zentrale des Bundeshumors

Das Pantheon in Bonn feiert 30 Jahre Bestehen

BONN. Im Oktober 1987 eröffnete im Keller des Bonn-Centers am Bundeskanzlerplatz eine neue Kabarettbühne. Am 3. Oktober 2017 feiert das Pantheon sein Jubiläum im neuen Haus in Beuel mit einem Tag der Offenen Tür.

Die Einladung zur Eröffnung des neuen Theaters liest sich wie eine politische Kampfansage: „Während im Regierungsviertel die Krawattenzipfel allerorts und jedermann um die Ohren schlottern, wird im Pantheon die Vorwärtsverteidigung des Bundeshumors mit den Lachsalven aus der Kalauerkanone erstritten.“ Es folgt eine Parole: „Mut. Mut. Mut. Helmut!“ Damit zielen die Aktivisten auf ihren prominenten Nachbarn, mit dem sich das neue Theater die Adresse teilt: Bundeskanzlerplatz. Helmut Kohl ist seit fünf Jahren Regierungschef – und wird es noch elf Jahre bleiben.

Es ist der 2. Oktober 1987. Die Kabarettisten Rainer Pause und Heinrich Pachl, der Musiker Richard Herten und der Gastronom Richard Nilges eröffnen in den Katakomben des Bonn Centers das Pantheon. Die Räumlichkeiten wurden zuvor vom Kulturamt der Stadt als „Kulturforum“ genutzt, unter anderem für modernen Jazz. Jetzt also Kabarett. Die Premiere dauert drei Tage, neben Pause und Pachl zeigen Gregor Lawatsch, Achim Konejung, Norbert Alich und Matthias Deutschmann Ausschnitte aus ihren Programmen.

Ihre unmittelbare Nachbarschaft zur großen Politik verstehen die Neulinge am Bundeskanzlerplatz schnell als Chance. Klar, vis-à-vis sind Kalte Krieger und andere konservative Geister am Werk, doch daraus lässt sich Kapital schlagen. Schließlich liefert die Zentrale der Macht die besten Ideen für abendfüllende Programme, und Kanzler Kohl bleibt auf Jahre die beliebteste Reizfigur der Kabarettszene.

Bereits zur Eröffnung formuliert Rainer Pause die Marschrichtung: „Das Pantheon versteht sich als sinnstiftende Wiedergutmachung am Abend.“

„Eigentlich wollte ich nie ein Theater gründen“, erinnert sich Pause im Gespräch mit dem General-Anzeiger. „Ich wollte immer nur Schauspieler und Regisseur sein.“ Das war er auch lange Zeit: „Ich habe mit Rio Reiser und Claudia Roth gearbeitet oder mit Heinrich Pachl. Wir wollten politisches Volkstheater machen – von Kabarett war damals noch keine Rede.“ Und von Comedy erst recht nicht.

Das Pantheon entwickelt Ende der achtziger Jahre schnell eine ganz eigene Dynamik. „Ich hatte das Glück, all die großen Kabarettisten zu kennen, für die es daher selbstverständlich war, bei uns zu spielen“, verrät Pause. Die Kellerbühne avanciert zwar zur bundesweit relevanten Spielstätte des neuen deutschen Humors, doch nicht alles läuft rund. „Schon nach einem Jahr waren wir in den roten Zahlen“, sagt Pause. Die Lösung: Tanzabende. Das kam beim jungen Partyvolk prima an. „Die Veranstaltungen waren gerammelt voll und haben uns in den ersten Jahren das Überleben gesichert.“

Als gute Idee erweist sich die Einrichtung eines anspruchsvollen Nachwuchswettbewerbs. 1995 rufen Pause und die damalige künstlerische Leiterin Rita Baus mit dem WDR den Prix Pantheon ins Leben. Die jährliche Reihe findet bis heute bundesweit große Beachtung. „Der Prix Pantheon hat eine Sonderstellung“, sagt der Dortmunder Kabarettist Torsten Sträter. „Es gibt sogar Kollegen, die damit werben, eingeladen worden zu sein, auch wenn sie keinen Preis bekommen haben.“ Der Bonner Kabarettist Dave Davis bestätigt das aus Sicht eines Preisträgers: „Der Gewinn des Prix Pantheon in zwei Kategorien hat mich in der bundesweiten Kabarett- und Comedy-Szene auf eine neue Ebene geschossen.“

Künstler kommen, Künstler gehen. Hanns Dieter Hüsch, Matthias Beltz und Dieter Hildebrandt sind im Pantheon aufgetreten. Und auch der große Georg Kreisler. Pause erinnert sich an einen berührenden Moment: „Er sah hinter den Kulissen so blass und schwach aus, dass ich mir echte Sorgen um ihn machte – und dann trat er hinaus ins Rampenlicht und spielte wie ein junger Gott.“

Im Jahr 2015 ziehen dunkle Wolken auf. Das Bonn Center ist verkauft worden. Der gesamte Gebäudekomplex soll abgerissen werden. Das Pantheon sucht eine neue Bleibe – und findet sie nach langem Tauziehen und nicht wenigen kommunalpolitischen Turbulenzen in der betagten Halle Beuel auf der anderen Rheinseite. Und auch dort zeigt sich, zu welchen Klimmzügen private Kulturmacher in der Lage sind, wenn sie an ihre Sache glauben.

„Rainer ist schon ein Verrückter“, sagt Martina Steimer, seit 2007 die künstlerische Leiterin im Pantheon. „Er ist ein Idealist, der seine Stadt und sein Theater liebt. Menschen wie ihn gibt es leider nicht mehr viele.“

Auferstanden aus Ruinen: Das Pantheon prosperiert auch am neuen Standort. Publikum und Künstler ziehen mit, rund 450 Besucher haben Platz. Der Laden brummt. Aber ganz so einfach war das alles nicht. „Ursprünglich hatten wir geplant, auf dem Gelände massiv umzubauen, und so hat die Stadtverwaltung gewisse Mängel nicht behoben“, erklärt Pause. „Aus Zeitgründen haben wir uns dann umentschieden – die Gegenseite hat sich jedoch nicht bewegt. Dadurch entstanden Missstände, die wir jetzt zu korrigieren versuchen. Mir liegt sehr an einer konstruktiven Zusammenarbeit.“

„Es mangelt an einer guten Kommunikation – und zwar von allen Seiten“, gibt Steimer mit Blick auf die gegenwärtige Situation durchaus selbstkritisch zu. „Wir haben einige konstruktive Gespräche geführt, aber auch immer wieder Enttäuschungen erlebt. Dadurch sind wir schon etwas sickig geworden.“

Trotzdem: Jetzt wird erst mal gefeiert. 30 Jahre Pantheon. Am kommenden Dienstag, 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit. Mehrere Künstler treten blockweise auf, Rainer Pause moderiert (siehe Info-Kasten).

Bis dahin ist auch die neue Saaltheke startklar. Ein spektakulärer Blickfang, der sich in leuchtenden Farben vom tristen Backstein absetzt. In acht Regalreihen türmen sich bunte Flaschen bis unter die Decke. Die oberen Exemplare sind reine Deko mit Fantasieetiketten und Farbstofffüllung. Weitere Akzente setzen alte Gemälde. Steimer nennt diesen Stil „schäbischick“.

An der Theke werden Cocktails und Tapas gereicht. Die Theaterleute richten hinter der Bühne zurzeit zudem noch eine plüschige Lounge ein, dort können weitere Gäste bewirtet werden.

An Ideen herrscht also auch rechtsrheinisch kein Mangel. „Wir würden sehr gern noch eine zweite Bühne einrichten, auf der wir so experimentieren können wie damals im Pantheon Casino“, sagt Steimer. Das Gelände hätte dazu die entsprechenden Kapazitäten, etwa im sogenannten Lampenlager, das einst auch die Vormieter vom Theater Bonn genutzt haben. „Ich kann mir da sogar eine Kooperation mit dem Theater Bonn vorstellen“, sagt Steimer. „Der Bedarf ist auf jeden Fall vorhanden – ich werde mit Anfragen förmlich überschüttet und muss viele ablehnen, weil unser Programm bereits so dicht ist.“

Andererseits erhält Steimer derzeit auch viele Angebote, die im alten Pantheon nicht zu realisieren gewesen wären. „Im März haben wir Heinz Rudolf Kunze und Anna Depenbusch bei uns, die beide jeweils Hallen mit einer Kapazität von 500 Leuten füllen. Darüber hätten wir früher überhaupt nicht nachdenken müssen.“

Die Zeichen stehen also auf Zukunft, oder? „Bei mir wohnen halt zwei Seelen in der Brust“, führt Steimer aus. „Auf der einen Seite bin ich von gewissen Personen in Politik und Verwaltung ziemlich enttäuscht, auf der anderen von dem Zuspruch euphorisiert, den wir seitens der Künstler, der Bürgerschaft und der Kollegen erfahren.“ Da hilft nur eines: Vorwärtsverteidigung!