Das Leben ist zu kurz, um sich zu ärgern

<b>"Ein Fest für den Alt": </b>Iris Vermillion nach der Probe in Bonn

<b>"Ein Fest für den Alt": </b>Iris Vermillion nach der Probe in Bonn

Von Bach bis Berg, von Leonore bis Erda: Die Sängerin Iris Vermillion liebt den Reiz des Wechsels - In Bonn ist sie jetzt in den Aufführungen der Bachschen Matthäuspassion zu hören

Bonn. Florino ist ein guter Zuhörer. Wann immer Iris Vermillion ihm etwas vorsingt, spitzt er die Ohren, um ja keinen Ton zu verpassen. Florino hat glänzendes rotbraunes Haar, eine weiße Stirn und mit seinen fünf Jahren schon mehr Opernpartien gehört als jeder andere Junge in seinem Alter.

Der Fuchswallach ist eins von fünf Dressurpferden in Iris Vermillions Stall und steht neben Musik und Ehemann ganz oben auf der Prioritätenliste der gefeierten Mezzosopranistin. Deshalb ist sie zwei Tage vor der Aufführung von Bachs Matthäuspassion in der Beethovenhalle so nervös.

Nicht aus Lampenfieber und schon gar nicht wegen der Zusammenarbeit mit Roman Kofman, unter dessen Leitung sie schon Schönbergs "Gurrelieder" beim Beethovenfest mit großem Erfolg gesungen hat, sondern weil Florino an diesem Morgen mit einer schweren Kolik in die Pferdeklinik eingeliefert wurde.

Über ihre Pferde könnte die als Tochter einer musikliebenden Familie in Bielefeld aufgewachsene Wahlkärntnerin mit französischen Urgroßeltern stundenlang erzählen. Erst mit 36 Jahren kam sie zur Dressur, beschleunigte aber dann ruckzuck "von null auf 190: Reiten bringt für mich körperlich und mental enorm viel, jeder einzelne Muskel lockert sich dabei."

Dass nicht nur Pferde, sondern auch die bedeutendsten Orchester und Opernhäuser in den Genuss ihrer dreieinhalb Oktaven umfassenden Stimme kommen, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken.

Iris Vermillion konnte zwar schon als kleines Mädchen die "Zigeunerlieder" von Brahms mitsingen, musste aber in Detmold erst drei Semester Flöte studieren, bevor ihre andere Begabung entdeckt wurde. Sie brachte beide Studiengänge zu Ende und belegte Meisterkurse bei Christa Ludwig und Hermann Prey. Erfahrungen, die sie nicht missen möchte.

Dennoch: "Singen lernt man nicht an der Hochschule und nicht in Meisterklassen, sondern im Beruf." Nämlich dann, wenn man sich mit Dirigenten zusammenraufen muss, "von denen fast jeder glaubt, er habe das Stück neu erfunden." Bei Iris Vermillion muss die Chemie stimmen. "Es gibt Sänger", erklärt sie, "die können mit jedem, aber ich finde, das Leben ist viel zu kurz, um sich zu ärgern." Warum sollte sie?

Nach dem internationalen Durchbruch als Dorabella und Cherubino unter Nikolaus Harnoncourt in Amsterdam dauerte es nicht lange, bis sich die Solistin ihre Dirigenten aussuchen konnte. Doch ganz gleich, ob Abbado, Barenboim oder Masur am Pult stehen, Vermillions Herz gehört der Spätromantik.

"Mahler ist meine Welt", sagt sie einfach, weil sie weiß, dass sie auf ihr weitgespanntes Repertoire zwischen Bach und Berg, Leonore und Erda nicht großartig hinweisen muss. Außerdem liebt sie den Reiz des Wechsels, freut sich darauf, ihre Stimme für die Matthäuspassion - "ein Fest für den Alt" - wieder auf die Anforderungen des Barocks einzustellen.

Was ihre Kunst angeht, ist die Mezzosopranistin kompromisslos. Dazu gehört, dass sie jede Partie so singt, als wäre sie ihre erste und ihre letzte; dazu gehört aber auch, dass sie nicht mehr Zeit als nötig in Hotels verbringen will, "wo meine Seele traurig herumhängt". Wozu zehn Stunden im Flieger eingesperrt sein und anschließend zehn Wochen durch die Staaten jetten? "Da bleibe ich lieber in Europa, was ja an sich schon kein Fehler ist."

Dann bleibt auch die Jagdhütte in erreichbarer Entfernung, deren Umgebung genau so viel Wald und Natur bietet, wie Iris Vermillion zum Luftholen braucht: "Reiten, fischen, schlafen, am offenen Feuer sitzen und den Hirschen zuhören." Die wundern sich übrigens schon lange nicht mehr, wenn die Sängerin in freier Wildbahn Wagner studiert und sich in Sachen Stimmvolumen mit dem rauschenden Bergbach misst.

Bachs Matthäuspassion ist am Donnerstag um 19 Uhr und am Freitag um 18 Uhr der Beethovenhalle zu hören. Roman Kofman dirigiert den Philharmonischen Chor und das Beethoven Orchester.