Mit den Beatles an der Copacabana

Das Jazzfest setzt Akzente in Bonn

Intensives Spiel: Julia Kadel im Volksbankhaus.

Intensives Spiel: Julia Kadel im Volksbankhaus.

Bonn. Die Ausnahmepianistin Julia Kadel und das das Bossarenova Trio von Paula Morelenbaum spielen beim Jazzfest Bonn im Volksbankhaus.

„Ich versuche, Sie alle einzufangen.“ Als Julia Kadel das sagte, vor der Zugabe, war es schon längst geschehen: Eine gute Stunde lang hatte die 30-jährige Berliner Pianistin alle in ihren Bann gezogen, sie eingefangen. Das ist bei einem aus Improvisationen bestehenden Soloprogramm, das auf gewohnte Standards verzichtet, kein Selbstläufer, sondern eine echte Kunst. Konzentrierte Stille: Kadel setzte schroffe Klanggebirge in die lichtdurchflutete Halle des Volksbankhauses (dem sie sogar ein Stück widmete), ließ zwischen den wuchtigen Formationen zerbrechliche, leicht swingende Melodieströme mäandern.

Immer nur wenige Takte lang währten diese Impressionen, bevor sich die Konstellation änderte und der Dialog, den die Pianistin mit sich und dem Instrument führte, ein neues Tempo und Kolorit, eine neue Intensität bekam.

Beklemmung aus dem Korpus

Längst haben Pianisten des Jazz oder auch der Neuen Musik den Korpus des Flügels als Aktionsraum entdeckt. Auch Kadel kroch förmlich in den Maschinenraum ihres Pianos, zupfte, schlug Saiten, manipulierte Hämmer, klopfte auf Holz und Metall. Geräusche, die sie dann in flüchtige Improvisationen umsetzte. „Hello Sadness“ etwa holte düstere, beklemmende Klänge aus dem Korpus, die anschließend auf der Klaviatur ausgearbeitet wurden.

„Nicht bleiben“, war ein weiteres Stück, von dem Kadel in ihrer herzerwärmenden Conférence sagte: „Das Stück ist jedesmal völlig anders.“ Ein Schlüsselsatz für dieses Programm, das Frische und Unbekümmertheit verbreitete, dabei hochkomplexen, experimentellen Jazz mit einem Schuss Klassik präsentierte. Die meist im Trio auftretende Julia Kadel solo zu erleben, war eine echte Entdeckung.

Brasilianische Klänge

Der bisweilen entrückte, träumerische Beginn des Konzerts wurde dann durch Paula Morelenbaums Bossarenova Trio im zweiten Gig des Abends geerdet: Samba-Time im Volksbankhaus. Es ging mit kernigen, tänzerischen Rhythmen und bekannten Liedern von Antonio Carlos Jobim (etwa „Águas de Março“), Baden Powell („Tempo de Amor“), Jorge Ben Jor („Mas, que Nada“) und Vinicius de Moraes („Tarde em Itapoã“) nach Südamerika. Das Publikum machte diese Reise begeistert mit. Goutierte sogar, dass Morelenbaum die Beatles an die Copacabana verfrachtete und aus „Blackbird“ eine dekonstruierte Bossanova-Nummer machte. Was hat dieser Klassiker schon Cover-Künste über sich ergehen lassen müssen...

Bossarenova ist ein brasilianisch-deutsches Trio mit der fantastischen Bossa-Diva Paula Morelenbaum und den beiden exzellenten Jazzern Joo Kraus (Trompete) und Ralf Schmid (Piano, Keyboard). Für das Jazzfestkonzert hatten sie die brasilianische Schlagzeugerin Cristiane Gavazzoni dazugeladen, die leider erst am Schluss richtig aufdrehte. Von Anfang dabei waren Morelenbaum mit ihrer schönen, klaren, präzise intonierenden Stimme und dem Bossa-Feeling im Herzen sowie Kraus und Schmid, beide herausragend auf ihren Instrumenten und im kongenialen Zusammenspiel – mit ihren „elektronischen Freunden“ (Kraus).

Eine echte Fusion aus experimentellem Akustik- sowie Elektrojazz und Bossa kam aber nur selten zustande. Das folkloristische Element überwog. Was der Stimmung überhaupt keinen Abbruch tat. Frenetischer Applaus für vier Musiker, von denen nur zwei – Kraus und Schmid – wirklich zusammenfanden.