Ausstellung in der Bundeskunsthalle

Darum ist's am Rhein so schön

Der Sprung ins Ungewisse: Michael Lio hat den Rheinfall von Schaffhausen mit Kanzel und Springer im Jahr 2005 fotografiert.

Der Sprung ins Ungewisse: Michael Lio hat den Rheinfall von Schaffhausen mit Kanzel und Springer im Jahr 2005 fotografiert.

Bonn. „Der Rhein.Eine Europäische Flussbiografie“, so ist eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle überschrieben, die mit 350 Exponaten 2000 Jahre Kulturgeschichte von den Römern bis in die Gegenwart dokumentiert.

Rund 700 Kubikmeter pro Sekunde stürzen im Sommer beim Rheinfall von Schaffhausen über die Felsen. Der Fall ist 23 Meter hoch und 150 Meter breit, es ist der größte Wasserfall Europas. Das „Känzeli“ dient den vielen Touristen als Aussichtspunkt und einigen Mutigen als Absprungstelle. Im freien Flug geht es über die Gischt hinab in den kochenden Rhein. „Man muss genau wissen, wohin man springt“, meint eine Sprecherin der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft. Der Zürcher Fotograf Michael Lio hat den Rheinfall fotografiert, die entstandene Werkgruppe heißt „Stiller Tumult“. Und das spektakulärste Foto zeigt einen waghalsigen Springer.

Ein Sprung ins kalte Wasser war das Bonner Projekt Rhein-Ausstellung auch für die Kuratorin Marie-Louise Gräfin von Plessen, die nicht nur das Springer-Foto ausgesucht, sondern weitere 350 Exponate bei 91 Leihgebern bestellt hat, um die Biografie des Rheins als „mentale Geschichtslandschaft“ zu erzählen. Zwar hat von Plessen bereits die Isar, die Elbe und das baltische Meer museal domestiziert und ausstellungstechnisch in den Griff bekommen. Aber 1300 Kilometer Rhein, die durch sechs Länder führen, einen mythenträchtigen, kulturell und wirtschaftlich wichtigen, eminent politischen Strom von den Rheinquellen bis zum Delta in Rotterdam auf 1400 Quadratmetern Ausstellungsfläche zu dokumentieren, das Ganze in einer Zeitspanne von 2000 Jahren (wenn man die Fossilien betrachtet, 150 Millionen Jahren) – das ist schon sportlich.

Von Plessens Schau „Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie“ in der Bundeskunsthalle löst die Aufgabe in einer mäandernden, blauen Ausstellungsarchitektur des Kölner Büros „res d“ mit Bravour. Notgedrungen hat der Parcours Lücken, aber in zwölf Kapiteln gelingt eine in sich schlüssige, spannende, höchst informative Erzählung über den Rhein, die zu weiterer Vertiefung anregt.

Der Besucher wird von einem eindrucksvollen Vierklang empfangen – wenn man die „Rheinische Sinfonie“ von Robert Schumann dazunimmt, die das Entree beschallt, von einem Fünfklang. Das Doppelgrab von Oberkassel zeigt ein frühes rheinländisches Paar, das vor 14 700 Jahren nicht sehr weit entfernt von der heutigen Bundeskunsthalle lebte. Es ist eines der Hauptexponate des LVR-Landesmuseums, das als Kooperationspartner viele weitere Stücke zur Museumsmeile schickte. Das Grab wird flankiert von Andreas Gurskys Foto „Rhein I“ als purem, abstraktem Eindruck eines Stromes und der wuselnden, mythisch-politisch aufgeladenen Rheinallegorie von Moritz von Schwindt. Darauf sind der fiedelnde Vater Rhein und ein Personal zu sehen, das auf den Rhein als einigendes nationales Band der deutschen Staaten anspielt. Gemalt wurde das Bild im brisanten Jahr 1848. Drittes Kunstwerk in der Runde ist „Vater Rhein“ des Surrealisten Max Ernst, ein Bild, das das Rätselhafte, Unbewusste des Phänomens Rhein formuliert und formal zu den Fossilien überleitet, mit denen die Geschichte beginnt.

Vom urzeitlichen Nashornschädel, der Rheinfischern bei Xanten ins Netz ging, und vom Zahnwal, der sich 1688 bis nach Köln verirrte, über Bonn dann bis Basel schwamm und auf einem Flugblatt als vorsintflutliches Wesen verewigt wurde, geht es zur kartografischen Erfassung des Flusses. Und zum ersten Skandal der Rheingeschichte. Als solcher wird die „Rectification“, die 1876 abgeschlossene Begradigung und Schiffbarmachung des Rheins nach Plänen des badischen Ingenieurs Johann Gottfried Tulla mitunter interpretiert. Die Landschaft wurde zwar entstellt, und die Hochwassergefahr wuchs. Doch die wirtschaftliche und politische Entwicklung der gesamten Rheinregion wäre ohne Tullas Eingriff anders verlaufen. Dass er fruchtbare landwirtschaftliche Flächen hinzugewann und durch Entsumpfung die Malaria besiegte, sei noch hinzugefügt.

Die Ausstellung zeigt in einer Simulation den geologischen Wandel des Stroms, um sich dann dem kulturellen und politischen zuzuwenden. Der „Rhein der Römer“ ist die Initialzündung schlechthin: Aus Soldatenlagern wurden Dörfer und Städte, der Rhein wurde erstmals zum Strom für den Waren- und Kulturtransfer. Mit dem „Xantener Knaben“ (um 150 v.Chr.) aus Bronze, einer Darstellung des „zweihörnigen Rheins“ (2. Jahrhundert n. Chr.) und weiteren Exponaten ist dieses Kapitel exzellent bestückt, was auch für das folgende gilt: „Strom der Kirche“ vereinigt kostbare Reliquienbehälter mit prachtvollen Handschriften aus St. Gallen und Reichenau, darunter ist auch die älteste Darstellung des Bodensees in einer Handschrift aus dem frühen 12. Jahrhundert. Das Kapitel gibt einen kleinen Eindruck von der auch politischen Rolle der kirchlichen Netzwerke. Kaiser Maximilian etwa bezeichnete die Kathedralen von Chur, über Speyer, Worms, Bonn, Köln und Xanten nach Utrecht kritisch als „Pfaffengasse“.

Auch der „Strom der Kaiser“ ist mit eindrucksvollen Exponaten bestückt. Jost Ammans wunderbarer Stich „Allegorie auf den Handel“ von 1585, eine frühe Meisterleistung auf dem Gebiet der Info-Grafik, eröffnet das sehr gelungene Kapitel über Handel, Waren- und Wissenstransfer entlang des Rheins. Man sieht Hartmann Schedels Ansicht von Straßburg (1493), Anton Woensams liebevoll beschriftete Köln-Vedute (1531) und Matthias Merians Blick auf Basel (1615) – drei Beispiele für Rheinstädte, die durch den Handel zu europäischen Metropolen wurden. Gehandelt wird nicht nur mit Alltagsgütern, sondern auch mit Altären, kostbarem Mobiliar und weltweit mit Siegburger Steinzeug.

Die Schriften der Humanisten sind ebenso unterwegs wie Wolfram von Eschenbachs „Parzifal“ und die erste Übersetzung des Neuen Testaments ins Englische, 1526 in 6000 Exemplaren in Worms gedruckt, von denen nur noch eines existiert. Das liegt nun in der Bundeskunsthalle.

Bonn rückt im Kapitel „Festungen und Residenzen“ erstmals in den Fokus. 550 Jahre lang residierten die Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln in Bonn. Wir sehen ein prächtiges Porträt Georg Desmarées von Kurfürst Clemens August, einen prunkvollen Maskenball im Bonner Hoftheater und ein Gemälde von der Belagerung der Residenzstadt durch Wilhelm III. von Oranien. Und wir erleben, wie der Rhein militärisch durch Festungen aufgerüstet, wie hier gekämpft wurde. Als Kontrast dazu sieht man landschaftliche Idyllen und pittoreske Burgen.

Unter dem Titel „Rheingold“ verknüpft die Ausstellung das Metall, das am Rheinufer gewaschen wurde, mit dem mittelalterlichen Heldenepos Nibelungenlied, das der Bonner Germanist Karl Simrock ins Neudeutsche übertrug und so zum Nationalmythos machte, und Richard Wagners „Ring“. In Hörstationen hört man Wagner, Liszt, Beethoven und Offenbach. Hier wird der Fluss zum Mythenstrom, bald auch zur Ideologie. Und die Ausstellung wird im Gleichschritt mit der zunehmenden Konfrontation zwischen Marianne und Germania lauter, aggressiver. Der Nationalismus an beiden Ufern des Rheins wächst sich, befeuert durch die Invasion Napoleons, deutlich spürbar zur Katastrophe aus. Man sieht die Stadtschlüssel von Mannheim, Köln und Mainz, die den französischen Truppen ausgehändigt werden mussten, liest Ernst Moritz Arndts Kampfschrift „Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Grenze“ von 1813.

 Napoleons Segnungen werden zwar gestreift, doch mit der Politisierung des „Vaters Rhein“ steuern Deutschland und Frankreich auf ein Jahrhundert Erzfeindschaft zu. So friedlich Turners Aquarell „Hochkreuz und Godesburg“ auch daherkommt, in der nationalistisch aufgeheizten Stimmung des 19. Jahrhunderts haben der Rhein und seine malerischen Ufer ihre Unschuld eingebüßt. Der Kaiser am Deutschen Eck, Germania auf dem Niederwalddenkmal sind Landmarken einer fatalen politischen Entwicklung, Lee Millers Fotos zerbombter Rheinbrücken aus dem Jahr 1945 deren tragisches Finale. Der Bischofsstab von Kardinal Frings, der den hungernden Kölnern den Mundraub, das „Fringsen“, erlaubte, steht als bitterer Kommentar in der Vitrine. Die exzellente Ausstellung endet nach dieser Weltkriegskatastrophe mit dem wahr gewordenen Märchen eines friedlichen, vereinten Europas mit dem Rhein als Lebensader in der Mitte.