Zum Beethovenfest

Darum hängt im WCCB ein Konzertflügel von der Decke

Für Beethoven: Georg Nussbaumer hat einen großen alten Flügel umgebaut.

Für Beethoven: Georg Nussbaumer hat einen großen alten Flügel umgebaut.

BONN. Zum Beethovenfest in Bonn installiert Georg Nussbaumer seine "Zukunftsschrei(b)maschine" im World Conference Center. Sie soll dem WCCB zu einer künstlerischen Aura verhelfen.

Es ist 10 Uhr morgens, im Foyer des World Conference Center tut sich noch nicht viel. Georg Nussbaumer sitzt an einer Bierbankgarnitur und wartet. Nervös sei er bislang nicht, sagt der Künstler (1964  im österreichischen Linz geboren), dessen Arbeiten sich zwischen Komposition, Installation, Theater und Performance bewegen. Am Boden liegen die Bestandteile seines jüngsten Werkes, der "Zukunftsschrei(b)maschine". Sie soll im Laufe des Tages ihren großen Auftritt bekommen und, wenn alles gelingt, über dem Treppenaufgang im Foyer von der Decke hängen, um dem WCCB zur Aura eines Ortes der Kunst zu verhelfen.

Installation hat etwas Spielzeughaftes

Der große alte Konzertflügel, den Nussbaumer dafür umgebaut hat, ist bestückt mit bunt verkabelten Elektro-Hämmerchen, die rhythmisch aufs Holz klopfen. Die drei Beine des Flügels liegen demontiert daneben. Auch sie wurden verändert und können nun mittels trichterartiger Aufsätze Geräusche und Klänge übertragen. Eine Mitarbeiterin von Nussbaumer pinselt rasch noch einmal über die Bestandteile der Installation, die in ihrer zarten, pinkfarbenen Erscheinung etwas Spielzeughaftes hat. Warum rosa? "Ich musste eine Farbe finden, die dem Braun, Grau und Schwarz des Raumes etwas entgegenzusetzen hat", sagt Nussbaumer.

Seit zwei Jahren ist er mit dem Beethovenfest im Kontakt, um den besten Ort für die Installation zu finden. Seit einem Jahr laufen die Vorbereitungen für die technisch anspruchsvolle Umsetzung. Schließlich sollen der 400 Kilogramm schwere Flügel und die drei Beine nicht nur von der Decke hängen sondern auch - mittels Seilen - von der Hand der Besucher in Schwingung versetzt werden können.

Das alles hat statische und feuerpolizeiliche Grenzen, und so ist die Realisierung der "Zukunftsschrei(b)maschine" mehr als einmal in Gefahr gewesen. Für Georg Nussbaumer ist der Konzertflügel - "das Instrument, das man mit Beethoven verbindet" - zu einem Mittel der Zukunftsdeutung geworden, in dem Assoziationen, Erlebnisse und Reminiszenzen an den großen Komponisten verwoben werden. Von den Schwingungen eines Pendels über die Auslegung des Vogelfluges bis zum Orakel von Delphi reichen die gedanklichen Verbindungen.

Klopfmotiv aus der Schicksalssymphonie

Wer die Installation in Aktion erlebt, wird außerdem das Klopfmotiv aus Beethovens fünfter, der sogenannten Schicksalssymphonie erkennen. Vier Töne, die einer Anekdote zufolge nach dem Klopfen des Hausbesitzers an die Tür (drei Mal mit der Hand und noch einmal mit dem Fuß) entstanden und wahrscheinlich zum kürzesten Ohrwurm der Musikgeschichte geworden sind. Nussbaumer komponiert dorthinein eine zufällige Begebenheit, eine persönliche und etwas bizarre Begegnung. In Gneixendorf, unweit von Wien, wird in einem Beethovenhaus daran erinnert, dass der Komponist dort zum Ende des Jahres 1826 eine Weile wohnte.

Beethoven, der an Hepatitis erkrankt war, hatte die Einladung seines Bruders Johann angenommen, bei ihm auf dem Land im Schloss Wasserhof zu leben. Der Aufenthalt blieb recht kurz, die Brüder stritten sich, und nach zwei Monaten reiste Beethoven fluchtartig ab. Auf dem Rückweg nach Wien holte er sich eine Lungenentzündung und starb 1827.

Als Georg Nussbaumer fast 200 Jahre später in Gneixendorf ankommt, begegnet er nicht nur einer ehrfurchtsvollen und geschönten Beethoven-Rezeption, sondern auch rund 200 Hähnen, die sich im Hof des Anwesens tummeln. Hühner gibt es keine, und seltsamerweise kräht kein einziger der vielen Hähne. Das erwartete Kikeriki bleibt aus und hinterlässt eine vielsagende, etwas gespenstische Stille. Im WCCB in Bonn ist es inzwischen 19 Uhr geworden. Endlich hängt der rosafarbene Flügel an langen Seilen unter der Decke und verbreitet schwingend seine Klangkulisse. Die Hähne, die in Gneixendorf nicht zu hören waren, dürfen nun hier ihr Bestes geben.

World Conference Center Bonn, Foyer, Vernissage am 31. August um 12 Uhr mit Einführungsvortrag von Stephan Fricke. Die Installation ist für Konzertbesucher im WCCB für die Dauer des Festivals zu sehen und zu hören.