Comics von McCay im Bilderbuchmuseum Troisdorf

Diese Folge von "Little Nemo in Slumberland" erschien am 27. Dezember 1908 in der Los Angeles Sunday Times im Hinblick auf den Jahreswechsel. Erzählt wird in raffinierter Zoom-Technik, wie das vergreiste Jahr 1908 in die Tiefe stürzt, während das Kleinkind 1909 den Globus erklimmt.

Troisdorf. Der Bonner Alexander Braun hat das Leben von Winsor McCay erforscht und zeigt nun seine Werke in der Burg Wissem.

Was hat ein üppiger Käsetoast mit dem Grübeln über die Abgründe der Existenz und Sigmund Freud zu tun? Wenn es ein wissenschaftliches Werk gibt, das die Welt, die Künste, das Denken nachhaltig verändert hat, dann war das Freuds "Traumdeutung". Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschien das Buch als Tor ins Un- und Unterbewusste des Menschen, in die Welt der Ängste und Obsessionen.

Ganze Zweige der Literatur, der Musik, des Films und der bildendenden Kunst - Stichwort: Surrealismus - sind ohne Freuds bahnbrechende Ideen undenkbar. Dass diese offensichtlich in Luft lagen, beweist der Fall Winsor McCay. Denn der thematisierte in seinen Comics schon ab 1904 die Macht der Träume, führte vor, wie sie das schlafende Individuum nach allen Regeln der Kunst dekonstruieren und zu dessen Urgründen führen, um den Mensch dann beim Aufwachen völlig verstört zurückzulassen. Der Comic zur Traumdeutung erschien, ohne dass McCay Freud kannte.

Comics über den fatalen Genuss von Käsetoasts vorm Schlafengehen

Das jedenfalls ist die These des Bonner Comic-Experten und Kunstpreisträgers der Stadt Bonn Alexander Braun, der ein fantastisches, opulentes Buch über den hierzulande zu Unrecht kaum bekannten McCay geschrieben hat und exzellente Comics des Meisters gerade im Troisdorfer Bilderbuchmuseum Burg Wissem zeigt. 1904 startete der US-Amerikaner seine Serie über den fatalen Genuss von Käsetoasts vor dem Schlafengehen. Im Comic-Strip "Dream oft the Rarebit Fiend", der in 900 Folgen in verschiedenen Tageszeitungen erschien, sehen wir etwa, wie ein Protagonist im Käsetoast-Albtraum erleben muss, wie die Partnerin in tausend Stücke zerfällt. "You are a puzzle to me", sagt der Mann über seine rätselhafte Frau und muss entgeistert zusehen, wie sie sich auflöst.

In anderen Käsetoast-Strips fällt Ungeziefer über den Schlafenden her, ringt der Träumer mit einer immer größer werdenden Mücke. Braun bringt die Metamorphosen aus McCays Werk, seine veränderten Dimensionen und Realitätsbrüche mit dem Surrealismus zusammen, schlägt durchaus überzeugend eine Brücke zu Salvador Dalì und René Magritte. Der Surrealismus startet 1924 mit André Bretons Manifest, McCays "Rarebit Fiend" jedoch beginnt 1904. War er ein Visionär? Geradezu obsessiv hält der Amerikaner an dem Traum-Thema fest.

1905 erscheint die erste Folge seines berühmtesten Comics im Sunday Record-Herald in Chicago: "Little Nemo in Slumberland", die Geschichte um den reizenden Jungen, der sich abends ins Bett legt, um dann im Traum die tollsten Dinge zu erleben und schließlich meist auf dem Boden der Tatsachen vor seinem Bettchen aufzuwachen. Der Kleine muss sich dann von der Mutter Kommentare anhören wie: "Ich habe dir doch gesagt, du würdest schlecht träumen, wenn du diese Donuts isst."

Eine Fantasie, die keine Grenzen kennt

Es ist schlicht atemberaubend, was McCay den kleinen Nemo erleben lässt: Ein Feuerwerk der zeichnerischen Effekte, eine geradezu filmische Dramaturgie, die die Innovation des jungen Mediums übertrifft, inszenieren Begegnungen mit dem Mann im Mond, einem übergroßen Truthahn (zu Thanksgiving), mit Prinzessinnen und Riesenelefanten. Irritierende Architekturen, Möbel, die auf Giraffenbeinen durch die Stadt wandeln, wilde Tiere und Exoten: McCays Fantasie kennt keine Grenzen.

Braun, der selbst eine beeindruckende Sammlung von McCays Comics besitzt, erliegt nicht bloß der Faszination für diesen genialen Bildkünstler. Er versucht auch zu erklären, woher der seine Ideen hatte. Einiges liegt in der Biografie von McCay begründet, der wohl 1896 in Spring Lake am Michigan See nördlich von Chicago geboren wurde und entscheidende Impulse in sogenannten Dime-Museen bekam. Für ein Eintrittsgeld von einem Dime, das sind zehn Cent, konnte der Besucher in eine Wunderwelt eintauchen, eine Mischung aus Vaudeville, Varieté und Freak Show erleben ...

McCay gehörte zur Spitzenklasse der Zeichner

Der Zirkus-Mogul Barnum hatte diese jahrmarktartigen Museen gegründet. McCoy holte sich in diesen Abstrusitätenshows viele Eindrücke, arbeitete dort als Illustrator, wurde bald von Tageszeitungen entdeckt und schließlich von dem großen James Gordon Bennett Jr. und seinem Flaggschiff, dem New York Herald, unter Vertrag genommen.

Bennett, Pulitzer und Hearst, das war das Presse-Dreigestirn in New York. In sonntäglichen Comic-Supplements brachte das Genre es zur Blüte. McCay gehörte zur Spitzenklasse der Zeichner, und er gehörte gegen Ende seiner Karriere auch zu den wenigen, die die politischen Kommentare des mächtigen Medien-Tycoons William Randolph Hearst mit fantastischen Zeichnungen illustrieren durften. Eine Bilderbuchkarriere.

Bilderbuchmuseum Burg Wissem, Troisdorf; bis 4. März. Di-So 11-17 Uhr. Katalog (Bocola) 49 Euro.