Bonner Choreographien

Cocoondance feiert im Theater im Ballsaal

Bonn. Seit 15 Jahren residiert die 2000 gegründete Company in dem haus in der Endenicher Kulturmeile. Diesen Donnerstag feiern sie mit „Momentum“, im Dezember mit "Vis Motrix".

Cocoondance ohne Publikum? Das geht gar nicht. Für die Choreografin Rafaële Giovanola, die das Bonner Ensemble im Jahr 2000 zusammen mit ihrem Mann, dem Dramaturgen Rainald Endraß, gegründet hat, sind die Zuschauer nicht nur für den Applaus da, sondern integraler Bestandteil ihrer Schöpfungen. Wenn man ihre Produktionen im Theater im Ballsaal besucht, muss man sich immer darauf gefasst machen, den gewohnten Part als passiver Konsument zu verlassen. Biederes Mitmachtheater ist dabei freilich ihre Sache nicht. Der Zuschauer findet sich schon auf sehr viel subtilere Weise in den Stücken der Kompanie wieder, die jetzt seit genau 15 Jahren im Theater im Ballsaal ihre geliebte Bonner Residenz hat. Ab diesen Donnerstag und Mitte Dezember feiert sie das mit zwei jüngeren Produktionen, „Momentum“, das zum 50. Mal über die Bühne geht, und „Vis Motrix“.

Nehmen wir „Momentum“: Nachdem der Zuschauer den Saal betritt, wird er feststellen, dass es keine Sitzgelegenheiten gibt. Vielleicht lehnen einige schon an einer der Wände, die die Spielfläche im Ballsaal umgeben, andere werden sich hingekauert haben. Sicher ist, dass der Besucher drei Gestalten zu Gesicht bekommt, die offensichtlich nicht zu den Zuschauern gehören. Man erkennt sie daran, dass sie auf dem Boden liegen und ihre Köpfe in Tücher gewickelt sind. Aus den Lautsprechern pocht es herzschlagmäßig. Dann beginnt sich ein Crescendo aufzubauen, sowohl der Musik als auch der Bewegung. Irgendwann werden sich die Blicke der drei Tänzer an die Augen der Zuschauer heften. Man spürt regelrecht einen Energiefluss zwischen Zuschauern und den sich bis zur totalen Erschöpfung verausgabenden Tänzern, ein Spannungsfeld entsteht, dem man sich nicht entziehen kann. Das muss auch den Machern der renommierten Tanzplattform so ergangen sein, die einmal im Jahr die spannendsten Produktionen des Landes einladen. Cocoondance war mit „Momentum“ am diesjährigen Austragungsort CocoonEssen vertreten. In Bonn wird man sich mit den aktuellen Vorstellungen gleichwohl von diesem Stück verabschieden.

Die Stücke sind eng miteinander verzahnt

Die jüngeren Stücke der Bonner Kompanie, neben „Momentum“ sind das „Ghost B“ und „Vis Motrix“, sind thematisch eng verzahnt. Sie sind als Experimente der Körper-, Fremd- und Selbstwahrnehmung Erkundungen eines gemeinsamen Themas. „Für uns ist es wichtig, dass wir die Erfahrungen aus dem letzten Projekt immer im nächsten Stück mit aufarbeiten. Wir denken nicht mehr von Stück zu Stück, sondern in einer großen Linie. Wenn nach einem Stück Fragen im Raum stehen, freuen wir uns immer schon auf das nächste Stück, wo wir sie dann vielleicht beantworten können.“ Im Frühjahr nächsten Jahres wird man das in dem neuen Stück „Dream City“ erleben können.

Das Theater im Ballsaal, das sie sich mit dem „Fringe Ensemble“ teilen, ist dann sozusagen ihr Bewegungslabor, wo sie mit ihren Tänzern immer wieder spannende, neue Aspekte und Perspektiven der Bewegung erforschen. Dieser Ort erst ermöglicht die Kontinuität der inhaltlichen Arbeit. „Auch wenn er unheimlich schlecht gefördert ist und unheimlich viel Arbeit macht“, wie Endraß anmerkt.

Diese „Homebase“ zu haben, sei auch für die Arbeit außerhalb Bonns von großer Bedeutung, sagt Endraß. Ob sie nun für weltweite Gastspiele unterwegs sind oder neue Projekte etwa in Afrika oder Indien verfolgen. Der Ballsaal bleibt das Epizentrum, das seine Wellen in die Welt hinaussendet.

Aufführungen im Theater im Ballsaal: 29. und 30.11. („Momentum“), 14. und 15. 12. („Vis Motrix“), Karten bei Bonnticket.