Rückblick

Chronik zum Bonner Theater 2013 bis 2018

Viel Lob: Maike Jüttendonk 2015 in „Kabale und Liebe“.

Viel Lob: Maike Jüttendonk 2015 in „Kabale und Liebe“.

Bonn. „Vorhang auf“: Kurt P. Tudyka hat eine Bilanz der Bonner Theaterjahre 2013 bis 2018 veröffentlicht. Das Buch ist materialreich und meinungsstark.

Wer weiß, wie viele Zuschauer in der Spielzeit 2017/18 die 29 Aufführungen des Schauspielprojekts „Bonnopoly“ in den Kammerspielen Bad Godesberg besucht haben? Es waren 10 761, was einer Auslastung von 92,32 Prozent entsprach. Ähnlich gut lief Goethes „Faust“. Die fünf Vorstellungen sahen insgesamt 1983 Besucher: eine Auslastung von 90,67 Prozent. Was schlecht lief, waren das Projekt „BND – Big Data Is Watching You“ (Auslastung nur 27,82 Prozent) und „Die Frau vom Meer“ (29,54 Prozent).

Wer all das und viel mehr erfahren will, greife zu Kurt P. Tudykas großformatigem Wort- und Bildband „Vorhang auf. Schauspieldirektorium Theater Bonn 2013-2018“. Der ehemalige Vorsitzende der Freunde der Kammerspiele lässt die fünf Jahre der Amtszeit Nicola Bramkamps als Schauspieldirektorin am Theater Bonn Revue passieren.

Das Schauspiel erhielt 1986 in den Kammerspielen seine eigene, von der Oper getrennte Intendanz. Peter Eschberg hieß damals der Chef des Sprechtheaters. 1997 wurde die Konstruktion zugunsten einer Generalintendanz aufgegeben. 2013 gewann das Schauspiel innerhalb des Großbetriebs Theater Bonn durch eine eigene Direktion eine partielle Autonomie zurück.

Zwischen "Herrlich" und "Klamauk"

Seither ist auf und hinter der Bühne viel passiert. „Dieser Band“, schreibt Tudyka im Vorwort, „bietet Eindrücke von der Arbeit der ersten selbstständigen Leitung des Schauspiels und vor allem von den Ergebnissen auf der Bühne aus der Perspektive des Autors und von Rezensenten. Die Darstellung ergänzen Presseberichte und städtische Mitteilungen.“ Wie einen weihnachtlichen Nadelbaum hat Tudyka Kritikerreaktionen grafisch dargestellt. Oben stehen „Gut“, „Super“, „Herrlich“ und „Klamauk“, unten, wo mehr Platz für Worte ist, Anmerkungen wie „Mit emotionaler Intensität und spielerischer Intelligenz, die einfach bezaubert“ und „An dem Abend im Schauspiel zu sitzen, das fühlte sich an wie 100 Minuten im Stau“.

Der Autor erzählt die Vorgeschichte der Ära Bramkamp und dokumentiert im Folgenden meinungsfreudig, was zwischen 2013 und 2018 auf den Bühnen zu sehen war, wie die Kritiker darauf reagierten und wie viele Besucher die Inszenierungen anlockten.

So lassen sich die Höhen und Tiefen der Arbeit Bramkamps und ihrer Kollegen auf unterhaltsame und informative Weise noch einmal nacherleben. Da gibt es im Wechsel Lobgesänge und Verrisse. „Kabale und Liebe“ zum Beispiel erhielt 2015 in Rezensionen viel Zuspruch, „Faust“ nach Goethe im selben Jahr, inszeniert von Alice Buddeberg, eher nicht. Ein Kritiker schrieb: „Wirklich wahr: Nach rund drei Stunden, inklusive Pause, ist der depressive Faust in den Kammerspielen gestorben. Das steht so nicht bei Goethe, hält aber fürs Publikum eine gute Nachricht bereit: ,Faust II' hat sich in Bonn erledigt.“

Und weiter: „Die Poesie erscheint welk und abgeschmackt, sie wird sinnlich und intellektuell nicht erfahrbar, wenn sie denn akustisch überhaupt sauber zu erfassen ist. Der hohe Ton, man kennt das ja, gehört nicht mehr zur Kernkompetenz von Theater heute.“

Die Zeilen mögen aufmerksamen Lesern des General-Anzeigers bekannt vorkommen. Ein Geständnis: Sie stammen von mir.

Kurt P. Tudyka: Vorhang auf. Schauspieldirektorium Theater Bonn 2013-2018. Book on Demand im Kid Verlag. 156 S., 19,40 Euro.