in Göteborg

Chor BonnVoice nimmt am Eurovision Choir teil

BONN. Im Dezember setzte sich BonnVoice beim Wettbewerb „Der beste Chor im Westen“ gegen 20 Formationen durch und qualifizierte sich damit für die Teilnahme am Eurovision Choir in Göteborg. Der WDR überträgt das Ereignis am 3. August live

Ein Abend Ende Juni in einem Klassenraum im Sankt-Adelheid-Gymnasium in Pützchen. Wortfetzen dringen nach außen in den lang gestreckten Flur. „Piano bitte in Takt 21, es soll wie gehaucht klingen!“ Und wenig später: „Schon sehr gut!“ Draußen zeigt das Thermometer gut 30 Grad, drinnen spielt die Sommerhitze keine Rolle. Wärmequelle ist die innere Energie, die jeder der knapp 40 meist jungen Frauen und Männer von BonnVoice spüren lässt. Die Atmosphäre bleibt gleichwohl entspannt. Zwischendurch nimmt man vereinzelt am Boden Platz, es wird schon mal das Smartphone aktiviert. Doch der Schein der Leichtigkeit trügt.

Die Aufmerksamkeit ist total auf Tono Wissing gerichtet. Der Chorleiter gibt am Klavier mit temperamentvoller Körpersprache die Einsätze vor, korrigiert hier, fasst dort nach, lobt eine ganze Stimmgruppe – all dies mit starker Präsenz. Die konsequente Ausrichtung des von Wissing 2009 gegründeten A-cappella-Chores auf das Training von Stimme, Intonation, Artikulation und Rhythmus hat einen spektakulären Beweggrund. Nicht mehr viele Chorproben stehen auf dem Fahrplan vor dem Start in das nächste große Abenteuer.

Im Dezember 2018 setzte sich das Ensemble beim WDR-Wettbewerb „Der beste Chor im Westen“ gegen 20 rivalisierende Formationen durch. BonnVoice qualifizierte sich so für die Teilnahme am Eurovision Choir 2019 (EC). Der Newcomer der Eurovision wird in Kooperation der European Broadcasting Union (EBU), der deutschen Organisation Interkultur und der Stadt Göteborg veranstaltet. Ein Bonner Chor macht sich auf, den Ansturm in die Champions League zu wagen. Als Repräsentant Deutschlands wird Wissings Team am 3. August um einen Platz ganz oben in der nach Millionen zählenden Szene der Laienchöre kämpfen.

Eurovision Choir auf dem Weg zur Marke mit Zukunft

Medial dürfte das Auswärtsspiel angesichts der Übertragung durch zehn TV-Anstalten aus zehn Ländern eine Chance bedeuten, die es nur einmal im Leben eines Chores gibt. Johannes Dierkes (30), Unternehmensberater, Bariton und Vorsitzender von BonnVoice, erhofft sich einen Schub an öffentlicher Wahrnehmung: „Das wird für uns etwas absolut Neues.“ Die Stimmung sei schon jetzt „euphorisch“, beschreibt Jule Winand (24) den emotionalen Pegelstand. „Das Größte“, so die Jurastudentin, Alt-Stimme und Vorstandsmitglied, „ist es, überhaupt bei EC dabei zu sein“.

Riga, Hauptstadt des chorseligen Lettland, erlebte am 22. Juli 2017 die Premiere der TV-Show Eurovision Choir of the Year (ECY). Für Deutschland trat der Jazzchor Freiburg an. EBU-Direktor Jon Ola Sand erkannte früh die Chance eines erweiterten Wirkungsradius. Günter Titsch, Präsident des Partners Interkultur, beobachtet einen „riesigen Anstieg der Popularität des Chorsingens in den vergangenen Jahren“. Daher komme der Eurovision Choir mit seiner europaweiten Präsenz zur rechten Zeit.

War die Show in der mit 8000 Besuchern besetzten Arena in Riga ein Glamourereignis, hielt sich die Begeisterung bei einigen der beteiligten TV-Anstalten zunächst in Grenzen. Arte platzierte die Veranstaltung in seinem Online-Kanal ArteConcert.

Das WDR Fernsehen strahlte sie acht Tage später um 7.40 Uhr aus, SWR Fernsehen nochmals eine Woche später um 0.05 Uhr. Zwei Jahre später scheint der EC auf dem Weg zu einer Marke mit Zukunft. Jon Ola Sand zufolge soll er zu einer Langzeiteinrichtung entwickelt werden.

Die Phalanx der angemeldeten TV-Stationen steht parat. „Schon die erste Ausgabe in Riga“, betont WDR-Fernsehkulturchef Matthias Kremin, „hat die große Lebendigkeit der Chorszene Europas gezeigt. Daher ist es uns eine gern übernommene Verpflichtung, jetzt mit der Übertragung aus Göteborg einem deutschlandweiten Publikum zu zeigen, was Laienchöre zu leisten imstande sind.“

BonnVoice spielt im WDR-Programm spezielle Rolle

Beim Ausflug an die schwedische Westküste kommt dem WDR der Umstand zugute, einen Spitzenchor aus seinem Sendegebiet präsentieren zu können. Der Standort von BonnVoice spielt daher im Programm eine spezielle Rolle. Bevor die Show in der Partille Arena um 20.30 Uhr beginnt und live übertragen wird, wollen Catherine Vogel und Nora Abu-Ounrichtet schon ab 20.15 Uhr aus Bonn und direkt aus Göteborg berichten. Ein lokales Bonbon soll eine Schaltung zum Public Viewing im Tennisclub Wachtberg sein. Ergebnis der persönlichen Kontakte von Jule Winand. Ihre Anregung fand Unterstützung. Am großen Tag werden das TV-Signal auf einer Leinwand und der Sound aus Boxen voll präsent sein. Winand: „In erster Linie werden Angehörige und Fans vor der Kamera sein, die nicht in Göteborg dabei sind.“ Die Einstimmung erinnert an den ESC. Mit Peter Urban existiert auch ein unmittelbarer Link. „Mr. Eurovision“, der dem Finale des Song Contests seit 1997 seine Stimme leiht, wird die Show für das deutsche TV-Publikum kommentieren.

Also beste Voraussetzungen für BonnVoice vor dem Aufeinandertreffen mit Chören wie Almakalia (Belgien), Zero8 (Schweden) und Cake O’Phonie (Schweiz)? Eigentlich schon. 2017 übernahm der SWR die Kosten für „unseren Chor für Riga“ nicht. So hatte Nina Ruckhaber, Geschäftsführerin beim Jazzchor Freiburg, kurzfristig an die 15 000 Euro an Sponsorenmitteln und ein günstiges Quartier in der Gastgeberstadt aufzutreiben. „Eine echte Nervenprobe“, erinnert sie sich.

Für den Bonner Chor gibt es diese Sorge freilich nicht. Die Kosten für Flug, Hotel, Verpflegung trägt der WDR, jedenfalls weit überwiegend, wie von beiden Seiten verlautet. So kann sich BonnVoice von der Anreise Anfang August an ganz auf den Wettbewerb konzentrieren.

Präzise vorbestimmt sind Ablauf und Beurteilungskriterien, nach denen sich die professionelle Jury richtet. Zwei der drei Juroren, Katarina Henryson und Deke Sharon, sind ausgewiesene A-cappella-Experten. Dritter im Bunde ist John Rutter, der zu den bedeutendsten Komponisten für Chorliteratur zählt.

BonnVoice präsentiert ureigenes Repertoire

In der ersten Runde bekommt jeder Chor vier Minuten für ein oder zwei Stücke, um in die Endausscheidung zu gelangen. Drei der zehn beteiligten Chöre erhalten diese Chance. In der zweiten Runde hat jeder Chor drei Minuten, um die Krone zu erringen. „Das Problem ist, die richtigen Stücke zu finden und in vier Minuten alles auf den Punkt zu bringen,“ sagt Wissing, Doch dies gelte für alle Chöre.

Als „absolut sachgerecht und angemessen“ empfindet der Chorleiter die Kriterien der Jury. Begutachtet werden Technik, Klangqualität, Musikalität/ Interpretation sowie Kommunikation. Es ist exakt das Gerüst an Standards, die auch für die Entwicklung von BonnVoice bis an die Schwelle zur Professionalität ausschlaggebend sind.

Altmodisch, betulich, provinziell – immer noch existieren Vorurteile, die einer angemessenen Wahrnehmung des Laienchorwesens entgegenstehen. Mit seinem Durchschnittsalter von gut 30 Jahren, dem dynamischen Profil mit Stilelementen aus Klassik, Jazz, Pop und seinem breiten Repertoire aus vier-, fünf- und sechsstimmigen Kompositionen steht BonnVoice praktisch für den Gegenbeweis.

Dies wird auch in Göteborg deutlich werden. Wissing lässt sich ein wenig in die Noten schauen: „Wir treten mit einem Volkslied-Programm in modernem Klangarrangement auf. Somit können wir ureigenes Repertoire präsentieren.“ Man spüre dann förmlich die Kraft der Musik, verspricht der Chorleiter. Jene Kraft, „die uns alle so sehr verbindet – den Chor mit dem Publikum, ja ganz Europa im Moment der Ausstrahlung“.