Tanztheater beim Beethovenfest CCN Ballet de Lorraine tanzt Beethovens "Sturm"-Sonate

Selbst der Flügel ist rosa: Szene aus „Rose-Variation“.

Bonn. Beethoven durch die rosarote Brille: Die französische Compagnie gastiert mit Choreografien von Mathilde Monniers, Twyla Tharp und Merce Cunningham.

Der Komponist Olivier Messiaen besaß die besondere Gabe der Synästhesie. Wenn er Töne hörte, ergänzte sein Hirn Farben dazu. Ob er bei den Klängen von Ludwig van Beethovens „Sturm“-Sonate – derjenigen in d-Moll op. 31 Nr. 2 – die Farbe Rosa gesehen hätte, wäre zumindest ein Experiment wert gewesen. Dem Nicht-Synästhetiker freilich fällt es schwer, das zarte Rosa und den entfesselten „Sturm“ in eine Assoziationskette zu bringen. Umso kurioser, dass die französische Choreografin Mathilde Monnier die Sonate in ihrem Stück „Rose-Variation“ sozusagen durch die rosarote Brille sieht, wenn sie die komplette Bühne samt Tänzern, einem Flügel mit Pianisten in Rosa ausstattet.

Beim Beethovenfest stellte das CCN Ballet de Lorraine das 2001 ursprünglich für das Royal Swedish Ballet in Stockholm entstandene Werk dem Bonner Publikum im Opernhaus vor. Man lernt, dass das Stück nicht allein vom Kontrast von Farbe und Musik lebt, sondern insbesondere auch vom Spiel mit dem traditionellen Tanzvokabular, das noch bei der Uraufführung einen gewissen provokanten Effekt hatte. Bis zu 23 Tänzerinnen und Tänzer bevölkern dabei die Bühne, verschwinden immer wieder in Gruppen in den Seitengassen oder tanzen solo oder in kleinen Ensembles zu den Klängen Beethovens (oder auch, wenn die Musik zwischen den Sätzen schweigt). Dabei werden die klassischen Figuren, Schritte und Sprünge originell variiert oder auch auch mal pulverisiert, was die Tänzer des CCN Ballet de Lorraine virtuos umzusetzen verstanden. Wenn sie sich zum Beispiel anschicken, ein Battement auszuführen, kann das auch mal aussehen, als würde ein Fußballer zu einem Weitschuss ausholen. Den Klavierpart am rosa Flügel spielte mit Leidenschaft Tanguy de Williencourt.

Weder der Pianist noch sonst ein Musiker, nicht einmal ein Tonband benötigt Twyla Tharps Klassiker „The Fugue“ als Begleitung, dessen Uraufführung bereits 48 Jahre zurückliegt. Denn Johann Sebastian Bachs kontrapunktisches Wunderwerk, „Das Musikalisches Opfer“, erklingt nicht real, sondern ist nur virtuell durch die Schritte und Bewegungen drei Tänzer präsent. Die drei Herren Alexis Bourbeau, Justin Cumine und Tristan Ihne arbeiteten in ihren grauen Hosen und Hemden diese kontrapunktischen Strukturen vorzüglich heraus, trippeln im Kanon und in Gegenbewegung, wobei ihre Schritte den Rhythmus der Musik intonieren.

Mit Merce Cunninghams Choreografie „Sounddance“ für zehn Tänzerinnen und Tänzer ging der Abend fulminant zu Ende. Die in Apricot gekleideten Akteure kommen einer nach dem anderen aus einer Art Höhle, die in eine Art Felsmassiv aus Stoffbahnen geschlagen ist, und formieren sich immer wieder zu neuen Gruppen, schnell, hektisch, aufgeregt – und aufregend.

Die elektronischen Klänge, die David Tudor für da Stück schuf, blubbern, rasseln und schnaufen völlig unabhängig vom Bühnengeschehen aus den Lautsprechern. Ein auch nach mehr vierzig Jahren noch unglaublich starkes Stück, das von Petter Jacobsens französischer Compagnie mit enormer Verve getanzt wurde. Begeisterter Beifall.

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