Thomas Melle

Bonner Schriftsteller hat es zum zweiten Mal auf die Longlist geschafft

Der Autor Thomas Melle verbrachte seine Schulzeit in Bad Godesberg.

BONN. Es geht, verdammt noch mal, nur um 3000 Euro Schulden. "Wie viel ist das, wie wenig", denkt sich der Protagonist in Thomas Melles neuem Roman, während er durch die U-Bahn wankt. Der Gerichtstermin rückt näher, noch zehn Tage. "Das Wort Deadline vermeidet er", schreibt Melle, Absolvent des Godesberger Aloisiuskollegs (Ako), über seinen Romanhelden Anton.

Wobei der abgestürzte Ex-Jurastudent, der im Obdachlosenwohnheim schläft, sich selbst als "eigentlich schon Vergangenheit" bezeichnet: "Ein Untoter streift durch die Stadt." Einer, der als Haufen unter Flicken und Fetzen an der Haltestelle liegt. "Es riecht streng, nach Urin, nach Säure und frühem Alter."

Einer, der schon alle Selbstmordarten durchdekliniert hat. Der von der genervten Bankberaterin als nicht kreditwürdig abgekanzelt wird - und spekuliert, wenigstens die alte Rolex der Mutter bei Ebay zu verhökern. 3000 Euro muss er auftreiben, genau die Summe, die dieser fade Professor dafür bekommen wird, ihn mit einem lächerlichen Gutachten ganz aus dem bürgerlichen Leben zu kicken.

Mit dieser packend geschilderten Konstellation steigt Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, Absolvent der Vergleichenden Literaturwissenschaft und Philosophie und inzwischen gefeierter Übersetzer, Theater- und Romanautor, in sein neustes Buch ein. Und er hat es mit "3000 Euro" genauso wie mit dem Erstling "Sickster" 2011 in die Longlist 2014 beim Deutschen Buchpreis geschafft.

Melles Theaterstücke "Haus zur Sonne" (2006) und "Das Herz ist ein lausiger Stricher" hatten schon aufhorchen lassen. Für seinen Erzählband "Raumforderung" erhielt er 2008 den Förderpreis zum Bremer Literaturpreis. "Sickster" katapultierte den "virtuosen Satzjongleur", den Autoren, der nicht nur sportlich sei, sondern wirklich Kraft habe, endgültig in die Riege "großer Schriftsteller". Die Feuilletons jubelten.

Dabei hatte dieser Debutroman, grandios sezierend, im Mief der Kleinstadt und ihres Jesuitenkollegs angesetzt - und das waren ganz unverhüllt Bad Godesberg und Thomas Melles Ako. Das "brachte alljährlich eine neue Generation von Gesellschaftsklonen hervor: arrogante, zumeist neureiche oder altadlige Schnösel, die die winzige Innenstadt Bad Godesbergs in immerselben ... Barbourjacken ... gegen eine wachsende Horde von zumeist ausländischen Proleten verteidigten, durch Präsenz und Parfüm und durch Perspektiven".

Nur dass diese, wie Melle ätzt, nicht selten eigentlich nur "den Kapitalismus der Eltern und die Schläue der Jesuiten in ideologischer Eintracht möglichst gewinnbringend in die Welt tragen" würden: "Zynismus und Saturiertheit" würden im neoliberalen Wirtschaftskäfig obsiegen - oder den einen oder anderen irgendwann mal in die Psychiatrie führen? Immerhin werden in "Sixster" noch idealistisch die ganz großen Lebensentwürfe erträumt.

Die sind in Melles neuem Roman runtergeschraubt. Anton, dem die 3000 Euro fehlen, und der prolligen Kassiererin Denise, die ihm diese lumpige Summe schließlich mit Pornoaufnahmen verschaffen will, muss es darum gehen, den Kopf gerade noch über Wasser zu halten. Immerhin haben sie sich beide. Oder wenigstens die Hoffnung, sich zu haben. "Eine Zukunft. Ja. Oder?", schreibt Thomas Melle.

Info

Thomas Melle: 3000 Euro, Rowohlt Verlag, 208 S. 18,95 Euro.