Die Liebe des Diktators

Bonner Premiere von "Xerxes" ist große Satire

Wirrungen der Liebe: Romilda (Louise Kemény) und Xerxes (Luciana Mancini).

Wirrungen der Liebe: Romilda (Louise Kemény) und Xerxes (Luciana Mancini).

Bonn. Unendlicher Spaß: Der Italiener Leonardo Muscato inszeniert Georg Friedrich Händels „Xerxes“. Sopranistin Luciana Mancini ist in der Titelrolle eine Wucht.

Bäume zu umarmen ist keine Erfindung neuzeitlicher Esoteriker. Darin war Georg Friedrich Händels Opernheld Xerxes auch schon ein Meister. Seine berühmte Auftrittsarie „Ombra mai fu“ aus der nach dem antiken Perserkönig benannten Oper ist eine anrührende Liebeserklärung an eine Platane. „Nie soll mit grober Axt ein schimpflicher Grobian einen belaubten Zweig abhacken“, heißt es in der deutschen Übersetzung.

Manch einer mag bei diesen Zeilen an den Hambacher Forst denken; doch der italienische Regisseur Leonardo Muscato, der in Bonn zugleich sein Deutschland-Debüt gibt, dreht die ohnehin schon ziemlich absurde Sache noch ein bisschen weiter: Auf der Bonner Bühne steht Xerxes im Habit eines orientalischen Operettenkönigs, mit ordenbehangener Fantasieuniform, Rauschebart und Sonnenbrille vor einer Atomrakete, die eine sternenumkränzte Palme als Wappen ziert.

Die Inszenierung ist also durchaus als Satire auf durchgeknallte Diktatoren à la Kim Jong-un oder Muammar al-Gaddafi zu verstehen. Bühnenbildner Andrea Belli wendet Xerxes' Atomraketenschreckensszenario ins Lächerliche, in Bilder, die wie aus einem bonbonbunten Comicband ausgeschnitten scheinen. Am blauen Himmel über den stilisierten (beweglichen) Palastmauern schweben weiße Schäfchenwölkchen, es gibt Soldaten und Tiere aus Pappe und einen Panzer so rosa gefärbt wie das Schnupftuch des Generals Ariodate. Katia Bottegals Kostüme spielen ganz zauberhaft mit klar zugeordneten Farben und Formen.

Aber die satirischen Verfremdungen erfüllen vor allem den Zweck, als Kulisse zu dienen für einen wunderbaren Bühnenspaß rund um eine Liebesgeschichte. Denn der Herrscher ist nicht nur in den Baum verliebt, sondern auch in Romilda, Tochter des Generals, deren Herz aber Xerxes' Bruder Arsamene gehört. Den Herrscher schert in seinen Avancen wenig, dass er selbst bereits eine Verlobte hat. Die will sich nicht so einfach aufs Abstellgleis stellen lassen und greift in der Verkleidung als Soldat aktiv ins Geschehen ein.

Bevor sich der aus solchen Wirrungen geknüpfte Knoten wieder löst, gibt es viel Action auf der Bühne. Dabei erweist sich Regisseur Muscato als souveräner Dompteur der quirligen Gesellschaft. Ein Trick: Wenn einer in die Hände klatscht, erstarren die anderen. Das schafft Zeit zum Innehalten. Mal für eine Sekunde, mal für eine Arie.

Sopranistin Luciana Mancini schlüpft in die ursprünglich für einen Kastraten vorgesehene Rolle des Xerxes und begeistert mit unbändigem Temperament. Sie springt herum wie ein Rumpelstilzchen, ist unglaublich komisch – und singt fabelhaft. Nicht nur die wunderschöne Auftrittsarie.

Ein echter Knaller ist die Zornesarie gegen Schluss des Stücks, in der sie stimmliche und darstellerische Virtuosität perfekt verschmilzt. Insgesamt besticht das Ensemble durch seine unglaubliche Energie und Spielfreude. Mezzo Kathrin Leidig gefällt als Arsame, Susanne Blattert – ebenfalls Mezzo – als Xerxes' Verlobte Amastre, den Aridante singt Bassist Leonard Bernat ganz hinreißend, die Sopranistin Louise Kemény verkörpert Romilda mit senfgelber Perücke und schöner Stimme. Marie Heeschen gibt als ihre intrigante, dennoch charmante Schwester Atalante eine hinreißende Vorstellung. Arsamenes Diener Elviro findet in Martin Tzonev einen idealen Sänger und Darsteller. Die auf zweieinhalb Stunden gekürzte, ohne Chor auskommende Fassung wird musikalisch mitreißend von einem kleinen Barockensemble aus Musikern des Beethoven Orchesters begleitet.

Auch hier herrscht Spielfreude allenthalben. Dass die Musiker den speziellen barocken Klang absolut stilsicher, lebendig und tänzerisch herüberbringen, ist vor allem auch das Verdienst des Dirigenten Rubén Dubrovsky. Das Publikum reagierte mit Standing Ovations. Zumindest überwiegend.

Weitere Termine: 14., 20. und 27. Oktober, 3. und 25. November, 2., 15. und 30. Dezember, 18. und 26. Januar 2019, 24. Februar 2019 und 13. März 2019. Karten in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.