Premiere im Theater im Ballsaal

Bonner Cocoondance zeigt neue Choreografie

Körperkommunikation: Szene aus „Dream City“ von Cocoondance im Ballsaal.

Körperkommunikation: Szene aus „Dream City“ von Cocoondance im Ballsaal.

Bonn. Die Choreografie „Dream City“ ist eine neue Produktion der im Theater im Ballsaal beheimateten Kompanie Cocoondance. Das Stück feiete Premiere beim Bonner Tanzfestival "Into the Fields".

Man muss sich einmal eine sehr belebte Straße in einer der ganz großen Metropolen dieser Welt wie London, New York oder Shanghai vorstellen. Menschen unterschiedlichster Herkunft drängen sich hindurch, die meisten einander völlig fremd. Es gibt wenig Augenkontakt, keine Berührungen. Doch auch wenn sich die Menschen nicht anschauen, entsteht doch so etwas wie Kommunikation zwischen den Individuen, und sei es nur, ein Fortkommen ohne größere Zusammenstöße zu ermöglichen.

Ein bisschen so wirkt mitunter die neue Produktion der im Theater im Ballsaal beheimateten Kompanie Cocoondance, wenn bis zu 16 bunt zusammengewürfelte Akteure sich über die vom Publikum umringte weiße Bühnenfläche im Ballsaal bewegen. Der Titel des Stücks, „Dream City“, das am Wochenende zum Auftakt des Festivals „Into the Fields“ Premiere feierte, haben sie einem Essay der britischen Schriftstellerin Zadie Smith entlehnt. Für Smith ist „Dream City“ ein „vielstimmiger Ort, wo die einheitliche, einzigartige Identität illusorisch ist“. Die Menschen in dieser „Traumstadt“ eint die Vielfalt: „Wir haben fast alle eine komplizierte Herkunft, eine verworrene Lebensgeschichte mit vielfältigen Erzählsträngen.“

Grenzen überschreiten

Choreografin Rafaële Giovanola und Dramaturg Rainald Endraß, die Cocoondance vor fast 20 Jahren gründeten, setzen vor diesem Hintergrund ihre experimentelle Erkundung der Körper-, Fremd- und Selbstwahrnehmung fort, deren Ergebnisse man zuletzt etwa in den großartigen Stücken „Momentum“, „Ghost B“ und „Vis Motrix“ bestaunen konnte. Man könnte beinahe sagen, dass „Dream City“ die dort gemachten Erfahrungen in einem großen Crossover der Bewegungen zusammenführt. „Es bleibt einem gar nichts anderes übrig, als Grenzen zu überschreiten und in Zungen zu reden“, beschreibt Smith in einem im Programm zitierten Essay-Ausschnitt das Leben in der „Dream City“. Also in einer Art „Übersprache“, die alle verstehen. Nur dass die Menschen auf der Bühne nicht durch Sprache, sondern durch ihre Körper kommunizieren.

Am Anfang ist nur ein Tänzer allein auf der Bühne, er durchschreitet den Raum mit zum Teil grotesk ungelenk anmutenden Schritten, so unrund wie bei einer Marionette. Eine Frau durchmisst den Raum mit eilig wiegenden Beckenbewegungen. Zu dem pochenden Rhythmus von Franco Mentos elektronisch generierten Beats und Klängen kommen immer mehr Tänzer auf die Bühne. Jeder mit einem eigenen Bewegungsrepertoire, das so individuell zugeschnitten ist wie die Kleidung. In „Dream City“ führen Giovanola und Endraß Profitänzer, Kinder und Jugendliche der Junior Company sowie Breakdancer und Parkourer zusammen. Man sieht ein Kind durch den Raum staksen, ein Tänzer watschelt in Hockposition wie eine Ente durch den Raum. ein junges Mädchen pflügt sich selbstbewusst mit raumgreifenden Bewegungen eine Bahn über die Bühne.

Bei aller Heterogenität der Akteure und ihrer Bewegungen wirkt das Stück keineswegs beliebig, sondern im Gegenteil überaus organisch. Die immer ernst und unbeteiligt dreinschauenden Darsteller – selbst den mit voller Konzentration auftretenden Kindern huscht kein Lächeln übers Gesicht – wirken wie ferngesteuert, gleichviel ob sie einzeln unterwegs sind oder zu einem Block zusammenschnurren. Bei alldem entwickelt sich das Stück wie eine sehr polyphon gearbeitete Sinfonie, die einen gewaltigen dynamischen Prozess erfährt.

Ein Riesencrescendo, das am Höhepunkt in sich zusammenfällt. Auf dem Boden bleiben zuckende Leiber liegen. Doch irgendwann geht es weiter, die Musik belebt sich und die Tänzerinnen und Tänzer stehen nach und nach auf, bis zuletzt ein Breakdancer mit einem akrobatischen Move vom einhändigen Handstand auf die Füße kommt. Nach ungefähr 50 intensiven Minuten ist das Stück zu Ende. Das Publikum, das die Vorgänge auf der Bühne auf grauen Blöcken hockend von den Seitenlinien aus verfolgen kann und so Teil des Raumkonzepts wird, war von dieser Vorstellung am Samstagabend hingerissen. Großer Applaus.

Die nächsten Vorstellungen des Festivals „Into the Fields“ im Theater im Ballsaal: Mi., 20.3., 20 Uhr, Atelier 21220: „Late Night Show“; Fr., 22.3., 20 Uhr, David Hernandez + Collaborators: „Vox“, im Anschluss: DJ-Set Zoë McPherson; Sa., 23.3., 20 Uhr, David Hernandez + Collaborators, „Vox“. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops des General-Anzeigers sowie im Internet auf ga-bonn.de/ticket