Vorschau auf das Stück

Bonn bringt Oper „Oberst Chabert“ auf die Bühne

Bonn. Regisseur Roland Schwab spricht vor der Premiere in der Bonner Oper über seine Inszenierung von Wolfgang von Waltershausens Geniestreich „Oberst Chabert“.

Die Aufführung von Hermann Wolfgang Sartorius Freiherr von Waltershausens Oper „Oberst Chabert“ vor acht Jahren an der Deutschen Oper in Berlin war so etwas wie ein Testlauf für die aktuelle Bonner Inszenierung, deren Premiere kommenden Sonntag ansteht. Denn in der Hauptstadt hatten sie die Qualität dieser musiktheatralischen Ausgrabung aus dem Jahre 1912 lediglich halbszenisch ausprobiert. Der Dirigent Jacques Lacombe und der damalige Chefdramaturg des Hauses an der Bismarckstraße, Andreas K.W. Meyer, wollten es nach der positiven Aufnahme bei Publikum und Presse auch mal richtig auf die Bühne bringen. In Bonn, mit Roland Schwab als Regisseur.

Schwab und Meyer kennen sich seit den „Mozart-Fragmenten“, die sie zum Mozartjahr 2006 erfolgreich auch in der Deutschen Oper auf die Bühne gebracht hatten. „Meine Zusammenarbeit mit ihm beginnt mit Ausgrabungen“, bemerkt der 47-jährige mit Blick auf Meyer und das Mozart-Projekt. Mit „Oberst Chabert“ kommt nun eine weitere dazu. „Ich bin sowieso immer sehr für Raritäten“, schmunzelt der Regisseur. „Ich sehe mich immer als Geburtshelfer für Problemfälle, denen man mit der Regie ein bisschen helfen muss.“ Gerade der Anfang des Stücks, der in einer Anwaltskanzlei spielt, könne leicht wie ein sprödes Konversationsstück wirken, wenn man nicht das hier thematisierte Trauma des lange totgeglaubten Protagonisten ni auch irgendwie sichtbar mache. „Unser Anfang ist schon eine sehr kriegerische Setzung“, verrät der in Walterhausens Heimatstadt München aufgewachsene Regisseur.

In der Vorgeschichte des auf einer Erzählung von Honoré de Balzac basierenden Stücks wird Chabert während des Vierten Koalitionskriegs auf dem Feldzug Napoleons nach Ostpreußen in der Schlacht bei Preußisch Eylau (1807) schwer verwundet. Man hält ihn für tot und verscharrt ihn in einem Massengrab. Aber Chabert gelingt es, sich aus der gruseligen Gruft zu befreien und nach einer zehnjährigen, quälenden Odyssee nach Paris zurückzukehren. Und er muss feststellen, dass er alles verloren hat, seine Identität und damit auch sein Vermögen. Dazu ist seine Frau längst mit einem anderen Mann verheiratet. „Der gefeierte Nationalheld wird zur Belastung für die Gesellschaft“, sagt Schwab und schiebt die rhetorische Frage hinterher: „Was ist das für eine Fallhöhe?“

Aleppos Trümmerlandschaft

Schwab versteht die unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg uraufgeführte Oper als die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, ein Szenario, das sie vor dem Hintergrund der jüngeren Konflikte seit Vietnam bis zum Nahen Osten brandaktuell macht und wie sie auch in Hollywood-Produktionen wie Michael Ciminos „Die durch die Hölle gehen“ oder Oliver Stones „Geboren am 4. Juli“ verhandelt werden. „Die Bilder vom Krieg in unseren Köpfen sind nicht mehr von den Schlachtfeldern beherrscht, wo die Nationen aufeinandertreffen. Der Krieg ist in die Städte eingedrungen. Deshalb ist die Geschichte näher an uns als an der Napoleonischen Zeit“, findet Schwab.

In seiner Inszenierung ist der Protagonist, der von dem Hünen Mark Morouse dargestellt wird, ähnlich wie Tom Cruise in „Geboren am 4. Juli“, ein Gezeichneter, der zwar nicht im Rollstuhl sitzt, aber an Krücken geht. Dazu sei die Trümmerlandschaft der syrischen Stadt Aleppo in der Inszenierung sehr deutlich zu erkennen, verrät Schwab.

Chabert sei buchstäblich ein Verschütteter. Diesen traumatisierenden Zustand will Schwab gleichsam mit Hilfe der Bühnenarchitektur gleichsam einfrieren: „Wir sehen mit Chabert aus einer Gruft heraus“, beschreibt Schwab die Idee. Chabert sieht das Licht, wird es aber nie schaffen, der Gruft wirklich zu entfliehen. Das Trauma begleitet ihn den Rest seines Lebens. Dazu die Musik: „Sie hat etwas Oszillierendes. Das schätze ich sehr. Musikalisch ist die Oper perfektes Handwerk. Es gibt diese Dauertransformation von Leitmotiven. Das ist ganz große Kunst. Da muss sich von Waltershausen gar nicht vor Strauss verstecken“, schwärmt Schwab und ergänzt: „Ich hoffe, es gelingt uns hier in Bonn, eine Renaissance des Stückes einzuleiten.“ Nach der Uraufführung in Frankfurt hatte die Oper immerhin einen beispiellosen Siegeszug angetreten. Mit weltweit mehr als 100 Inszenierungen.

Oper Bonn: 17. Juni, 18 Uhr (Premiere): „Oberst Chabert“, Oper von Hermann Wolfgang von Waltershausen. Karten gibt bei Bonnticket.