Interview mit Malte Boecker

"Beethoven ist nicht heilig, sondern welthaltig"

Malte Boecker in Beethovens Geburtshaus in der Bonngasse.

15.10.2012 Malte Boecker, seit Mai dieses Jahres Direktor des Beethoven-Hauses, spricht im GA-Interview über Emotionen und Ausstellungskonzepte, über Tourismus und Mitgliederwerbung.

Die ersten 150 Tage sind vorbei. Haben Sie sich eingelebt?
Malte Boecker: Privat noch nicht wirklich, weil meine Familie noch in Gütersloh ist. Im Januar ziehen wir aber alle nach Bonn. Bis dahin wohne ich vorübergehend kurz vor Andernach in einem Haus der Familie. Immerhin ganz nahe bei Beethovens Mutter, die ja aus Koblenz kam. Aber wenn es um die Sympathie zu Bonn und die Freude an der neuen Aufgabe geht bin ich gut angekommen.

Wenn Sie täglich aus Andernach anreisen: Wo begegnet Ihnen erstmals Beethoven?
Boecker: Wenn ich aus dem Tunnel in Bad Godesberg komme, dann weht mir zwar das frische Orange des Beethovenfestes entgegen. Aber das ist ja auch nur im Festspielmonat so. Wenn ich mit dem Zug komme, sehe ich erst einmal gar nichts. Beethoven begegnet mir erst auf dem Münsterplatz vor der Post, wo das Denkmal steht. Ich würde mir wünschen, dass man im Bahnhof und im Stadtbild insgesamt deutlicher spürt: Willkommen in der Beethovenstadt Bonn.

Müsste Beethoven in seiner Geburtsstadt also besser präsentiert werden?
Boecker: Das war bei meinem Antrittsbesuch bei OB Nimptsch tatsächlich unser Thema. Wichtig erscheint mir, sich die Verkehrsknotenpunkte und Zuwegung genauer anzuschauen. Wenn man zum Beispiel am Köln/Bonner Flughafen ankommt, sieht man einen Stand der Bundeskunsthalle. Es wäre schön, wenn darüber hinaus auch klar würde, dass man sich in der Nähe von Beethovens Geburtsort befindet. Im städtischen Umfeld des Beethoven-Hauses erschließt sich auch nirgends, dass hier zur Zeit Beethovens andere wichtige Persönlichkeiten aus dem Musikleben wohnten. Im Vorderhaus des Beethoven-Hauses zum Beispiel wohnte die Familie des berühmten Musikers und Impresarios Johann Peter Salomon, der in London die Royal Philharmonic Society gründete. Gegenüber lebte neben dem Großvater Beethoven eine Zeit lang auch die Familie des Pianisten, Komponisten und Orchesterleiters Ferdinand Ries. Der bedeutende Musikverlag N. Simrock hatte in der Bonngasse seinen Laden. All das wird nirgends wirklich deutlich.

Wäre das denn eine Aufgabe der Stadt?
Boecker: Auch. Wir brauchten aber wohl vor allem eine Verantwortungspartnerschaft aller Miteigentümer in der Bonngasse, wenn wir diese aufwerten wollen.

Reicht das Ausstellungskonzept des Museums mit seiner ständigen Ausstellung und den Wechselausstellungen aus, um auch in Zukunft ein Publikum anzusprechen?
Boecker: Die Sammlung ist außergewöhnlich. Und immer sehenswert. Selbst ohne irgendeine Form der Präsentation. Wenn wir mit Künstlern oder Gästen in die Archivräume der Sammlung gehen, ist das für jeden zum Niederknien. Da wirken einfach die Handschriften. Das ist emotional so berührend, dass es für sich allein spricht. In den Ausstellungen sollte man aber nicht allein auf die Suggestivkraft der Exponate vertrauen. Denn unser Publikum ist höchst heterogen und wandelt sich. Wir haben es mit Sprach- und Verständnisbarrieren zu tun. Mehr als die Hälfte aller Besucher kommt aus dem Ausland. Und in den Schulklassen merken wir, dass klassische Musik nichts Selbstverständliches mehr ist. Natürlich fällt es den Kindern und Jugendlichen dann nicht so leicht, die gezeigten Exponate einzuordnen.

Wie kann man ihnen entgegenkommen?
Boecker: Wenn die Kinder etwa vor der Vitrine mit dem Heiligenstätter Testament und den Hörrohren stehen, können manche damit erst einmal nicht viel anfangen. Für sie bleibt es dann ein Stück Blech, ein Duschkopf, wie Kinder gelegentlich vermuten. Berührt werden die Besucher doch erst, wenn sie in den Rohren erkennen, wie stark Beethoven die Taubheit beeinträchtigte und welche Werke er trotzdem schuf. Das heißt: Man muss den Besuchern da entgegenkommen, indem man solche Gegenstände mehr kontextualisiert und vermittelt. Das hat man vor zwanzig Jahren in dem Maße nicht gebraucht, weil da deutlich mehr Besucher einen bildungsbürgerlichen Hintergrund hatten. Experten Vertiefungsangebote zu machen und Laien aus aller Welt zu helfen, die Oberfläche der beziehungslosen Verehrung zu durchbrechen, auf diese Balance kommt es immer mehr an...

Aber das Allerheiligste betreten nur ausgewählte Gäste...
Boecker: Mir liegt diese quasireligiöse Sprache in diesem Zusammenhang wirklich fern. Ich habe nie vom Allerheiligsten gesprochen. Begriffe wie Weihestätte, Hohepriester, Krypta und so weiter brauche ich nicht, um die Bedeutung der Sammlung deutlich zu machen. Beethoven ist nicht heilig, sondern welthaltig. Das ist ein Unterschied.

Aber den Tresorraum mit den vielen Originalen Beethovens dürfen gleichwohl nur ein paar Auserwählte sehen...
Boecker: Schon wieder so ein Begriff... Das ist bei der Planung des Hauses gar keine Intention gewesen. Thomas van den Valentyn, der Architekt, hat einen klimatisierten Archivraum gebaut, der notwendig wurde, um diesen immensen Schatz von über Tausend originalen Handschriften unter konservatorisch optimalen Bedingungen lagern zu können. Es ist nicht so, dass wir das von der Öffentlichkeit fernhalten wollen. Ganz im Gegenteil. Das Beethoven-Haus war ja eine der ersten Einrichtungen überhaupt, die die Digitalisierung der Autographen vorangetrieben haben, um sie einer möglichst großen Zahl von Menschen zugänglich zu machen. Alles, was bei uns in der Sammlung liegt, ist digital abrufbar und transparent.

Aber ist es nicht so, dass sich trotz aller Bemühungen der Eindruck einer hermetischen Sphäre aufdrängt?
Boecker: Das führt natürlich zu der Frage, welche Möglichkeiten geschaffen werden können, eine größere Auswahl der Bestände zu zeigen. Auch im Hinblick auf das Beethoven-Jahr 2020. Es wäre schön, mehr Wechselausstellungsfläche zu bekommen, wo man deutlich mehr der Handschriften zeigen könnte. Die räumliche Erweiterung ist ein wichtiger Schlüssel zur konzeptionellen Entwicklung des Hauses.

Ist eine größere Fläche in Aussicht?
Boecker: Bei der Nutzung der verfügbaren Flächen im Haus ist noch ein wenig Spielraum. Diskutiert wird natürlich auch schon lange, ob andere Flächen mit genutzt werden können. Schließlich werden auch ungewöhnliche Vorschläge gemacht. Mit Blick auf ein neues Festspielhaus in Bonn könnte man etwa darüber nachdenken, ob es nicht möglich wäre, da eine Sonderausstellungsfläche einzurichten und für das Konzertpublikum ständig sichtbar zu sein.

Das Beethoven-Haus ist ein Erfolgsmodell: Jedes Jahr kommen mehr als 100 000 Besucher aus aller Welt. Wie wichtig ist da noch Marketing?
Boecker: Wir sind mit der Auslastung sehr zufrieden, aber da ist sicher auch noch Luft nach oben. Der Besucherstrom geht nach den Sommermonaten deutlich zurück. Im Winter, das zeigt die Statistik zurückliegender Jahre, können Sie auch mal Tage erleben, an denen nur vereinzelte Interessierte kommen. Hier sollte das Haus, genauer der Museumsdienst, gezielte Angebote machen, um zusätzliche regionale oder internationale Besuchergruppen für das Haus zu gewinnen.

Welche?
Boecker: Ich habe beispielsweise mit den Leitern des Mozarteums Salzburg und des Bach-Archivs Leipzig über gemeinsam abgestimmte Angebote für unsere internationalen Zielgruppen gesprochen. Wir haben ja durchaus komplementäre Angebote. Das könnte so aussehen, dass wir etwa speziell für ausländische Besucher maßgeschneiderte Touren anbieten. So etwas könnte ja abseits der Hauptsaison liegen.

Was wird sich in der nächsten Zeit konkret tun? Wo werden Sie anpacken?
Boecker: Ich habe dem Kuratorium, Vorstand und der Mitgliederversammlung im September meine Prioritäten vorgestellt, damit wir unsere Zielgruppen besser erreichen. Lassen Sie mich von den zehn Punkten nur folgende zwei organisatorischen hervorheben: Einer betrifft den geplanten Jahresbericht, den wir ab 2014 vorlegen wollen, um das Haus transparenter zu machen. Viele in Bonn verbinden mit dem Beethoven-Haus nur das Museum oder nur den Kammermusiksaal. Das kommt immer auf die individuelle Interessenlage an. Es gibt hier eine selektive Wahrnehmung. Mir liegt daran weiterzuentwickeln, was mein Vor-Vorgänger, Andreas Eckhardt, begonnen hat: Das Haus als Ensemble zu verstehen und in seiner Gesamtheit darzustellen. Da kann ein Jahresbericht, den ich den Besuchern mitgebe, Aufklärungsarbeit leisten. Mit einem solchen Bericht lassen sich, denke ich, auch gut neue Mitglieder werben. Damit sind wir bei dem anderen Punkt. Dem Aufbau eines strategischen Fundraisings. Jeder Besucher ist ein potenzielles Mitglied. Jedes Mitglied ist ansprechbar auf Spenden. Aus Spendern können Zustifter und Sponsoren werden. Fundraising ist Friendraising, wie die Amerikaner sagen. Der Mitgliederwerbung, Mitgliederbetreuung und dem Aufbau von Mäzenen und Sponsoren für das Haus messe ich eine ganz hohe Bedeutung bei.

Und wo geht die Reise inhaltlich hin?
Boecker: Wir haben zunächst einmal das Jubiläumsjahr 2014 vor Augen, wenn wir 125 Jahre Verein Beethoven-Haus feiern. Da gibt es verschiedenste Planungen um einen Rückblick auf das Erreichte, die bewegte und bewegende Geschichte des Hauses zu geben, sowohl in unserer wissenschaftlichen Abteilung, dem Archiv, als auch in unserem Kammermusiksaal und natürlich im Museum. Das wird gerade intensiv vorbereitet.

Was steht noch an?
Boecker: Wir wollen auch einen Ausblick geben, welche Rolle wir im Hinblick auf das Beethovenjahr 2020 spielen. Welche Impulse sind vom Beethoven-Haus zu erwarten? Darüber würden wir uns gerne spätestens 2014 erklären.

Auch in der Satzung gibt es Veränderungen. Was ist aus Ihrer Sicht die gravierendste?
Boecker: Wir haben die intensive Satzungsdiskussion der letzten Monate inhaltlich abgeschlossen. Das war ein großes Thema. Wir wollten Änderungen herbeiführen, um die Zusammenarbeit zwischen dem Vorstand, der Mitgliederversammlung, den Kuratoren und den Mitarbeitern insgesamt zu verbessern. Damit steht das Haus nun auf einer etwas anderen Grundlage als vor meiner Zeit. Der Direktor ist nicht mehr unterhalb des Vorstandes angesiedelt, sondern als geschäftsführendes Mitglied integriert. Damit ist sichergestellt, dass auch im Vorstand die Positionen und Diskussionen des Hauses direkt repräsentiert sind und nicht nur mittelbar.

Welche Rolle spielt der mögliche Neubau eines Festspielhauses bei Ihrer Planung für das Jubiläumsjahr 2020?
Boecker: Die Errichtung eines Festspielhauses ist eine wichtige Rahmenbedingung für unsere Arbeit, aber nicht deren Inhalt. Als Direktor kann ich nur die Dinge planen, die wir selbst steuern können. Der Bau des Festspielhauses gehört aber nicht zu unseren Aufgaben. Klar ist, dass das Festspielhaus ganz unmittelbar und positiv auf den Gesamtkontext Beethovenstadt Bonn und damit auch auf das Beethoven-Haus ausstrahlen würde. Deshalb unterstützen wir die Realisierung ausdrücklich. Für uns würden sich neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen: Etwa bei der Frage einer zusätzlichen Sonderausstellungsfläche. Oder bei der Veranstaltung von Kammermusik im neuen Festspielhaus. Hier sehe ich auf jeden Fall eine Kompetenz und Rolle des Beethoven-Hauses.

Sie haben ja bei Gelegenheit bereits erwähnt, die alte Tradition der Kammermusikfeste neu zu beleben. Gibt es da konkrete Ideen?Boecker: Die Kammermusikfeste, die 1890 von Joseph Joachim begründet wurden, sind es wert, wieder belebt zu werden. Sie erlauben in ihrer Verdichtung ein noch beziehungsreicheres Programm, als das unterjährige Angebot. Sie würden einen wichtigen zusätzlichen Baustein für den Konzertkalender der Beethoven-Stadt Bonn bedeuten und die Beethovenfeste gut ergänzen.

Wie lässt sich die Anziehungskraft des Beethoven-Hauses als Zentrum der Beethovenforschung weiter ausbauen?
Boecker: Die international herausragenden Beethoven Forscher sind mit dem Haus eng verbunden. Die führenden Biografen Lewis Lockwood und Jan Caeyers sprachen bei ihren Besuchen beispielsweise vom Beethoven-Haus als einem Nerven- und Epizentrum der Beethovenforschung. Derzeit sind wir noch sehr stark auf die Herausgabe der neuen kritischen Gesamtausgabe ausgerichtet. Die Frage stellt sich aber, was die Forschungsschwerpunkte für die Zukunft sein sollen. Da wollen wir noch klarere Antworten geben.

Wie steht es mit der wissenschaftlichen Nachwuchsförderung?
Boecker: Alles, was professionelle junge Wissenschaftler und Musiker ans Haus bindet, ist richtig und mir ganz wichtig. Das Kolleg mit jungen Wissenschaftlern im August hat gezeigt, dass derzeit nur an wenigen Universitäten zu Beethoven in der Tiefe gearbeitet werden kann, wie in Bonn. Wir haben hier den besten Zugang zu allen Quellen weltweit, zur Sekundärliteratur, zu den Handschriften. Dazu Betreuungsangebote zu unterbreiten, kann die Karrieren der Wissenschaftler maßgeblich beeinflussen. Ähnliches gilt für die jungen Musiker. Die haben hier ganz andere Möglichkeiten, einen interpretatorischen Weg zu Beethoven zu finden, als an Konservatorien und Musikhochschulen.

Die Interpretationskurse wird es also weiterhin geben?
Boecker: Die von Kurt Masur initiierten Kurse zählen sicher zu unseren wichtigsten Angeboten. Das sollte auf jeden Fall fortgesetzt werden.

Wird es auch wieder Meisterkurse für junge Dirigenten geben?
Boecker: Die sind immer sehr viel aufwendiger, so dass wir uns die nicht so oft leisten können. Aber ich finde es wichtig, dass junge Leute hier im Hause die Möglichkeit zu Arbeitsaufenthalten, zu sogenannten Residencies erhalten. Wir haben aus dem Meisterkurs von András Schiff einen jungen koreanischen Pianisten eingeladen, wieder zu kommen. Eingeladen haben wir auch das englische Elias Quartet, das sich von einer Stiftung gefördert, drei Jahre lang ausschließlich mit Beethovens Streichquartetten beschäftigt. Natürlich soll Bonn für die dann auch eine Station sein. In Zukunft wollen wir für solche Ausnahmetalente verstärkt eine Art Mentorenrolle übernehmen.

Wie wichtig ist Ihnen das Emotionale für ihre Arbeit?
Boecker: Sehr wichtig. Auch wenn Beethovens Musik mal treffend als Philosophie in Tönen, als Musik über Musik, charakterisiert wurde, ist das hörende Verstehen doch vor allem ein sinnlicher Vorgang. Ich will auf jeden Fall versuchen, beim Thema Beethoven beides zu vermitteln. Nur biografische Fakten zu verbreiten, würde zu kurz greifen und war nie unser Anliegen. Unsere Besucher wünschen sich berührende Musikerlebnisse. Davon mehr zu bieten, sehe ich als wichtige Aufgabe an.

Sind Sie eher Rationalist?
Boecker: (lacht) Komme ich Ihnen zu sachlich herüber? Das Gegenteil von emotional ist ja nicht rational, sondern emotionslos. Und wenn ich jetzt abstreiten würde, rational zu sein, müsste ich mich ja als irrational bezeichnen. Beides trifft nicht zu. Die Wahrheit liegt wie immer in der Mitte. Ich hoffe, eine gute Balance zu finden.

Zur Person
Der in New York geborene und nahe Düsseldorf aufgewachsene Malte Boecker (41) ist seit dem 1. Mai Direktor des Beethoven-Hauses. Von 1997 bis 2000 wirkte der Jurist als Justitiar der Europäischen Kulturhauptstadt Weimar. Boecker war zuletzt Mitglied im erweiterten Führungskreis der Bertelsmann Stiftung. (Bernhard Hartmann und Dietmar Kanthak)