Gespräch vor dem Konzert

Beethoven-Experte Jan Caeyers tritt im WCCB auf

Ein Leben für Beethoven: Dirigent und Autor Jan Caeyers.

Ein Leben für Beethoven: Dirigent und Autor Jan Caeyers.

Bonn. Beethoven-Biograf Jan Caeyers ist erstmals in Bonn als Dirigent zu erleben - mit einem reinen Beethoven-Programm. Dem Komponisten widmete er mit Le Concert Olympique ein eigenes Orchester.

Der Besuch des Konzertsaals im WCCB am Freitag wird etwas von einer Zeitreise haben. An jenem 29. September kann man Zeuge eines Konzertabends werden, den Beethoven am Karfreitag des Jahres 1803 im Theater an der Wien gegeben hat. Das atmosphärische Umfeld mag am Rhein zwar ein wenig nüchterner ausfallen als am Originalschauplatz in der Donaumetropole, ein spannendes Experiment ist es gleichwohl.

Die musikalischen Fäden in Bonn zieht ein Mann, der sich mit Ludwig van Beethovens Leben und Werk auskennt wie nur ganz wenige: der Belgier Jan Caeyers. Man kennt und schätzt ihn als Autor der großen Biografie „Beethoven. Der einsame Revolutionär“ (Verlag C.H. Beck, 832 S., 29,95 Euro).

Doch er versteht nicht nur, über Beethoven zu schreiben, er geht ihm auch als Dirigent auf den Grund. Caeyers hat für seine Beethoven-Mission sogar ein eigenes Orchester gegründet: Le Concert Olympique. Beethovens Musik, so Caeyers, verlange ein sensibles Gefühl für die Artikulation und für das Verhältnis von Artikulation und Konstruktion. „Bei Beethoven hängt – mehr als bei anderen Komponisten – alles zusammen, alles hat eine Richtung“, sagt er im Gespräch, das bei gutem Wetter im Innenhof eines Bonner Hotels geführt wird. „Es ist eine wichtige Aufgabe des Dirigenten, diese Richtung zu bestimmen und alle Parameter zu steuern und zu lenken, damit diese Richtung hörbar und nachvollziehbar wird. Das ist der Grund, weshalb ich ein eigenes Orchester gegründet habe.“

Funktioniert die Zeitreise?

Zum modernen Konzertort in Bonn passt freilich, dass sein Orchester – mit Ausnahme der Blechbläser – auf modernen Instrumenten spielt. Dafür hat er gute Gründe. „Es fängt ja mit den Räumlichkeiten an.“ Die modernen Konzertsäle würden akustisch sehr stark von den alten Sälen abweichen. „Um das Klangenergiespektrum bei der Uraufführung der 'Eroica' im Palais Lobkowitz zu rekonstruieren, brauchte man ein viel stärkeres Orchester, als es bei der Uraufführung mit 24 Musikern zur Verfügung stand.“ Aber die rein zahlenmäßige Verstärkung würde wiederum das Klangbild verändern. „Der originale Beethoven-Klang war viel dunkler und hatte sehr viel mehr Tiefe, als wir es heute gewohnt sind“, sagt Caeyers. Das sei ein Problem, das auch mit authentischen Instrumenten der Beethovenzeit nicht gelöst werden könne.

Die Zeitreise funktioniert also nur bedingt, nicht nur weil das WCCB nicht das Theater an der Wien ist, sondern weil moderne Säle wie das konzerttauglich gemachte WCCB grundsätzlich ein anderes „Instrument“ sind als die historischen Orte, an denen Beethovens Musik ursprünglich zu hören war.

Aber die Reise funktioniert, was das Repertoire angeht. Das Konzert an jenem Karfreitag im April des Jahres 1803 zählt Caeyers etwa neben Beethovens Wiener Debüt als Dirigent im Jahr 1800 und den Uraufführungen seiner fünften und sechsten Sinfonie im Jahre 1808 oder der Uraufführung der neunten Sinfonie 1824 zu den ganz wichtigen in der Biografie des komponisten.

Das vielleicht wichtigste Konzert in Beethovens Karriere

„Aber“, überlegt Caeyers, „vielleicht ist dieses Konzert im April 1803 sogar das wichtigste für ihn gewesen, nicht nur für Beethoven selbst, sondern für die ganze Musikgeschichte.“ Es war nach der durch seine Krankheit verursachte Lebenskrise, die sich im „Heiligenstädter Testament“ von 1802 niedergeschlagen habe. „Er hat in seinen künstlerischen Ambitionen die Hierarchie umgedreht, und wurde von einem komponierenden Pianisten endgültig zu einem Komponisten.“ Das Schreiben neuer Musik sei nun sein zentrales Lebensziel geworden.

Durch dieses Umdenken habe er eine andere Haltung gegenüber dem Komponieren entwickelt. „Jetzt wollte er seinem Wiener Publikum eine Visitenkarte seiner neuen Musik präsentieren. Wenn wir den späteren Beethoven verstehen wollen, müssen wir unbedingt diese Musik verstehen. Der Schritt von der ersten zur zweiten Sinfonie ist größer und wichtiger als von der zweiten zur dritten. Mit diesem Konzert hatte er zum ersten Mal seinen ureigenen Orchesterklang gefunden. Wir haben es hier nicht mehr mit einem ausgedehnten Haydn zu tun, sondern mit etwas völlig Neuem.“

Gattungsübergreifend Sprache

Die von Beethoven vorgenommene Zusammensetzung des Programms für seine Akademie unterstreicht die These des Musikwissenschaftlers und Dirigenten. Es erklingen nicht nur eine Sinfonie (Nr. 2 D-Dur) und ein Klavierkonzert (Nr. 3 c-Moll), wie man's heute gewohnt ist, sondern auch als Vokalkomponist wollte Beethoven sich präsentieren, und zwar mit dem Oratorium „Christus am Ölberge“. „In diesem Werk hat Beethoven eine Sprache entwickelt, die gattungsübergreifend ist.“ Er habe die Gattungen durcheinandergewirbelt und neu zusammengesetzt. Ähnlich wie er es beim „Fidelio“ machte, bei dem, ausgehend vom Singspiel, immer höhere Abstraktionsebenen beschritten würden.

Freitag, 29. September, 20 Uhr, Konzertsaal im WCCB, „Beethoven 1803, Beethoven 2017“, mit Marlis Petersen (Sopran), Steve Davislim (Tenor), Dietrich Henschel (Bariton), Kristian Bezuidenhout (Klavier), Arnold Schoenberg Chor, Erwin Ortner (Einstudierung), Le Concert Olympique, Jan Caeyers (Dirigent), Werke von Ludwig van Beethoven. Karten bei Bonnticket.