Interview mit Thomas Melle

Bühnenstück "Bilder von uns" behandelt Missbrauch am Aloisiuskolleg

Am Donnerstag, 21. Januar, lädt das Theater Bonn zur Uraufführung des Stücks "Bilder von uns". Thomas Melle nimmt den Missbrauch an seiner Schule Aloisiuskolleg (Ako) zum Ausgangspunkt. Mit dem Autor sprach Ebba Hagenberg-Miliu.

Das Thema Missbrauch gilt als "abgefrühstückt" ...

Thomas Melle: Wenn die Medien verstummt sind, setzt die Kunst zu sprechen an. Erst mit genügend Abstand zum Geschehen kann man versuchen, den Komplex in ein Theaterstück zu übersetzen, das ihm noch einmal andere Dimensionen abgewinnt. Und "abgefrühstückt" ist das Thema nicht, solange es Machtstrukturen gibt, die ausgenutzt werden.

Ihr Stück erinnert an Fälle am Bad Godesberger Aloisiuskolleg?

Melle: Ich erzähle eine alternative Geschichte des Skandals. Der Ausschnitt, den ich wähle, beschränkt sich auf das Hochkochen der Tatsachen und die sofort anspringende Deutungsmaschine samt Kollaps. Auch Zuschauer, denen der faktische Hintergrund fremd ist, werden mit den Fragestellungen viel anfangen können. Es geht um eine Neubewertung der Vergangenheit, um den Kampf um eigene und kollektive Biografien.

Sind nicht auch Parallelen zum Ako-Haupttäter der letzten Jahrzehnte da?

Melle: Unbedingt. Und doch ist es kein Schlüsselstück, sondern Fiktion. Die Figuren teilen nur den biografischen Hintergrund miteinander, der wiederum motiviert ist von den tatsächlichen Ereignissen. Ursprünglich wollte ich viel deutlicher vom Faktischen abweichen, aber irgendwann fragte ich mich: Warum eigentlich? Es ist doch alles genau der richtige Rahmen für den Kampf, den ich beschreiben will, die richtige Wirrnis, die richtige Bestürzung.

Bei Ihnen geht der Kampf weiter?

Melle: Mit den flirrendsten Positionen, von Schuldzuweisungen bis zu Abwehrmechanismen, von Hysterisierungstendenzen bis zu Totschweigeversuchen. Jeder, der auf dieser Schule war, muss seine Vergangenheit neu betrachten. In was für einem System ist man eigentlich aufgewachsen? Diese Umdeutung hat ein fast schon lebensbedrohliches Konfliktpotenzial, wenn man es genau bedenkt.

Ist das Nackt-Fotografieren von Kindern überhaupt Missbrauch? Stichwort Edathy.

Melle: Mein Statement dazu ist mein Stück. Als Autor finde ich diese graduelle Verfehlung sogar interessant: Es sind Bilder, und auch die harmlosen werden von denen, die ins Pornografische gehen, kontaminiert. Wo beginnt der Übergriff? Ab wann werden Leben womöglich traumatisiert? Das ist auch von Mensch zu Mensch verschieden: Was dem einen ein Witz, ist dem anderen ein Trauma. Für den Dramatiker ist das erst einmal ein guter, schillernder Stoff.

Sie ziehen Parallelen zur griechischen Tragödie?

Melle: Der Einzelne findet sich in einem Schuldzusammenhang wieder, für den er nichts kann, und opfert sich und die Seinen symbolisch oder gar real. Und lädt so wieder Schuld auf sich.

Wie spielt Ihr persönlicher Hintergrund als ehemaliger Ako-Schüler ins Stück hinein?

Melle: Ich war vor Ort, kenne die Zusammenhänge, habe Erinnerungen angezapft, dann aber wieder, um des Textes willen, so getan, als wäre ich nicht dabei gewesen. Ich weiß genau, worum es geht, gerade ich, der ich, trotz aller Verachtung, dieser Schule auch viel verdanke.

Und wie beurteilen Sie den Stand der realen Aufarbeitung der Ako-Fälle?

Melle: Ich weiß nicht, wie dieses Problem zu lösen ist. Was wäre die adäquate Form? Wann wäre die Aufarbeitung zu Ende? Ich wundere mich über die Kleingeistigkeit, die offenbar wurde, gerade bei Menschen, die ich sehr schätzte.

Wie beurteilen Sie die Lage nach der aktuellen Ako-Erklärung?

Melle: Die Schule macht meiner Meinung nach einen großen Fehler: Sie integriert den Schandfleck nicht in ihr Selbstbild, tut meist nur das Nötigste, versucht, aus Gründen der PR - hier ganz weltliches Unternehmen - das Geschehene zu "managen". Dann wieder folgen unverhältnismäßig emotionale Beichten, die durch Kniefall mit allem abschließen wollen. Doch die Vergangenheit ist gegenwärtig. Die Schule müsste diesen Komplex deshalb aktiv in ihre Identität aufnehmen, um ihn tatsächlich zu verarbeiten - und so irgendwann womöglich wieder die Wahrhaftigkeit auf ihrer Seite zu wissen.

Zur Person

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, Absolvent des Aloisiuskollegs, schreibt Romane und Theaterstücke. Seine Romane "Sickster" und "3000 Euro" wurden für den deutschen Buchpreis nominiert. Für das Theater Bonn übersetzte er in der letzten Spielzeit William Shakespeares "Königsdramen", die Alice Buddeberg in der Halle Beuel als zweiteiliges Theaterspektakel in Szene setzte.