Lesung in Bonn

Autor Gunnarsson: "Scham war sein täglich Brot"

Das Cover des neuen Buches von Pétur Gunnarsson.

BONN. Eine Jugend in Island ist kein Zuckerschlecken. Aber Spaß muss sie zumindest Pétur Gunnarsson gemacht haben. Ende der 70er Jahre schrieb der 1947 in Reykjavík geborene Autor seine Tetralogie über Andri Haraldsson. Der zweite Teil, "ich meiner mir mich", ist gerade auf Deutsch erschienen und wird am Dienstagabend (13.03.) in der Buchhandlung Böttger vom Autor präsentiert.

Andri ist nicht zu beneiden. Der Vater hat die Familie verlassen und lebt mit einer neuen Frau zusammen. Andri, seine Mutter und seine Schwester mussten in ein anderes Viertel ziehen. Neue Freunde, neue Feinde, neue Herausforderungen. Und das mitten in den Gefühlsstürmen und Schamanfällen des pubertierenden Andri. "Scham war sein täglich Brot", schreibt Gunnarsson, "er schämte sich für sich selbst, für seine Eltern, vor allem dafür, dass seine Mutter in einem Milchladen arbeitete."

In der Schule ist die Hölle los. Andri sei in einer "Trottelklasse" gelandet, schreibt der Autor, der das turbulente Leben des Jungen in einem atemlos-sprunghaften, tagebuchartigen Duktus, einer mal poetischen, mal sehr direkten Sprache erzählt.

Eine einzige Ruhephase gibt es in Gunnarssons quirligem Roman. Die dauert exakt 13 Zeilen und schildert, wie Andris Mutter Ásta ein Bad nimmt und dabei "leicht wie eine Feder wird". Dann klingelt Andri und meldet sich von der Ferienarbeit als Pferdejunge zurück - inklusive ersten Bartstoppeln und langen Haaren. Mit feiner Komik begleitet der Autor Andri durch die Stromschnellen der Jugend. Es geht natürlich um Mädchen und um den geheimnisvollen Knopf, den man bedienen muss, "damit sich alle Zugänge öffneten". Und es geht um falsche Erwartungen, die die Lektüre von Pornoheften weckt.

Wunderbar schildert Gunnarsson Andris religiöse Initiation, die Konfirmation: Geschenke und Familientreffen, Erinnerungsfotos und die Konfirmationskleidung, "damit hatten sich die Kinder in kleine Damen und Herren verwandelt, eine Art Taschenbuchausgabe Erwachsener". Einziger Ärger beim Abendmal: Man muss sich Jesus Christus (in Gestalt der Oblate) "aus den Zähnen pulen".

Gunnarsson belässt es nicht bei der Schilderung witziger Episoden einer Jugend in Island, die phasenweise auch eine Jugend in Mitteleuropa sein könnte. Der Autor berührt ebenfalls gesellschaftspolitische Themen, streift das Phänomen der Stadtentwicklung und den Tourismus, der Mikrokosmos Familie wird ebenso beleuchtet wie die Identität der stolzen Isländer. Alles in allem ein verrückter, berührender Gesellschaftsroman.

Pétur Gunnarsson: Ich meiner mir mich. Roman, Weidle, 118 S., 16,90 Euro. Der Autor liest am Dienstag, 13.03., um 20 Uhr bei Böttger, Maximilianstraße 44.