Der verlorene Raum

Ausstellung der Bonner Kunstpreisträgerin Antonia Low im Kunstmuseum

Antonia Low im Bonner Kunstmuseum.

Antonia Low im Bonner Kunstmuseum.

Bonn. Das künstliche Licht im Raum ist schummrig und verbreitet eine Atmosphäre, wie man sie vielleicht in einer Bibliothek oder auch im Nebenraum einer Behörde erwarten würde.

Vom Eingang her scheint noch ein wenig Tageslicht herein, aber davon abgesehen liegt der "verlorene Raum" von Antonia Low gefühlsmäßig an einem anderen Ort als die restlichen Ausstellungsräume des Bonner Kunstmuseums.

Das passt, denn die 42-jährige Künstlerin interessiert sich für die immaterielle, nicht-sichtbare Verbindung zwischen Menschen und Räumen. Meist sind es Räume, die zwar in offiziellen Gebäuden liegen, aber dort abseits des repräsentativen, öffentlich zugänglichen Teils.

Als Antonia Low, die in Bonn, Dublin und Brüssel aufgewachsen ist, 2013 der Kunstpreis der Stadt Bonn verliehen wurde, war damit ein mehrmonatiges Atelierstipendium in einer europäischen Stadt verbunden. Die Künstlerin entschied sich für Brüssel, die Stadt ihrer Schulzeit. Dort begann, als eine Art Spurensuche nach dem menschlichen Faktor, die Arbeit für die jetzige Ausstellung im Kunstmuseum. Sie habe viele Menschen in Brüssel per Zufall, im Zug oder auf dem Spielplatz kennengelernt und dann von ihrem Projekt erzählt, berichtet die Künstlerin.

Sehr oft seien daraus weitere Kontakte entstanden, was nicht selten zu sehr persönlich geführten Rundgängen in den Nebenräumen großer Institutionen geführt habe. "Ich gehe ungern die offiziellen Wege", sagt Low. So sah sie sich im Goethe-Institut, im Justizpalast, dem Kulturzentrum Bozar, dem Opernhaus oder der deutschen Botschaft um, ließ sich von Angestellten deren subjektive Beziehung zur Architektur schildern und kehrte schließlich mit vielen Fotos, großem Gepäck und der Frage, inwiefern Räume an zwei Orten existieren können, nach Deutschland zurück.

Anscheinend ist eine solche Doppelexistenz möglich, jedenfalls bis zu einem gewissen Punkt. Im "verlorenen Raum" im Kunstmuseum stehen nun Stapelstühle, Schreibtische, Bilderrahmen, Metallschränke und das "Regalsystem Goethe Institut" im Raum verteilt, und was sich wie ein großes Durcheinander anhört, erscheint im Raum selbst wie die Materialisierung eines anderen Ortes. Mehrere transparente Vorhänge, auf denen im aufwendigen Digitaldruck Fotos der Marmorwände und der Glasfenster von Victor Horta aus dem Bozar aufgedruckt sind, hängen von der hohen Decke und verbreiten eine schwerelose Stimmung.

Kleine Dinge wie ein Kamm, Bücher, ein Rückenkratzer oder eine Vase liegen wie vergessene Accessoires auf den Regalen. Neben dieser gelungenen atmosphärisch dichten Installation hat Antonia Low noch eine weitere Arbeit, dieses Mal in exponierter Lage, entwickelt. Am oberen Absatz der großen Freitreppe erwartet den Besucher des Kunstmuseums ein geteilter Vorhang, der den Gang in die Sammlungsräume verdeckt und zugleich freigibt. Bedruckt ist der Vorhang, der seine dramatische Wirkung nicht verfehlt, mit einem Foto der Künstlerin vom Skulpturendepot des Museums. Dieser ansonsten verborgene Bereich darf bei Antonia Low nun die bekannten 15 Minuten Berühmtheit auskosten.

Ausstellung

Kunstmuseum Bonn, Friedrich-Ebert-Allee 2, Eröffnung heute Abend um 20 Uhr, bis 11. Januar. Di-So 11-18, Mi 11-21 Uhr, Katalog. Am 26.10. führt Kuratorin Irene Kleinschmidt-Altpeter um 11 Uhr durch die Ausstellung.