Brückenschlag zur Gegenwart

Ausstellung "Schnittstelle" im August-Macke-Haus Bonn

Schnittstelle: Marion Eichmanns Papierarbeit „Laundromat“ im Macke-Haus. FOTO: BENJAMIN WESTHOFF

Schnittstelle: Marion Eichmanns Papierarbeit „Laundromat“ im Macke-Haus. FOTO: BENJAMIN WESTHOFF

Bonn. Die Kunsthistorikerin Martina Padberg präsentiert im Bonner Museum August-Macke-Haus ihre Ausstellung „Schnittstelle“. Damit gelingt ihr der Brückenschlag zur Gegenwart.

August Macke im Profil, eine Locke vor der Stirn, eine widerspenstige Strähne, die vom Hinterkopf absteht, der Schnauzbart, der sich ebenfalls keck bemerkbar macht: 1913 schuf Ernst Moritz Engert den schwarzen Scherenschnitt des Freundes August, der besser als jedes Foto den Esprit des jungen Malers auf den Punkt bringt.

Engert war ein Virtuose dieser Technik. Ähnlich wie Lotte Reiniger, die Jahre vor Walt Disney einen abendfüllenden Animationsfilm schuf. „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ basieren auf 250.000 einzelnen Scherenschnitten. Auch Macke hat sich in dieser Technik versucht: Erst kürzlich tauchte ein exotisch anmutendes farbiges Blatt auf das einen Angler wohl auf dem Rhein vor dem Siebengebirge zeigt.

Das Medium des Scherenschnitts verkam aber zusehends zur Jahrmarktsattraktion, wirkte irgendwann etwas betulich. Doch damit ist die Geschichte nicht auserzählt. Die Kunsthistorikerin Martina Padberg hat recherchiert und präsentiert unter dem Titel „Schnittstelle“ im Museum August Macke Haus, was mit dieser Technik möglich ist. Nahezu alles, vom wand- und raumfüllenden Ensemble bis zur dreidimensionalen Miniatur, vom fragilen Linienkonstrukt bis zu einem brachialen Ausbruch mittels Schere und Cutter. 16 vornehmlich rheinische Positionen hat Padberg für eine außergewöhnliche Schau zusammengebracht. Nach zwei Ausstellungen aus dem Macke Kosmos beschreitet Klara Drenker-Nagels, Direktorin des Ende 2017 eröffneten Hauses, die Öffnung zur Gegenwart mittels „Brückenschlägen“.

Der Aktuelle startet bei Macke, Engert und Reiniger. Dann kommt Felix Droese mit seiner traurigen Männerprozession „Antiterroreinheit – unterwegs zu einem Begräbnis der Kunst“, die der jugendstiligen Eleganz von Engert Drastik, Derbheit und Brutalität entgegensetzt. Eine sehr starke Arbeit aus dem Atelier des Künstlers, die von der zarten, filigranen, lockeren, Improvisation und Kalkül vereinigenden Frauenwelt von Zipora Rafaelov kontrastiert wird. Thomas Gerber wiederum, der mit der sehr alten Technik des weißen Scherenschnitts arbeitet, nimmt den drastisch-ironischen Ton von Droese auf.

Scherenschnitt als räumliches Phänomen

Der Scherenschnitt als dreidimensionales Relief, das sich durch Farbe von der Wand absetzt, beschäftigt in sehr unterschiedlichen Nuancen Gabriele Basch und Hans Lankes. Auch Anett Frontzeks zarte Meereskarten lassen den Scherenschnitt als räumliches Phänomen erscheinen. Heike Weber führt diesen Kontrast weiter. Wie weit man es mit der Entmaterialisierung treiben kann, demonstrieren etwa Martin Noël mit seiner ausgeschnittenen Linie der Reihe „Zwischen Himmel und Erde“ und Katharina Hinsberg, die ihre ultrafeinen weißen Gitter vor einen weißen Hintergrund hängt. Subtil auch Cornelia Genschows Naturrecherche: Sie ist Mackes Bild vom Rhein bei Hersel nachgegangen, hat dort ein Wiesen-Knäuelgras gefunden, dessen Silhouette sie als Graffiti an der Museumswand verewigt.

Dass der Scherenschnitt etwas mit hoher Handwerkskunst zu tun hat beweisen die atemberaubenden Arbeiten von Lena von Goedecke. Sie hat per Hand Holzstrukturen aufs dünne Papier gemalt, das sie dann ganz fein ausschneidet. Annette Schröters ironisches Doppelporträt heroischer Werktätiger erscheint als filigranes Netz an der Wand. Es geht auch härter: So dominiert Andreas Kocks' „Exile Form Paradise“ mit großen Graphitelementen die Wand, während Charlotte McGowan-Griffin ihr Bild gleichsam in drei Schichten aufbricht und das Innerste nach außen wuchern lässt.

Marion Eichmanns „Laundromat“ demonstriert am deutlichsten, wie weit sich der Scherenschnitt seit Engerts Zeiten verändert hat. Die Akkuratesse und Präzision ist geblieben, doch Eichmanns wunderbarer Berliner Waschsalon wagt den Sprung in den Realismus, in die Sozialstudie. Detail für Detail hat die Künstlerin mit Schere und Cutter Papiere ausgeschnitten, sogar die Lüftung und der Rauchabzug sind so entstanden.

Museum August Macke Haus; bis 4. November, Di, Mi, Fr 11- 17, Do 13-21, Sa, So 11-17 Uhr. Katalog 29,90 Euro