Die Werkstatt in Bonn

Assoziativ, albern, aberwitzig und abgefahren - "Helmut Kohl läuft durch Bonn"

König Helmut sieht alles: (von links) Samuel Braun, Julia Keiling, Sören Wunderlich und Bernd Braun.

BONN. Im Foyer der Werkstatt ist er nicht zu übersehen. Zwei Wände sind gepflastert mit Fotos von Helmut Kohl. Vita und Karriere des Kanzlers der Einheit werden in Schwarz-Weiß dokumentiert und in einigen wenigen Karikaturen. Alle Lebensphasen sind erfasst, die Aura der Macht entfaltet sich auf den Fotos und die Zerbrechlichkeit des Alters.

Es lohnt sich, die Eindrücke im Gedächtnis zu bewahren. Denn das Stück "Helmut Kohl läuft durch Bonn" ist an der historischen Figur, dem ehemaligen Kraftzentrum der Republik, nicht wirklich interessiert. Die Uraufführung des Dramas von Nolte Decar (dahinter verbergen sich Michel Decar und Jakob Nolte) kreist vornehmlich um sich selbst.

Regisseur Markus Heinzelmann und sein Ensemble setzen Noltes und Decars selbstverliebte, assoziationswütige Kohl-Paraphrase in ein albernes, aberwitziges, anarchisches, mal abgehobenes, mal abgefahrenes Spektakel um. Es könnte auch heißen: "Sechs Personen suchen keinen Kanzler".

Stattdessen stürzen sie sich, vom Namen Kohl ausgehend, in Wortakrobatik, Verbal-Nonsens, Kleist-und-Schiller-Pathos, Slapstick, Songs und Projektionen. Es gibt König-Lear-Anspielungen, Kanzler-Duelle und einen Korea-Sketch, der die Schmerzgrenze locker überschreitet - "bis der Nordkoriander ausgeht".

Zeit, erfährt man auch, sei "nur ein Tropfen in einer Tiefkühltruhe". Die Schauspieler foltern Opernarien, singen Madonnas "Like A Prayer", tanzen, verrenken sich und kalauern, bis der Arzt kommt. "Bonn Corleone" tritt auf, und Helmut Kohl lutscht ein "Bonn-Bonn". Zu "Dreams Are My Reality" kommen sie dem Publikum ganz nahe; mich hat Samuel Braun umarmt.

Ein paar Mal trifft das Stück ins Schwarze, dann teilen die Autoren, die sich offenbar für sehr smart halten, ihre gelegentlichen Geistesblitze mit dem Publikum. Ein Zuschauer, der offenbar keine Lust hatte, sich die meiste Zeit unter seinem Niveau zu amüsieren, buhte heftig, als Heinzelmann und seine Regiehelfer sich dem Publikum stellten. Die anderen in der Werkstatt applaudierten herzlich. Ist ja auch bald Weihnachten.

Christoph Ernsts Bühne steht voll mit sechs Mikrofonen, Kamera, Schlagzeug und Gitarre, Sofa, Sessel und Stühlen, einem großen Ascher und roten Säulen. Die Schauspieler (in alphabetischer Reihenfolge) Bernd Braun, Samuel Braun, Mareike Hein, Robert Höller, Julia Keiling und Sören Wunderlich toben mit einer Spiellust durch die Wortmüllkippe, dass aus Theater-Trash immer wieder Glücksmomente entstehen. Erneut zeigt sich: Das neue Bonner Ensemble hat viel Potenzial.

Sören Wunderlich darf Helmut Kohl sein, anfangs ein aus dem Adel stammender Sozialist mit Arbeiter- und Bauernkappe, später - nach einer Verwandlung à la Kafka - unser aller Kanzler, der "Ge'chichte" schrieb. Im Kanzlerduell mit Helmut Schmidt klugscheißt er um die Wette, im Kanzlerduell mit Gerhard Schröder säuft er sich besinnungslos. Am Ende liegt er am Boden, der Niedersachse hat gesiegt. Eine theater-plakative Deutung jüngster deutscher Geschichte.

Eindreiviertel Stunden dauert die Aneinanderreihung szenischer Miniaturen, immer wieder interpunktiert von möglichen Stücktiteln wie "Ophelia auf Tauris" oder "Welpenbrand". Man sieht Nolte Decar förmlich vor sich, wie sie listig lächelnd solche Einfälle ausbrüten. Apropos. Eier sind wichtig an diesem Abend. Sie landen zum Schluss mehrheitlich auf dem Kopf und im Schritt von Sören Wunderlichs Helmut Kohl. Eigentlich ein würdiger Schlusspunkt. Denkste. Das Theaterkarussell dreht sich noch eine zähe Weile weiter, vornehmlich im Leerlauf.

Info: Die nächsten Vorstellungen: 23. und 27. Dezember, 7., 9., 14., 16., 17., 22. und 28. Januar. Karten gibt es bei Bonnticket und in den GA-Zweigstellen.