Alexander Braun ist neuer Kunstpreisträger der Stadt Bonn

Geschichten aus dem Wienerwald

Bonn. "Mir sind die Städte Feind, mir Freund die Wälder", dichtete Petrarca in seinem "Canzoniere" in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Doch nicht hier setzt der neue Bonner Kunstpreisträger Alexander Braun an, sondern bei Petrarcas amerikanischem "Kollegen" Henry David Thoreau, der 1845 in seiner Blockhütte bei Concord (Massachusetts) am Walden-See eine Auszeit nahm, um über Gott, die Natur und die Welt zu sinnieren - und das Werk "Walden.

Oder das Leben in den Wäldern" zu schreiben. Später wurde Thoreau zum viel zitierten Stichwortgeber für den zivilen Ungehorsam. Braun hat sich durch Thoreau und eigene Recherchen in Wäldern Amerikas zum Projekt "Walden" inspirieren lassen, zu dem der Salon-Verlag 2007 ein schönes Buch herausbrachte.

Bei der geplanten und durchaus sinnvollen Ausdehnung des breit angelegten, mit historischen Fotografien, Videos und Tuschezeichnungen operierenden Projekts auf europäisches Terrain kommt nun Bonn ins Spiel. Der 1966 in Dortmund geborene Braun überzeugte mit "Walden" die Jury des neu konzipierten Kunstpreises. Der sieht vor, dass sich Künstler mit einem Konzept für einen "Projektaufenthalt" bewerben.

Braun wählte aus den von der Bonner IVG-Immobilien AG angebotenen Zielen für ein Reisestipendium die Stadt Wien aus, nannte seine geplante Arbeit "Wien/Wienerwald". Und er skizzierte einen großen thematischen Bogen, der vom Naturschutzgebiet Wienerwald über Johann Strauß' walzerselige "Geschichten aus dem Wienerwald" und deren Demaskierung durch Ödön von Horváth bis hin zum schnöden, profanen Wienerwald-Hähnchen reichen soll.

Die Jury, bestehend aus dem Kunstmuseums-Intendanten Stephan Berg, Erika Coché, Vorsitzende des Kulturausschusses, dem Kulturdezernenten Ludwig Krapf, Ulrike Groos, Direktorin der Kunsthalle Düsseldorf, sowie Christoph Dahlhausen, Kunstpreisträger des Jahres 2003, musste unter 43 Bewerbungen auswählen. Insgesamt waren 58 eingegangen, von denen aber 15 an den Regularien gescheitert waren, wie Berg am Mittwoch bei der Vorstellung des neuen Kunstpreisträgers erklärte.

"Es ist ein sehr gut ausgestatteter Preis, mit dem wir uns nicht verstecken müssen", sagte Berg, der maßgeblich an der Novellierung der 2005 letztmals vergebenen Auszeichnung beteiligt war. Insgesamt beläuft sich dessen Wert nun auf 50 000 Euro: 20 000 Euro erhält Braun als Preisgeld, 20 000 Euro sind für Ausstellung im Kunstmuseum und Katalog eingeplant, zusätzliche 10 000 Euro kommen von der IVG-Stiftung für ein Reisestipendium in einer Niederlassung der Immobilien-AG von Amsterdam und Budapest bis Paris, Stockholm oder Warschau.

Der neue Preisträger ist ein klassischer Quereinsteiger. Er hat nur kurz an der Akademie in Münster studiert, wechselte dann zur Kunstgeschichte (bei Max Imdahl in Bochum, später in Berlin), promovierte, schrieb für Kunstmagazine und hatte diverse Lehraufträge unter anderem in Krefeld, Dortmund und Dresden. Erste Ausstellungen folgten in den späten 90er Jahren.

Inzwischen sind es mehrere Dutzend in ganz Europa. Aspekte seines "Walden"-Projekts hat Braun bereits in der Galerie der Stadt Remscheid, im Institut für moderne Kunst Nürnberg (Zumikon-Galerie) und in seiner Düsseldorfer Galerie Clara Maria Sels präsentiert. Geplant ist eine Schau im Dortmunder Museum am Ostwall.

In Bonn ist Braun noch nicht in Erscheinung getreten. Und wo bleibt dann der für den Preis zwingende Bonn-Bezug? "Der Liebe wegen bin ich vor drei Jahren nach Bonn gekommen", gesteht er. Einen schöneren Grund, Wahlbonner zu werden, gibt es wohl kaum.