Museumsmeile

1100 Besucher bei der Cage-Nacht

BONN. Das Finale war eine Riesengaudi: Um Mitternacht, nach einem fünfstündigen, in drei Museen absolvierten Cage-Marathon hatte das Beethovenfest Musiker und die 1100 Fans des Komponisten John Cage ins Foyer der Bundeskunsthalle zum gemeinsamen Zieleinlauf gebeten.

Musicircus: Dort wurde der Musicircus des Amerikaners gespielt. Das 1967 uraufgeführte Stück ist ein Happening und besteht aus nichts weiter, als der Einladung an möglichst viele Menschen, zur selben Zeit am selben Ort irgendwelche Klänge zu erzeugen.

Auch wenn nicht alle kamen: Das Foyer war bald erfüllt von heftigen Schlagzeug-Gewittern und lauter Trompetenmusik, zarten Geigenklängen, leisen Rezitationen und Blasübungen auf Bier- und Bionadeflaschen. Und alles gleichzeitig: ein herrliches Ständchen zu Cages 100. Geburtstag. Die Bonner Pianistin Susanne Kessel hatte das Finale vorbereitet. Unter anderem mit Bonner Schülern, die hübsch kostümiert mit ihren Musikinstrumenten am Rand aufgestellt waren. Es sei, sagte Kessel vorab, die erste Wiederaufführung in dieser Stadt seit der Deutschen Erstaufführung zum Anlass der Bundesgartenschau 1979 in Bonn, bei der übrigens Cage selbst zugegen war.

Cage im Kunstmuseum: Im Kunstmuseum hatte Kessel zuvor bereits in einer musikalischen und logistischen Glanzleistung vier ganz unterschiedlichen Programme gespielt. Für den ersten Teil waren "Ben und seine Freunde" dazugekommen. Hinter dem Namen verbergen sich Klangskulpturen von Peter Hölscher. Jede trägt einen Namen. Der Kölner Musiker Dietmar Bonnen etwa "schrubbe ein bisschen an der Anna rum", wie er vor der simultanen Aufführung von Cages "Solo for Piano" und den "Variation II" mitteilte. Als hübscher Kontrast dazu schloss sich der zweite Teil an, der dem - wie Cage - vor 20 Jahren gestorbenen Komponisten Olivier Messiaen gewidmet war.

Musiziert wurde aber dennoch ganz im Geiste des Simultanklang-Liebhabers Cage: Kessel nämlich kombinierte dessen Klaviermusik mit elektronischer Musik von Leon Milo, ihrem "Piano Waves"-Duopartner. Sehr schön glückte seine von Vogelgezwitscher geprägte Improvisation, die Messiaens Klavierstück "Regard du Père" atmosphärisch einleitete. Zu einem theatralen Ereignis wurden dann Cages "Sonates and Interludes" für präpariertes Klavier, die Susanne Kessel hinter einem Gaze-Vorhang spielte, auf dem unter anderem Ausschnitte aus Produktionen der Merce Cunningham Dance Company mit den wunderbaren Farben von Robert Rauschenbergs Bühne zu sehen waren. Für Cages Klavierzyklus "The Seasons" hatte Peter Hölscher "Liquid Images" entwickelt, die ebenfalls auf Gaze projiziert wurde.

Mit dem Harald-Schmidt-Band-Leader Helmut Zerlett an der Seite brach Kessel zum "Music Walk" (Cage) auf, bei dem beide Interpreten, ohne voneinander Notiz zu nehmen, zwischen Klavier und diversem Gerät herumspazieren und Töne und Geräusche erzeugen. Zerlett überraschte auch als versierter Cage-Kenner am Toy-Piano und vor allem mit einer Improvisation am Sampler mit Cages exotischen Prepared-Piano-Sounds.

In den anderen Räumen des Kunstmuseums wurde Cage mit Klassikern verbunden, wie es das Klavierduo d'Accord tat (das mit Tschaikowskys "Tanz der Zuckerfee" als Zugabe überraschte) und auch das Leipziger Streichquartett, das mit dem Posaunisten Mike Svoboda als fünften Mann angereist war. Sie kombinierten Cage, dessen berühmtestes Werk 4'33" hier übrigens in einer Version für Posaune solo zu erleben war, mit Monteverdi und Beethoven (Große Fuge). Ohne Cage kam das Klavierduo Amal mit Bishara Haroni und Yaron Kohlberg aus, das sein Programm arg konventionell mit Mozarts D-Dur-Sonate eröffnete.

Der Cage-Antipode: Als einen "Marathon" bezeichnete Pierre-Laurent Aimard den Boulez-Abend, den er gemeinsam mit der Pianistin Tamara Stefanovich in der Bundeskunsthalle bestritt. Eine "Herausforderung" für das Publikum und die Interpreten gleichermaßen, stand doch das Gesamtwerk für Klavier (außer den Structures I) von Cages Antipoden auf dem Programm. Dem Publikum halfen die beiden Pianisten durch verständlich plastische Moderationen durch den "seriellen" Marathon, in dem es ein zeitliches Spektrum von 60 Jahren - 1945 (Notations) bis 2005 (Une page d'Éphéméride) - zu überwinden galt.

Härte und Entschiedenheit bestimmen den Gestus der Boulez'schen Werke, obwohl zumindest in den früheren Stücken impressionistische Einflüsse spürbar werden.

Boulez' Ringen um Präzision und höchste Kontrolle auch in der offenen Form ließ Aimard und Stefanovich keineswegs zu bloßen Marionetten werden. Die serielle Musik ist für beide Künstler eine musikalische Erfahrung von essenzieller Bedeutung, die sie überzeugend weiterzugeben wissen.

Wandeln mit Cage: Beim Wandelkonzert mit Werken von John Cage kam das Publikum in Bewegung und durfte im Laufe des zweistündigen Konzerts einmal die Etagen des Haus der Geschichte durchschlendern. Insgesamt waren fünf Stationen aufgebaut: Bei der ersten, "Bundestag", interpretierten Andreas Seidel (Violine), Steffen Schleiermacher (Klavier) und Stefan Hussong (Akkordeon) Cages "Six Melodies". Bereits bei diesen noch sehr melodischen und volkstümlich angehauchten Werken erwiesen sich die Musiker als hervorragende Cage-Spezialisten, zu denen sich an der zweiten Station ("Atlas Eclipticalis") auch Cellist Friedrich Gauwerky hinzugesellte.

Ganz besonders ist die Leistung der Sängerin und Schauspielerin Salome Kammer hervorzuheben, die mit einer unglaublichen Spannbreite in Mimik und Stimme agierte. So war ihre Interpretation der "Aria" herausragender und zugleich amüsanter Höhepunkt des Konzerts.

Ohne Cage: Im Forum der Bundeskunsthalle war das Klavierduo Yaara Tal und Andreas Groethuysen im Rahmen der Cage-Nacht des Beethovenfestes zu hören, allerdings ganz ohne Cage. Den Blick richteten die Musiker dabei auf John Cages Einflüsse, beispielsweise Werke von Josef Matthias Hauer, die Cage selbst zur Uraufführung brachte. Mit Reinhard Febels Bearbeitungen Bach'scher Choräle gingen sie dabei zurück bis zum Barock. Besonders gewitzt kam die Solo-Interpretation Yaara Tals von Saties "Sports et divértissements" an, bei denen die von Satie verfassten Kurztexte eingeblendet wurden. Krönender Abschluss war Beethovens "Große Fuge", die in einer großartigen, präzise gespielten Interpretation zu hören war.

Cage trifft Kiefer: Man kann sich kaum gegensätzlichere Künstler vorstellen als John Cage und Anselm Kiefer. Aber gerade das machte den Reiz bei Rupert Hubers Cage-Projekt in der Kiefer-Ausstellung der Bundeskunsthalle aus: Ein Wandelkonzert mit Sängern des Ensemble Spinario sowie Tänzern und Schauspielern der Freyer Ensembles. Immer passierte irgendwo etwas, lautmalerische Gesänge, Deklamationen, elektronisch Verfremdetes, eine Strickende, die von Zeit zu Zeit ein Volkslied sang, ein Bärtiger, der sich auf der Schubkarre durch die Ausstellung schieben ließ, ein schriller Mopedfahrer. Alles war in Bewegung und mit den Akteuren auch das Publikum. Grundlage der Aktion: Cages "Song Books I und II" und deren Annäherung an Henry David Thoreaus Plädoyer zum bürgerlichen Ungehorsam. "Ich habe den Wunsch, den Unterschied zwischen Kunst und Leben auszulöschen", sagte eine Akteurin. Für einen kurzen Abend gelang das.