Bonner Maler Manfred Weil

„Mich kriegt ihr nicht!“

Eine außergewöhnliche Liebe: Ehefrau Alisa begleitete Manfred Weil auf seiner Reise in die Vergangenheit.

Eine außergewöhnliche Liebe: Ehefrau Alisa begleitete Manfred Weil auf seiner Reise in die Vergangenheit.

Bonn. Ein zauberhaftes Filmporträt des Bonner Malers und Überlebenskünstlers Manfred Weil wird in der Kinemathek gezeigt. Ergreifende Geschichte einer Flucht.

Darf in einem Film, der Flucht und Vertreibung, den Holocaust und das Grauen des Nazi-Terrors zum Thema hat, gelacht werden?

Wenn der Protagonist des Films Manfred Weil heißt, lässt sich das gar nicht vermeiden. „Ich zerknirsche mich nicht, ich mache mir doch nicht das Leben kaputt“, sagt der Bonner Maler in einer Szene. „Je älter ich werde, desto mehr kann ich über vieles nur noch lachen.“ Die Vorpremiere des Films in Köln hat Manfred Weil nicht mehr erlebt: Am 6. Mai 2015 starb er mit 94 Jahren und wurde auf dem alten jüdischen Friedhof an der Bonner Römerstraße beigesetzt.

Jetzt ist der Film an zwei Abenden in Bonn zu sehen. Dem Kölner Dokumentarfilmer Werner Müller ist ein wunderbar einfühlsames Porträt eines außergewöhnlichen Menschen gelungen, mehr noch: ein Roadmovie der besonderen Art. Denn Manfred Weil unternahm mit seiner Frau Alisa und dem Filmteam vor laufender Kamera eine Reise in die eigene, mehr als sieben Jahrzehnte zurückliegende Vergangenheit. Per Flieger, Zug und Auto machte sich die Truppe auf den Weg durch halb Europa, zu den Schauplätzen seiner abenteuerlichen, kafkaesken Odyssee; zunächst nach Köln, wo Manfred am 1920 als 1300 Gramm leichtes Frühchen zur Welt kam, als Sohn des liberalen und nicht besonders religiösen jüdischen Kaufmanns Emil Weil und seiner katholischen Frau Anna. Als Zwölfjähriger erlebte er in Köln die Machtübernahme der Nazis („Dieses Geschrei und dieses Gebrüll...“).

Bald muss sein Vater nach Antwerpen fliehen, die beiden Söhne folgen ihm, durchqueren in eiskalter Januarnacht 1939 die reißende Sauer und schlagen sich in die belgische Hafenstadt durch, wo Manfred die Aufnahmeprüfung für das Fach Malerei an der Königlichen Akademie der Schönen Künste besteht und in Windeseile Flämisch lernt. Eine kurze Atempause. Weiter geht die Filmreise in den Süden Frankreichs, wohin die jüdischen Staatenlosen von den belgischen Behörden in diverse Internierungslager abgeschoben wurden. In der Hölle von Gurs drängt der 57-jährige Emil Weil seinen 19-jährigen Sohn Manfred im März 1941 zur Flucht. Der entwirrt den Stacheldraht mit bloßen Händen, ein Bauer versteckt ihn („Es waren immer die einfachen Leute, die mir geholfen haben.“)

„Mich kriegt ihr nicht!“ – der Titel des Films war Weils Credo, um das Grauen zu überleben. Dank seines feinen Gespürs für Gefahr, seiner Begabung für Fremdsprachen und seines Talents, in fremde Rollen zu schlüpfen, entging der vogelfreie Staatenlose während der jahrelangen Flucht ein ums andere Mal den Häschern. Kurz und bündig lässt sich das mit zwei jiddischen Worten umschreiben: Der junge Mann hatte Chuzpe und Massel – in einer menschenverachtenden Welt, die ihm die Jugend raubte.

„Ich hatte nie Angst. Wenn ich heute überlege, warum ich keine Angst hatte, ist mir dies völlig rätselhaft.“ Regisseur Werner Müller nutzt klug und effektiv nachgestellte Spielszenen und Splitscreen-Technik, die Musik (u.a. Jazz-Gitarrist Joscho Stephan und Akkordeonistin Lydie Auvray) besticht mit atemberaubender Zärtlichkeit. Vor allem aber berührt der Mensch Manfred Weil: wenn er unterwegs seiner Frau Alisa die Lippen schminkt; wenn sich der alte Mann bückt, um im Brachland des einstigen Lagers Saint Cyprien ein Stück verrosteten Stacheldraht aufzuheben. Oder wenn sein rheinischer, sein jiddischer Humor hervorblitzt: „Café Wien hieß die Bude. Da stand an der Tür: Hunden und Juden ist der Zutritt verboten. Das Schild war aus Messing ... das hatte Geschmack.“

21. und 28. September jeweils 18 Uhr, Kinemathek in der Beueler Brotfabrik, Kreuzstr. 16. Am 21. September ist Regisseur Werner Müller zugegen.