„Ich will mich nicht festlegen, was ich bin“

„Jerusalemer Gespräche“ im Forum der Bonner Bundeskunsthalle

Vor der Kamera: Die Diskutanten der "Jerusalemer Gespräche". FOTO: BENJAMIN WESTHOFF

Vor der Kamera: Die Diskutanten der "Jerusalemer Gespräche". FOTO: BENJAMIN WESTHOFF

Bonn. Die dritten „Jerusalemer Gespräche“ im Forum der Bonner Bundeskunsthalle kreisten um das Thema „Kein schöner Land … Identitäten“

Das waren vielleicht zu viele Schwierigkeiten auf einmal für die Bundeskunsthalle: Pilotenstreik in Frankreich, Gewitter über Köln-Wahn, offenbar keine Zeit für einen Soundcheck, eine Moderatorin Sabine Adler, der es am Mittwochabend kaum gelang, sich durchzusetzen, und ein Hebräisch-Dolmetscher, der nicht seinen besten Tag hatte: Die dritten „Jerusalemer Gespräche“ im ausverkauften Forum der Bundeskunsthalle begannen holprig, uferten dann aus, was mit dem unpräzisen Thema „Kein schöner Land … Identitäten“ zusammenhing, das dem Thema „Heimat“ der ersten Runde der Gespräche arg ähnlich war. Vielleicht traut sich die Bundeskunsthalle einmal, konkretere politische Themen auf die Agenda zu setzen.

Das Podium war exzellent besetzt. Brillant der deutsch-französische Publizist und Soziologe Alfred Grosser, der das Identitätenthema schon in seinem aktuellen Buch „Le Mensch“ aufgegriffen hat. „Ich habe viele Identitäten“, sagte er, „ich bin Mann und nicht Frau, was viele Vorteile bringt, bin Professor und Beamter, kann nicht arbeitslos werden.“ Man müsse aber „Distanz zu den eigenen Zugehörigkeiten finden, um die anderen zu verstehen“.

Für die türkischstämmige, in Deutschland lebende Schauspielerin und Autorin Renan Demikan ist „Identität nicht etwas Statisches und Konstantes, sondern ein ständig wachsendes Ich“. Die deutsch-palästinensische Journalistin Diana Hodali sieht das ähnlich: „Ich will mich nicht festlegen, was ich bin“, sagt sie, die sich in ihrem Geburtsland Deutschland wohlfühlt und unter Repressalien leidet, wenn sie nach Israel und Palästina kommt: „Da bin ich trotz deutschem Pass eine Palästinenserin.“

Der orthodoxe jüdische Dichter, Siedler und im Westjordanland lebende Aktivist Eliaz Cohen berichtete von einem Erlebnis bei seiner Landung in Frankfurt, wo er urplötzlich und kurz Todesangst litt: „Ich fühlte mich als Verfolgter, ich, der ich aus der vierten Generation nach der Shoah stamme“, sagte er verwundert. Vielleicht gebe es ein kollektives Gedächtnis, das ihn so fühlen ließ. „In Israel fühle ich mich mehr als Israeli denn als Jude, jetzt fühlte ich mich mehr als Jude denn als Israeli.“

In Berlin verwurzelt

Die Schriftstellerin Deborah Feldman, die in der chassidischen Gemeinde in Williamsburg, New York, aufwuchs, hat eine ähnlich gespaltene Identität. Im Moment ihres größten Erfolges kehrte sie den USA den Rücken – „mit fehlte die innere Ruhe, ich fühlte mich in einem fremden Land“ – und orientierte sich nach Europa. „Ich ging nach Berlin, da bin ich verwurzelt, da habe ich mich von dem Jüdischen und der USA befreit.“

Jüdisch-Sein bedeute immer noch, eine Last zu tragen, sich der Dominanz religiöser Gesetze zu beugen, sagte Feldman. Und der in seiner jüdischen Identität fest verwurzelte Cohen pflichtete ihr bei: Die Omnipräsenz religiöser Gesetze sei unerträglich, „dieser Staat ist nicht demokratisch“, habe sich von den Ideen Theodor Herzls, Hauptbegründer des politischen Zionismus, weit entfernt. „Ich hatte nie einen Zweifel, dass Israel mein Ort ist“, sagte Cohen gleichwohl, trotzdem müsse man Israel gemeinsam mit den Palästinensern „zu einem anderen Land machen“.

„Ich bin ein jüdisch geborener, mit dem Christentum verbundener Atheist“, klärte Grosser schließlich die Runde auf. Er sei seit Langem mit einer gläubigen Frau verheiratet und verfahre nach dem 1. Konrintherbrief 14 in der Bibel. Der beginnt mit: „Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!“