Flüchtige Passanten

„Die Flaneure /Athen“ feiert Premiere in Bonn

Entspannte Situation: Szene aus „Die Flaneure /Athen“ mit Oleg Zhukov und Manuel Klein.

Entspannte Situation: Szene aus „Die Flaneure /Athen“ mit Oleg Zhukov und Manuel Klein.

Bonn. Uraufführung im Theater im Ballsaal: Das fringe ensemble zeigt „Die Flaneure /Athen“. Die nächsten Vorstellungen sind am kommenden Wochenende.

Der Flaneur taucht erstmals in der Großstadtliteratur des 19. Jahrhunderts auf. Mittlerweile gibt es überall kommerzialisierte Flaniermeilen. Der Flaneur ist ein Einzelgänger, der ziellos durch die Stadt streift, Eindrücke sammelt und frei verknüpft. Der Flaneur betrachtet die Stadt als Bühne und entziffert sie ohne vorgegebene Regeln. Er wird – wie es im Programmzettel zur Uraufführung von „Die Flaneure /Athen“ heißt – „als eigentlich aus der Zeit gefallene Figur gerade dadurch in unserer kreuz und quer verlinkten Welt wieder zeitgemäß.“ Im Auftrag des Bonner fringe ensembles sind die Bühnenbildnerin Annika Ley, der Musiker Gregor Schwellenbach und der Schauspieler Oleg Zhukov – jeweils einzeln – in die griechische Hauptstadt gereist. Ganz bewusst zum Ursprungsort der Demokratie und des Theaters. In der Regie von Frank Heuel ist aus ihren Aufzeichnungen und Fundstücken eine Inszenierung entstanden, bei der das Publikum im Theater im Ballsaal selbst eindreiviertel Stunden lang zum Flaneur wird.

Mit Lichterketten bestückte weiße Stoffbahnen markieren ein Gassen-Labyrinth, durch das man mit selbst gewähltem Tempo schlendern darf. Es gibt Bänke zum Verweilen, von denen aus man das Geschehen beobachten oder einfach nur zuhören kann. Wobei Letzteres schon ein Erlebnis für sich ist. Schwellenbach hat eine vielfarbige Soundkulisse geschaffen, in der sich fremde Gesprächsfetzen, populäre Tanzmusik und Alltagsgeräusche zu einem Hörbild vermischen. Auf einem Platz im Zentrum steht auf einem hohen Sockel eine kleine Athene-Statue, wie man sie massenhaft in Andenkenläden findet. In bestem Touristen-Englisch erklärt die Schauspielerin Justine Hauer dem Besucher die Bedeutung des Kunstwerks.

Es gibt viele kleine Dialoge über Krisen, wirtschaftliche Probleme und den Kampf ums Überleben angesichts von Arbeitslosigkeit und Lohndumping. Man hört von einem Shopping-Center, in dem fast alle Geschäfte geschlossen sind und erfährt, dass man vom Pyrgos-Tower den besten Blick auf die Akropolis hat. Es gibt im Hinterhof sogar ein kleines Kinozelt, in dem Oleg Zhukov von seiner Begegnung mit Odysseus im Flugzeug erzählt. Die fabelhaften Schauspieler David Fischer, Manuel Klein und Andreas Meidinger posieren manchmal wie antike Statuen und laden immer wieder zur Beobachtung von Miniszenen ein.

Auf den Wänden erscheinen gelegentlich Videoprojektionen, die Graffiti sehen aus wie überall, und oft stellt sich beim Besucher der Eindruck ein: Diesen Weg bin ich schon gegangen, aber irgendetwas ist jetzt anders.

Das alles ist häufig komisch und bewusst oberflächlich. So wie unsere fragmentarische Wahrnehmung beim Flanieren, wo ein winziger Hund Assoziationsketten in Bewegung setzen kann. Oder bei der Betrachtung von Fassaden und Passanten, Gesichtern und Augenblicken eine theatrale „Stadtlektüre“ entsteht. „Vom Ende des Flanierens“ heißt ein inzwischen über vierzig Jahre altes Prosagedicht von Peter Handke. Das fringe e nsemble hat mit seiner aufwändigen Produktion bewiesen, dass der entschleunigte Blick sich weiterhin lohnt. Eine Flanierreise nach London ist bereits geplant.

Nächste Vorstellungen am 21./22./23. September um 20.00 Uhr. Tickets unter Tel. 0228-7 97 90. Weitere Infos unter www.theater-im-ballsaal.de